Kühlschränke am Nordpol

21.09.2007

Weil in Israel und Jordanien Stromknappheit herrscht, wollen die beiden Staaten Atomkraftwerke bauen

Viele Gründe, Strom zu verbrauchen, gibt es im Nahen Osten nicht: Gekocht wird mit Gas, geduscht mit Hilfe von Solarkraft, bleiben also, neben dem abendlichen Licht und der Glotze, die hier an jeder Ecke läuft, nur noch Industrie, Kühlschränke, Heizungen und Klimaanlagen – aber die haben es mächtig in sich: Wenn in der Region die Temperaturen rauf oder runter gehen, ächzen in den Kraftwerken die Generatoren und schalten sich immer öfter ganz ab. Stromausfälle sind mittlerweile nahezu an der Tagesordnung, denn zu Spitzenzeiten fehlen in den Leitungen in Israel bis zu acht, in Jordanien an die zwölf Prozent des Bedarfs, und in der Zukunft, sagen Experten, werde das noch schlimmer werden: Im Jahr 2011, prognostizieren sie, könnten um die 20 Prozent des benötigen Stroms fehlen, wenn alles wie bisher bleibe. Die Regierungen in Israel und Jordanien wollen deshalb Atomkraftwerke bauen – gegen den Rat ihrer Umweltexperten, die fordern, die Milliarden lieber in Energiesparprojekte (vgl. ) zu stecken. Denn die würden einen Prozess des gesellschaftlichen Umdenkens erfordern, der so schwierig sein dürfte, wie der Verkauf von Kühlschränken am Nordpol.

Es ist so gut wie unmöglich, es zu verhindern: Man könnte laut "nein" brüllen und sich schützend auf seine Einkäufe werfen, aber damit würde man wohl riskieren, von den anderen Kunden für völlig bescheuert gehalten zu werden. Und so wandern in israelischen Supermärkten die Waren ungehindert aus dem Einkaufswagen aufs Band, wo sie von der Kassiererin über den Sensor der Kasse jener Mindestlohn-Dienerin zugeschoben werden, die am Ende des Bandes die Milch in eine Tüte, die Wurst in eine Andere, dann den Rest der Einkäufe in eine beliebige Zahl von weiteren Tüten und dann am Ende alles in eine große Plastiktüte steckt. Warum sie das macht?

"Keine Ahnung", sagt Luba, die heute den Packdienst macht, mit einem heftigen russischen Akzent: "Die Kunden wollen das so." Echt? Ist das wahr? Die Leute in der Schlange vor der Kasse schauen, als hätten sie gerade einen Marsmenschen gesehen, zucken mit den Achseln, ein älterer Herr sagt: "Was soll's? Das sind doch nur Tüten. Die werden am Ende verbrannt." Die Umstehenden, wohl froh, der Brandmarkung als Umweltsünder entkommen zu sein, atmen erleichtert auf .

Und in einem brüllend heißen Büro im Jerusalemer Industriegebiet, an den Wänden Klimakarten, Statistiken, Wasserstände von Seen und Flüssen, ein Bild des Toten Meeres aus der Zeit, bevor es zu sterben begann, verzieht ein Mann mittleren Alters entnervt das Gesicht. "Zum Aufatmen gibt es überhaupt keinen Grund," sagt Daniel Pinsker, Energie-Experte des israelischen Umweltministeriums, und setzt zu einer Rede an, deren Rhetorik, deren Nachdrücklichkeit darauf hindeutet, dass er sie schon x Male vor gelangweilten Ministern, uninteressierten Strom-, Wasser- und Industrie-Funktionären, super engagierten Umweltschützern gehalten hat:

Wir alle, Sie und ich eingeschlossen, sind 24 Stunden am Tag damit beschäftigt, nicht nur die Umwelt der Region und damit auch unsere Lebensgrundlage, sondern auch unseren Lebensstil zu zerstören. Wir verbrauchen zu viel Energie, zu viel Ressourcen und befinden uns deshalb bereits mitten in der Krise – der Kinneret (See Genezareth, d.A.), der Jordan, das Tote Meer (vgl. Quo vadis, Totes Meer?) sind nur noch Schatten ihrer selbst, die Luftverschmutzung im Gusch Dan (Großraum Tel Aviv, d.A.) erreicht nahezu monatlich neue Rekorde und außerdem fehlt auch zunehmend die Energie, um unseren, von ständig steigenden Ansprüchen geprägten, Lebenswandel aufrecht zu erhalten, was wiederum im Bau von mehr Kraftwerken und mehr Umweltverschmutzung resultiert, selbst wenn die Kraftwerke der neuen Generation, können Sie das bitte in Anführungszeichen setzen?, "sauber" sein sollten, denn mit einer größer werdenden Bevölkerung, weiter steigenden Ansprüchen wird der Müllberg größer, steigt die Luftverschmutzung, wenn wir nicht einen Weg finden, Lebensart und Umweltschutz in Einklang zu bringen.

Nur: Dass das geschieht, dafür gibt es zur Zeit nur wenige Anzeichen. Um die acht Prozent an Strom fehlen zur Zeit in Israel, wenn es ganz besonders heiß oder kalt ist; in Jordanien, wo die Probleme ähnlich sind, werden in diesen Phasen sogar zwölf Prozent mehr Saft gebraucht. Anders als der arabische Nachbar hat Israel allerdings keine Leitungsverbindungen in seine Nachbarländer, und kann deshalb einen Mehrbedarf nicht durch Zukäufe von außen decken.

Lösung des Energieproblems im Bau von Atomkraftwerken?

Das Ergebnis ist, dass die israelischen Elektrizitätswerke in einer oder mehreren Regionen für einige Minuten den Strom abstellen, um neue Reserven aufzubauen – und dass ist in letzter Zeit immer öfter der Fall. Nach Ansicht eines Sprechers wäre aber auch die Möglichkeit, in Jordanien oder Ägypten einzukaufen, keine Lösung:

Die Kosten dafür wären immens. Schauen Sie sich Jordanien an: Wenn die mehr Strom brauchen, müssen die zahlen, was dafür verlangt wird, denn welche andere Möglichkeit haben die denn?

Die Lösung des Energieproblems sehen die Regierungen der beiden Länder im Bau von Atomkraftwerken, und das obwohl dies die ablehnende Position des Westens gegenüber dem iranischen Atomprogramm schwächt, denn man hofft, dass die Atomenergie den Ausbruch einer neuen Energiekrise für Jahrzehnte verhindern wird. "Kurzsichtig" und "ignorant" nennt das Pinsker:

Ich bin davon davon überzeugt, dass die existierenden Kraftwerke völlig ausreichen – man müsste nur in sehr weitreichende Energiesparmaßnahmen investieren, die Menschen dafür sensibilisieren, dass ihnen die Flasche Orangensaft mit extra Vitamin C auf mittlere Sicht nicht gut tut, wenn sie aus Plastik ist und in einem auf arktische Temperaturen herunter gekühlten Supermarkt mit offener Tür in eine Plastiktüte verpackt wurde. Ich würde sogar behaupten, dass die Leute die Vorteile von Energiesparmaßnahmen sofort am eigenen Leib spüren würden.

Denn die aktuelle Situation sieht so aus: Kaum eine Wohnung, kaum ein Geschäftsgebäude ist richtig isoliert. Was das bedeutet, ist vor allem dann spürbar, wenn im Sommer die Hitze und im Winter die Kälte, und im Nahen Osten kann es entgegen der landläufigen Meinung bitterkalt werden, aus allen Ritzen dringen und Klimaanlage und mobile Heizung nur auf der höchsten Stufe eine gewisse Linderung verschaffen. "Würde man Hausbesitzern Anreize bieten, ihre Häuser anständig zu isolieren, Zentralheizungen zu installieren, würden die Bewohner weniger frieren und hätten eine niedrigere Stromrechnung", erläutert Pinsker.

Müll

Schwieriger wird es allerdings beim Müll: "Wir hier im Ministerium träumen immer von der Situation in Deutschland, aber die ist leider nicht eins zu eins auf unsere Gegebenheiten hier übertragbar." Das fängt mit dem System der Entsorgung zusammen: Private Müllcontainer sind selten, stattdessen stehen alle paar hundert Meter riesige Müllcontainer, die je nach Stadtverwaltung mehr oder weniger regelmäßig, und wenn gerade gestreikt wird gar nicht, geleert werden. Ein Recycling-System, bei dem die Bewohner eines Hauses dafür gerade stehen, dass in der Papiertonne wirklich nur Papier landet, wird damit unmöglich.

Problematisch ist auch die Rückgabe leerer Flaschen: Vor einigen Jahren hat der Gesetzgeber zwar Glas- und Plastikflaschen mit einem Pfand von 25 Agoroth, umgerechnet ungefähr 4,5 Cent, belegt, aber so gut wie niemand nimmt dieses System in Anspruch, weil es schlicht keinen Sinn macht. Der Grund dafür ist die Art, wie man in Israel einkauft: Die meisten Waren werden auf dem örtlichen Markt oder im Makoleth, eine Mischung aus Kiosk und Mini-Supermarkt, um die Ecke gekauft.

Und dort nimmt man die leeren Flaschen nicht zurück, weil der Gesetzgeber weder Ladenbesitzer noch Hersteller zur Rücknahme verpflichtet; die leeren Flaschen müssen stattdessen individuell an Recyclingunternehmen verkauft werden, die sich allerdings lieber auf die großen Supermarkt-Ketten konzentrieren, weil die das Leergut selber beim Recycler anliefern. Wer also seine leeren Flaschen zurück geben will, muss in den nächsten Supermarkt – und tut der Umwelt damit ebenfalls nichts Gutes. Denn die nächste Filiale ist meist so weit weg, dass sie nur mit dem Auto zu erreichen ist. "Von einer Öko-Bilanz möchte ich bei diesem System gar nicht mal sprechen," wütet Pinsker.

Allerdings: In Ramat Gan, einer überwiegend von Mittelständlern bewohnten Stadt vor den Toren Tel Avivs, ist eine Bürgerinitiative gerade dabei, eine Alternative zu bewerben. "Die Menschen müssen Anreize bekommen, Müll zu trennen, und so was hat immer irgendwie mit Geld zu tun", erläutert Rosie Fields, die Vorsitzende der Initiative:

Es gibt Firmen, die für Recycling-Materialien Geld zahlen; der Müll, der nicht recycelt wird, kostet hingegen nur Geld. Wenn man also ein enges Netz aus Recycling-Containern aufbauen und den Inhalt verkaufen würde, dann könnte die Stadtverwaltung die Anwohner belohnen, indem sie die Arnona (eine je nach Viertel unterschiedlich hohe Kommunalsteuer, d. A.) senken. Man muss es den Menschen so einfach wie möglich machen.

"Wir werden die Bürger dazu zwingen, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen"

Denn Appelle allein nützen nichts; Menschen begeistern sich erst dann für etwas, wenn es ihnen selbst etwas bringt. So lag in Jerusalem 30 Jahre lang ein Plan für den Bau einer Straßenbahn und die Verkehrsberuhigung der Innenstadt auf dem Tisch, ohne dass sich wirklich jemand seiner annahm – bis die Stadt Mitte der 90er Jahre begann, im Verkehr zu ersticken.

Mittlerweile wird die politisch umstrittene Rakeveth Kalah, wie sie hier genannt wird, gebaut und soll 2009 fertig sein: Dann werden viele Buslinien eingestellt und das Zentrum zum größten Teil für Privatwagen gesperrt - "wir werden die Bürger dazu zwingen, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen", sagt ein Sprecher der Stadtverwaltung.

Natürlich bringt das allerdings eine große Zahl von Bürgern auf die Barrikaden: "Eine Unverschämtheit" sei das, wettert eine Bürgerinitiative, jeder habe das Recht selbst zu entscheiden, auf welche Weise er sich fortbewegt. Unterstützung bekommen die erzürnten Bürger von Ladenbesitzern, die glauben, dass ihnen dann die Kunden weg bleiben und stattdessen lieber in die "Jerusalem Mall", ein gigantisches Einkaufszentrum draußen vor der Stadt, fahren werden – eine Befürchtung, die nicht ganz abwegig ist: Im Großraum Tel Aviv, zum Beispiel, hat der Ausbau des Bahn-Netzes für den Bau von Satelliten-Städten ohne Infrastruktur und damit zu mehr Autoverkehr gesorgt:

Ich glaube nicht, dass in Jerusalem das Gleiche passieren wird, aber grundsätzlich kann man schon sagen, dass nicht alles was sinnvoll scheint, auch wirklich sinnvoll ist. Man muss bei solchen Projekten immer möglichst viele Fachrichtungen an einen Tisch bringen, wenn man verhindern will, dass mehr Schaden als Nutzen erzeugt wird – und das geschieht nicht immer.

Daniel Pinsker

Umwelt kein Thema

Und das ist im Nahen Osten noch sehr viel schwerer als anderswo – wenn es überhaupt versucht wird: Eigentlich müssten Israel, die Palästinensische Autonomiebehörde, seit Kurzem mit abtrünnigem Anhang, Ägypten, Jordanien, ja selbst Syrien und der Libanon ihre Umweltprobleme gemeinsam angehen. Aber ein Blick auf die Landkarte der politischen Befindlichkeiten genügt, um zu erfahren, dass das nicht geschieht: Selbst Israel und die Palästinensische Autonomiebehörde reden nicht miteinander, wenn es um die Umwelt geht, die nicht nur schön anzuschauen ist, sondern wegen des Tourismus', der eine der Hauptwirtschaftszweige der Region ist, auch großes wirtschaftliches Potential hat.

Nur: Es gibt wichtigere Dinge zu besprechen; Angelegenheiten, von denen nicht selten Leben und Tod abhängen. Über den riesigen Müllberg, der derweil zum Beispiel außerhalb von Ramallah wächst, weil die Autonomiebehörde vor Jahren das Verbrennen des Mülls im Freien verboten hat, sprechen nur wenige.

Wie zum Beispiel ein Mitarbeiter des palästinensischen Umweltministeriums, der darum bittet, seinen Namen nicht zu nennen, weil er nicht mit den Medien sprechen darf: "Es ist eine Tragödie", sagt er, "Jeder hier lebt nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn." Mitte der 90er Jahre hatte es noch eine lange Liste mit Projekten, viele davon in Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen, gegeben – doch die meisten davon wurden, wegen der ständig wechselnden politischen Gegebenheiten, und vor allem wegen der Intifada, nie vollständig umgesetzt:

Und das, obwohl wir es noch sehr viel notwendiger hätten, unseren Verbrauch an Ressourcen einzuschränken – wir leiden sehr viel mehr unter der Energiekrise als Israel.

Lösungsvorschläge möchte in den beiden Regierungen niemand hören

Denn wenn die israelischen Kraftwerke mit der Produktion nicht mehr nachkommen, dann schaltet der Computer als Erstes die Palästinensischen Gebiete vom Netz. Das ist keine Bösartigkeit (die israelischen Siedlungen sind davon ebenfalls betroffen), sondern liegt daran, dass das Westjordanland und Ost-Jerusalem von einer jordanischen Elektrizitätsfirma beliefert werden, die den Strom, mangels einer Leitung nach Jordanien, in Israel einkauft. "Wir müssten dringend einen Weg finden, die Leute zum Strom sparen zu bringen, aber für die Leute kommt er eben aus der Steckdose," sagt der palästinensische Umwelt-Mann:

Dass der Strom aus Israel kommt, macht die Sache nicht einfacher – man fühlt sich nicht zuständig; die Israelis sollen eben was ändern.

Er und Pinsker kennen sich, telefonieren regelmäßig miteinander. Aber den Inhalt der Gespräche, die Lösungsvorschläge, möchte in den beiden Regierungen niemand hören: Die Regierungssprecher Israels verweisen auf die israelischen Errungenschaften in der Solarenergie, während Umweltminister Gideon Esra, einst Minister für innere Sicherheit, damit beschäftigt ist, mit seinen Kabinettskollegen Sicherheitsfragen zu diskutieren. Auf der palästinensischen Seite verweist man darauf, dass wegen der Besatzung die Hände gebunden seien: "Die Umwelt hat keine Lobby", klagt Pinsker:

Der Bau eines recht sauberen Atomkraftwerkes ist wohl im Moment das Höchste der Gefühle, wenn es um den Umweltschutz geht.

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