Himmlische Desktops und aufpoliertes Plastik

31.10.2007

Das volkstümliche Web 2 – Teil 2

Vor 2 Jahren schrieb ich den Artikel Das volkstümliche Web, darin versuchte ich die wichtigsten visuellen und akustischen Elemente des frühen Webs sowie die Gewohnheiten der ersten Menschen im Internet und deren Ideen von Harmonie und Ordnung zu katalogisieren, klassifizieren und zu beschreiben (Das Verschwinden der Homepages Teil 1 von Das volkstümliche Web 2).

Durchsichtigkeit

Wenn man sich die beliebtesten Layouts auf MySpace.com ansieht, wird man feststellen, dass die meisten ein großes Bild im Hintergrund haben, welches sich horizontal und vertikal wiederholt. Dieser Zurück-ins-Jahr-199-Schönheitsfehler ist wohl für immer Teil der Amateurkultur im Netz, und es stört niemanden: weder Dienste wie MySpace, noch die Nutzer selbst.

Wenn man sich Profile auf MySpace, Kanäle auf YouTube.com und die englischen Journale auf LiveJournal.com durchsieht, erkennt man, wie ähnlich sie ihren Vorgängern aus dem Web 1.0 doch sind. Trotz der Vielfältigkeit an multimedialen Elementen, neuen Grafiken, neuen Stilen und neuen Werkzeugen, unterscheiden sich die Seiten von Amateuren und Profis immer noch genauso deutlich wie vor 10 Jahren.

Der Hauptunterschied liegt darin, dass professionelle Seiten den Look anderer Medien nachahmen und Amateurseiten an die HTML-basierte Ästhetik gebunden sind, was auf dem modularen Ansatz beruht.

Während in den 1990ern professionelles Webdesign existierendes Print- oder Screendesign imitiert hat, versucht das Web 2.0 iPods und andere Geräte zu imitieren, die am Anfang des dritten Jahrtausends auf den Markt gekommen sind. Der grundlegende Look des Webs ist immer noch derselbe wie damals, er besteht aus einem Hintergrund mit Grafikbereichen, Videos und Texten, die sich gegenseitig überlagern, ohne wirkliche Struktur.

1991, noch bevor es das Web gab, schrieb J.David Bolter in "Writing Space: Der Computer Hypertext und die Geschichte des Schreibens":

Typografen und Grafikdesigner, die sich über das Durcheinander beschweren, welches unbefangene Nutzer auf Ihren Bildschirmen anrichten, sind selbst Kinder einer anderen Technology und neigen dazu die Schreib- und Zeichenfläche von Computern mit falschen Richtlinien zu beurteilen.

Benutzerprofile sind also die Erben der "Homepages" und folgen somit einer gewissen Tradition, ob sie es wollen oder nicht.

Doch es gibt eine neue, unverwechselbare Besonderheit, über die ich sprechen möchte. Seiten werden durchsichtig. Seit neuestem erlaubt es der MySpace-Profileditor die Deckkraft für Felder auf der Seite von 10 bis 100% zu bestimmen; YouTube bietet seinen Benutzern beim Gestalten seiner Kanäle eine Transparenz von 50 bis 100%.

Man kommt schwer an so einem tollen Angebot vorbei. Ein Effekt, für den man mit Adobe-Produkten Minuten braucht, kann im Web nun in Millisekunden erreicht werden. Auf Kosten der Benutzerfreundlichkeit bekommen Webseiten ein geisterhaftes und immaterielles Aussehen.

Durchsichtige Amateurseiten folgen auf ihre Art dem Trend von zeitgenössischem Interface-Stil, bei dem es darum geht, die Benutzerschnittstelle von der alten "Arbeitsplatz"-Metapher abzulösen und sie leicht benutzbar, ja fast himmlisch aussehen zu lassen.

Wie wir wissen, hat der Ausdruck "Transparenz" auf dem Gebiet der Forschungen über die Mensch-Maschine-Interaktion die umgekehrte Bedeutung als auf dem Gebiet der Optik und dem gewöhnlichen Wortgebrauch, welcher aus der Optik entnommen ist - dies führt oft zu Zweideutigkeiten und Missverständnissen. Das größte Problem jedoch ist, dass Systeme, die wirklich leicht benutzbar, intuitiv und transparent aus der Sicht eines Entwicklers oder Interfacedesigners sind, nicht gerade auf die Kompetenz und Fähigkeit des Users setzen, zu erkennen und zu verstehen, was eigentlich gerade passiert.

Im Jahr 2004 schrieb Sherry Turkle in der Einleitung der Sonderausgabe von "The Second Self":

Die Macintosh-Bedeutung des Wortes Transparenz wurde zu einer neuen lingua franca. Mitte der 90er meinten die Leute, wenn sie sagten, dass ein System transparent sei, dass Sie es direkt zum Laufen bringen konnten, und nicht, dass sie wussten, wie es funktioniert.

Jede dieser gedankenlos durchsichtigen Seiten, die innerhalb von 30 Sekunden gestaltet werden, obwohl der Benutzer eigentlich gar keine Ahnung hat, wie man sowas macht, veranschaulicht das Transparenzkonzept der Mensch-Maschine-Interaktion ziemlich eindrucksvoll.

Dieser bereits erwähnte professionelle Look des Web 2.0 - der "glänzende, runde Eckenstil", welcher nun in aller Munde ist, und schon oft parodiert wurde - basiert auch auf Durchsichtigkeit, jedoch folgt dieser einem Trend im zeitgemäßen Elektrogerätedesign und imitiert die coolen und teuren bonbonfarbigen Kunststoffe von Apple.

Es ist gut möglich, dass in sehr naher Zukunft "Durchsichtigkeit" genauso widersprüchlich verstanden werden kann, wie zur Zeit Transparenz, aufgrund der unterschiedlichen Phänomene, von denen Webdesigner heutzutage inspiriert werden: himmlische Desktops und aufpoliertes Plastik.

Ich überspringe einige große Themen:

  1. Unvollendete Untersuchungen zum Thema Katzen im heutigen Netz. Sie werden noch einmal so wichtig, dass in naher Zukunft Konferenzen zum Thema Internet LOLCats- oder Kätzchen des Tages- Ausschüsse gründen müssen, um wirklich wichtige Dinge zu diskutieren.

  2. Animierte Mauszeiger, ein ebenso lächerliches wie gefährliches Phänomen.

  3. Kalender fürs Leben: Beziehungen, Hochzeiten, Schwangerschaft, das Stillen von Kindern und wie alt sie gerade sind dienen als ultimative Lebensvisualisierung in Online Communities und Tagebüchern.

Diese und weitere Themen benötigen weitergehende Untersuchungen, und Zeit, die ich beim Anstarren von Glitzer Grafiken verplempert habe.

Glitzer

Wenn Sie jemals mit mir über Internet geredet - oder überhaupt mit mir geredet – haben, wissen Sie wahrscheinlich, dass es für mich nichts schöneres gibt als animierte GIF-Grafiken und Sternenhintergründe, bevorzugter Weise auch animiert. Ich mag es einfach, wie sie aussehen. Außerdem erinnern sie mich an lustige Zeiten, als User das weltweite Netz damit verkleideten und schmückten.

Das Onlineleben eines heutigen Nutzers ist gespickt mit unterschiedlichsten Attraktionen, und dennoch folgt es sehr genauen Standards. Es ist diszipliniert und formal. Für jedes Format, das man mit der Welt teilen möchte, gibt es einen speziellen Service, für jedes Interesse eine Community, für jede soziale Gruppierung ein Netzwerk. Es gibt Mash-ups für Künstler und Second Life für 3D-Begeisterte und Pelztiere (Furries). Es gibt sogar etwas für die Macher von animierten GIFs - Generatoren für Glitzergrafiken und Sammlungen von bereits fertigen.

Generatoren wie Glitter Text Generator erlauben es, so viel Text einzugeben, wie man will, um diesen zum Glitzern zu bringen. Man kann sich aus dem überwältigenden Angebot an funkelnden Dingen etwas aussuchen. Diese Sammlungen bieten Glitzergrafiken für jeden Anlass – gleich, ob man Hallo oder Auf Wiedersehen sagen, jemandem danken oder einen guten Tag wünschen will - oder einfach nur, um zu glitzern und den Mauszeiger sowie das Profilbild gleich mitglitzern zu lassen.

Meiner Meinung nach gibt es zwei wichtige Aspekte beim Phänomen der Glitzergrafiken.

Erstens sind Glitzergrafiken ein Markenzeichen der heutigen Amateurästhetik geworden, und ich bin mir sicher, dass funkelnde Grafiken einmal unsere Zeit symbolisieren werden, so wie die "Under construction"-Schilder die 1990er Jahre symbolisieren. Glitzer gibt es überall (in der Welt der benutzergenerierten Seiten), Glitzer wurde zu einer Meta-Kategorie. Diese Meta-Kategorie absorbierte alle anderen Kategorien bereits vorhandener Grafiken - Menschen, Tiere, Buttons und Sexgrafiken.

Ich habe den Augenblick, als Glitzergrafiken entstanden sind verpasst, und erst bemerkt, als ich vor 2 Jahren über glittertextgenerator.net gestolpert bin. Mittlerweile sind einige Seiten hinzugekommen:

  1. glitterfy.com
  2. glittermakercodes.com
  3. addglitter.com
  4. glittergraphicsnow.com
  5. glittergraphicsweb.com
  6. glitterglobe.com
  7. Es scheint als wäre jedes Wort mit "Glitter" davor jetzt ein geeigneter Name für eine Webseite.

Zweitens komme ich nicht aus dem Staunen heraus, wie ähnlich und langweilig sie doch alle sind. Sogar die nackten Mädels aus der "Glitzer/Erotik"-Kategorie bewegen sich nicht mehr, sie glitzern nur noch. Auch mein Lieblingsheld Felix, der unermüdliche Felix, steht nun in der Luft und glitzert.

Dies ist der Animationstrend zu Zeiten, wo Vorlagen und Generatoren das Web regieren. Nennen wir es Rich User Experience for the poor. Der Grund für diese Popularität liegt jedoch nicht nur daran, dass Animationen nun so einfach zu erzeugen sind.

Danah Boyd, die über soziale Netzwerke an der Universität von Berkeley forscht, merkt an, dass der "auffällige Look von MySpace an das Image von Las Vegas erinnert, welches jährlich Millionen von Besuchern anzieht".

Meine Tochter, die fast 14 Jahre alt ist, findet, dass Glitzergrafiken das selbe sind wie glitzernde Aufkleber (nur digital). In ihrem Alter werden glitzernde Aufkleber als die wertvollsten Objekte betrachtet. Man bekommt mehrere nicht-glitzernde Dinge für eines, das glitzert.

Ein mit Pimpzilla gestyler Browser

Mein nahezu ehemaliger Student Dennis Knopf, großer Experte des Online Booty and move that thing-Segments, sieht eine direkte Verbindung zwischen Glitzergrafiken und der Pimp-Pop-Kultur, die wir vor MySpace hauptsächlich aus Hip-Hop Videos kannten.

Ich denke, sie haben beide Recht, und eins möchte ich noch zum Schluss anmerken. Wenn man Glitzer- und Sternhintergründe aus dem Kontext nimmt, sehen sie fast gleich aus - flackernde Lichtpartikel auf dunklem Hintergrund. Dennoch gibt es einen großen Unterschied zwischen den beiden. Sterntapeten repräsentierten die Zukunft, eine ergreifende Beziehung mit dem Medium von Morgen. Glitzer dekoriert das Web von Heute, routiniert und selbstverständlich.

Übersetzt von Tobias Leingruber

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Das Verschwinden der Homepages

Olia Lialina 21.10.2007

Das volkstümliche Web – Teil 1

Vor zwei Jahren schrieb ich den Artikel Das volkstümliche Web - Erste Siedler und Barbaren. Darin versuchte ich die wichtigsten Elemente des frühen Webs - visuell und akustisch - sowie die Gewohnheiten der ersten Menschen im Internet und deren Ideen von Harmonie und Ordnung zu katalogisieren, zu klassifizieren und zu beschreiben. Dabei handelte es sich um alles, was Ende des letzten Jahrhunderts, als professionelle Designer das Web entdeckten, verspottet wurde oder als nutzlos zeigte und nur noch von Zeit zu Zeit auf Retro-Webseiten oder in künstlerischen Arbeiten über "digitale Folklore" auftaucht: die "Under Construction"-Schilder, Weltraum-Hintergründe, MIDI-Dateien, Sammlungen von animierten Gif-Grafiken und so weiter.

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