Die Rückkehr der Klotüraushänger

Peter Mühlbauer 24.09.2007

In München soll ein Architekturexperiment auf Kosten des sozialen Wohnungsbaus verwirklicht werden

Wenn man von einem "mutigen Experiment" liest, dann sollte man hellhörig werden. Vor allem dann, wenn die Äußerung von Architekten und Politikern kommt.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Es geht um die Werkbundsiedlung Wiesenfeld in München. Auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne sollen 200-300 öffentlich geförderte Wohnungen entstehen. Stadtbaurätin Elisabeth Merk will das Modell des japanischen Architekten Kazunari Sakamoto durchsetzen, das wesentlich teurer ist als die Alternativen.

Insgesamt verursacht der Entwurf fast 12 Millionen Euro an zusätzlichen Kosten. Der Stadt mit den 3,3 Milliarden Schulden gehe es wirtschaftlich derart gut, so die Befürworter, dass sie sich "einen so wertvollen Beitrag zur Zukunft des Städte- und Wohnungsbaus leisten" solle.

Die Durchsetzung des exzentrischen Entwurfs würde allerdings rechtlich ein größeres "Augenzudrücken" erfordern: Die Kostenobergrenze für öffentlich geförderten Wohnraum liegt bei 1250 Euro pro Quadratmeter. Mit dem "Gemeinschaftswohnungsmodell" wird diese Grenze ohne Not um 200-600 Euro pro Wohnung überschritten. Deshalb müsste die Finanzierung über einen "Trick" laufen, bei dem die Stadt das zusätzliche Geld dem Programm "Wohnen in München IV" entnehmen soll.

Der von den Verfechtern als "poetisch" verteidigte Entwurf ist von beeindruckender, fast hundertwasserhafter Hässlichkeit. Eine unterschiedliche Gebäudehöhe soll "neue Blickbeziehungen" ermöglichen. Ob allerdings die potentiellen Mieter auf diese "neuen Blickbeziehungen" Wert legen, ist mehr als fraglich. Schließlich verzichtet kaum jemand auf Instrumente wie Gardinen, Vorhänge, Jalousien oder Rollläden, die eben solche "Blickbeziehungen" verhindern sollen.

Erzwungene "Gemeinschaft"

Ähnliches gilt für die geplanten "Gemeinschaftsräume" und "Gartenhöfe". Alle architektonischen Experimente der vergangenen Jahrzehnte zeigten relativ eindeutig, dass solche Einrichtungen nur von einer sehr kleinen Minderheit der Mieter genutzt werden – das allerdings lautstark. Die Freiflächen in größeren Sozialwohnungssiedlungen verkamen in sehr vielen Fällen zu Plätzen, in denen Sommers wie Winters Alkoholiker lautstark streiten und Jugendbanden herumlungern. Es scheint fast, als ob vor allem in den 1960er und 1970er Jahren ein Teil des Architekturgewerbes davon lebte, der Politik ein Bild des Zusammenlebens wie in einer Kindersendung vorzugaukeln, das sich in der Realität häufig als sein Gegenteil entpuppte.

Flankiert wurden diese Pläne damals von einer Ideologie der "Gemeinschaft". In ihren radikalen Ausprägungen, in den "Kommunen", ging diese Ideologie so weit, dass teilweise sogar die Klotüren ausgehängt wurden. Nun ist "Gemeinschaft" nicht grundsätzlich etwas Schlechtes – wird sie aber durch baulichen Zwang verwirklicht, dann kann einer ungewollten "Gemeinschaft" nicht mehr entkommen werden. Dies ist in der "Gemeinschaftszelle" in Gefängnissen nicht anders als in Wohnsiedlungen mit lärmerzeugenden "Gemeinschaftsbereichen".

Die scheinbar unerklärlichen, etwas unspektakuläreren Amokläufe der letzten Zeit, die es nicht auf die Titelseite der Bild-Zeitung, sondern nur in den Polizeibericht und den Lokalteil schafften, waren auffällig häufig lärmbedingt: sei es der Rentner, der seine bosnischen Nachbarn abschoss, oder der Italiener, der seinem türkischen Nachbarn mit der Kettensäge beikommen wollte.

Ein Experiment, das Wohnungen kostet

Durch die Mehrkosten fehlt das Geld für 132 Sozialwohnungen. Schon jetzt suchen in München 10.000 Bewerber eine Sozialwohnung. Die Dunkelziffer von Menschen, die zwar einen Anspruch hätten, sich aber aufgrund von Aussichtslosigkeit gar nicht erst bewerben, ist wahrscheinlich wesentlich höher. Und alles deutet darauf hin, dass sie in den nächsten Jahren stark ansteigen wird.

Nach dem Ende der Eigenheimpauschale brach der Wohnungsbau um die Hälfte ein. Eine neue Mietexplosion und Wohnraumknappheit in München gilt allein aufgrund dieser Entwicklung als sicher. Hinzu kommt, dass in den nächsten Jahren eine große Zahl von Sozialwohnungen aus der "Bindung" herausfällt – diese Wohnungen können dann frei zu einem wesentlich höheren Mietzins vermietet werden, der teilweise ein Vielfaches der Sozialmiete beträgt.

Der Werkbund will mit seinem Entwurf das "soziale Miteinander" fördern. Effektiv führt sein "mutiges Experiment" dazu, dass für die öffentlich finanzierte Verwirklichung des Hobbys einiger Architekten und Städtebauästhetik-Fans 132 Geringverdienerfamilien zu dritt oder viert in einem Zimmer hausen müssen. Soziales "Miteinander", das zeigt, wo "unten" und wo "oben" ist.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26258/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS