Die Taliban und die strategische Tiefe

Peter Mühlbauer 25.09.2007

Warum ein Politikerwechsel in Pakistan nicht unbedingt einen Politikwechsel bedeutet

Der pakistanische Präsident Pervez Musharrafs will sich am 6. Oktober durch die Abgeordneten des Parlaments in Islamabad und der Provinzparlamente für weitere fünf Jahre im Amt bestätigen lassen. Gerichtlichen Bedenken begegnete er damit, dass er verlautbaren ließ, im Falle seiner Wiederwahl den Posten als Militärchef räumen zu wollen. Und auf eine Ankündigung der islamistischen Parteien und der Moslemliga des ehemaligen Regierungschefs Nahwaz Sharif, die Wiederwahl zu verhindern, reagierte er, indem er Sharif die Einreise verweigerte und mehrere Politiker aus diesen Parteien verhaften ließ.

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Bis zum Donnerstag haben andere Bewerber noch Zeit, ihre Gegenkandidatur anzumelden. Ob ein Wechsel an der Spitze die grundlegenden Probleme Pakistans lösen würde, ist allerdings fraglich. Denn die beiden wichtigsten Opponenten Musharrafs, Nahwaz Sharif und Benazir Bhutto, standen bereits in den 1990ern pakistanischen Regierungen vor – zu einer Zeit, als viele der heutigen Probleme erst geschaffen wurden.

Sowohl Bhutto als auch Sharif orientierten ihre Politik an der Vorstellung, dass Pakistan "strategische Tiefe" für einen länger andauernden Krieg gegen Indien brauche. In die schwer zugänglichen Bergen der Nordwestprovinz und der Stammesgebiete sollte sich die pakistanische Armee im Falle eines indischen Angriffs zurückziehen können wie die sowjetische im Zweiten Weltkrieg. Das Problem, dass die Rüstungsfabriken aus dem Punjab wahrscheinlich nicht so einfach in das paschtunische Bergland verlegt werden könnten, wie Stalin dies mit den seinigen nach Sibirien vermochte, ließ man außen vor und betonte dafür, wie schwer zugänglich das Gelände auch für indische Soldaten sei.[1].

Zu dieser "strategischen Tiefe" sollte nicht nur die bei der Staatsgründung übernommene paschtunisch besiedelte Erblast aus dem britischen Kolonialreich gehören, wegen der es schon in den 1950er und 1960er Jahren schwere diplomatische Krisen zwischen Pakistan und Afghanistan gegeben hatte - ganz Afghanistan sollte Rückzugsraum für die pakistanische Armee sein. Deshalb setzte man in den 1990er Jahren nach dem Versagen des paschtunischen Mudschaheddin Gulbuddin Hekmatyar auf die Taliban, die das strategische Ziel Pakistans sichern sollten.

Das pakistanische Militär machte sich und der Regierung dabei Illusionen: So ging man unter anderem davon aus, dass die Taliban die Durand-Linie anerkennen würden, die das paschtunische Siedlungsgebiet teilt. Auch hoffte man, dass der Religionismus der Korankrieger den paschtunischen Nationalismus überwiegen und dadurch auch die Wiedervereinigungsbestrebungen im pakistanischen Nordwesten mildern würde. Zudem sollten sie ein Ventil für Pakistans Islamisten sein.

Das Gegenteil geschah: Afghanistans Ansprüche auf das Paschtunengebiet wurden aufrechterhalten, und der paschtunische Nationalismus verschwand nicht, sondern verband sich mit dem radikalen Islamismus – ein Gemisch, das schließlich auch auf Pakistan übergriff. Taliban-Krieger gewährten pakistanischen Islamisten großzügig Asyl. Die wiederum riefen von Afghanistan aus zu einem islamistischen Umsturz in Pakistan und zur Umwandlung in einen reinen Sunnitenstaat auf. War die paschtunische Jugend in den Madrassen Pakistans islamisiert worden, so erhielt sie in Afghanistan eine Ausbildung an der Waffe, für die sich auch in Pakistan potentiell Verwendung fand. Bereits 1997 befand Oliver Roy:

Der scheinbare Sieger Pakistan musste teuer für seinen Erfolg bezahlen. Mit dem Triumph der Taliban war die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan praktisch aufgelöst worden. Auf beiden Seiten glitten Paschtunenstämme in einen Fundamentalismus hinein und verwickelten sich zunehmend in den Drogenhandel. Sie gewinnen immer mehr Autonomie. Schon sind einige kleine fundamentalistische Stammesemirate auf pakistanischem Boden entstanden. Die Aufnahme Afghanistans, die de facto stattgefunden hat, wird die zentrifugalen Tendenzen in Pakistan verstärken"[2]

Dazu trug auch bei, dass die Paschtunen mit einem Anteil von 20% in der pakistanischen Armee stark überrepräsentiert waren. Die Geheimdienstleute, die in pakistanischem Auftrag in Afghanistan operierten, waren aus nahe liegenden Gründen ebenfalls häufig Paschtunen. Der islamische Fundamentalismus vieler ISA-Mitarbeiter war weniger geheuchelt als echt - was die Zusammenarbeit mit den Taliban erleichterte, aber auch dazu führte, dass diese Agenten ihre ganz eigenen Pläne und Strategien entwickelten, die nur teilweise mit denen der pakistanischen Staatsführung identisch waren. Ein pensionierter ISI-Mitarbeiter drückte es wie folgt aus: "Die Geheimdienstoffiziere", so der ehemalige Agent, seien "noch bessere Taliban als die Taliban selbst".[3]

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26267/1.html
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