Windenergie: Boom und Widerstände
In Husum traf sich letzte Woche die internationale Windenergie-Branche
Die internationalen Finanzmärkte sind nervös, wichtige Immobilienmärkte kriseln, der Internationale Währungsfonds korrigiert seine Wachstumsprognosen für Nordamerika und die EU nach unten, doch eine Branche zeigt sich von all dem völlig unbeeindruckt: Das Geschäft mit dem Wind. Am Samstag ging im kleinen Nordsee-Städtchen Husum die weltweit bedeutendste Windmesse zu Ende, die von Boom, Expansion und Optimismus geprägt war. Allenfalls beklagte man sich über zu lange Lieferzeiten und forderte Justierungen am Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).
Entsprechend der allgemeinen Aufbruchstimmung feierte die HusumWind neue Rekorde. Rund 18.000 Besucher waren aus 40 Ländern gekommen, etwa 1.000 mehr als zunächst erwartet. Fast 90 Prozent davon war nach Angaben der Veranstalter Fachpublikum, das sich durch die engen Gänge in vier Hallen und Großzelten zwängte. Dort boten 640 Aussteller aus 30 Ländern ihre Maschinen, Getriebe, Anstriche, Schmieröle, Kletterausrüstungen, Kredite, Ertragsberatungen und andere Dienstleistungen an.
Begonnen hatte 1989 alles mal recht bescheiden. Lange Zeit waren die zweijährigen Treffen von mittelständischen Betrieben geprägt, doch schon früh bekam die Messe durch die Nähe zum Windenergie-Pionier Dänemark eine internationale Note. Richtig abgehoben hat sie dann in den letzten Jahren: 1999 kamen erst 90 Aussteller, 2005 waren es bereits 520 und in diesem Jahr nun 640.
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Bereits im Frühjahr hatte man sich mit der Messe Hamburg darauf geeinigt, eine gemeinsame "Windleitmesse" in Husum zu veranstalten. Damit gaben die Hanseaten ihren Versuch auf, Husum Konkurrenz zu machen. Zweimal hatte man eine eigene Messe veranstaltet, war damit jedoch nicht auf einen grünen Zweig gekommen. Die nächste HusumWind soll nun schon im Herbst 2008 stattfinden, und von da an wieder alle zwei Jahre organisiert werden. Auf diesen Wechsel haben sich die Husumer mit der Hannoveraner Messegesellschaft geeinigt, die künftig in den ungeraden Jahren die Hannover Messe mit einer speziellen Schau für die internationale Windbranche bereichern will.
Sollte jemand gemeint haben, die relative Abgeschiedenheit der "grauen Stadt am Meer" könnte ausländische Besucher abschrecken, so sah er sich in diesem Jahr besonders getäuscht: Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger schickte eine Grußbotschaft und sein Kollege aus Iowa schaute gleich persönlich vorbei, um seinen Staat als idealen Standort für Anlagenbauer anzupreisen. Ein knappes Drittel der Besucher war aus dem Ausland angereist, und davon wiederum 30 Prozent von anderen Kontinenten. China war gut vertreten, ebenso Indien, die USA und Kanada. Auch aus einigen afrikanischen Ländern waren Interessenten und Vertreter der dortigen Verbände für erneuerbare Energien gekommen.
Plan übererfüllt
So konnte man auf einer der begleitenden Konferenzen einiges über die Entwicklung der Windenergie in Afrika erfahren. Äthiopien zum Beispiel plant bis 2012 die Errichtung von Anlagen mit 200 Megawatt (MW) Leistung. Standorte sind zum Teil bereits ausgesucht, aber die Tatsache, dass das Land keinen direkten Zugang zum Meer hat und die wenig entwickelte Infrastruktur stellen ein Problem dar, vor dem viele Hersteller noch zurückschrecken.
Etwas besser sieht es da schon in Ägypten mit seinen langen Küsten aus. Dort sollen in den nächsten Jahren per annum 700 MW errichtet werden, berichtete Galal Osman, Vizepräsident der World Wind Energy Association. Osman skizziert zugleich Pläne (PDF) eines trans-mediterranen Stromverbundes. Dieser könnte die Windenergiekapazitäten Nordwesteuropas mit den zu diesen jahreszeitlich komplementären Windkapazitäten Marokkos sowie dem großen Solarpotenzial Nordafrikas und des Nahen Ostens verknüpfen. Rückgrat eines solchen Systems wäre ein Netz aus Hochspannungsgleichstromkabeln. Die Abwärme der solarthermischen Anlagen, die in den nordafrikanischen Ländern zu bauen wären, ließe sich nebenbei noch zur Meerwasserentsalzung nutzen.
Etwas bescheidenere Pläne stellte der pakistanische Luftwaffengeneral Shahid Hamid, zugleich Direktor des Alternative Energy Development Board (AEDB) der Islamischen Republik Pakistan vor. In seinem Land sollen bis 2030 mindestens 9.700 MW Windleistung errichtet sein. Angesichts des Potenzials von rund 240.000 MW, das sich aus Windmessungen ergibt, scheint das noch sehr zurückhaltend zu sein. Doch die jüngste Entwicklung hat diese Regierungspläne aus dem Jahre 2003 bereits überholt. Allein in den nächsten zwei Jahren werden in dem aufstrebenden Entwicklungsland 4.200 MW installiert. Inzwischen sind die Erwartungen auch etwas höher gesteckt: Schon 2015 sollen zehn Prozent der Primärenergie aus erneuerbaren Quellen stammen. Für ein großes Flächenland wie Pakistan, in dem noch lange nicht alle Siedlungen an das öffentliche Stromnetz angeschlossen sind, sind erneuerbare Energiequellen wie Wind und Sonne in Verbindung mit adäquater Speichertechnik auch eine interessante Option um die Kosten des Netzausbaus zu reduzieren. Beim Nachbarn Indien gibt es bereits seit einiger Zeit ein Projekt, das entlegenen Dörfern zu elektrischen Strom mittels Fotovoltaik verhilft.
Auch in China wird Planübererfüllung erwartet, berichtete in Husum Shen Dechang von der Vereinigung der chinesischen Windanlagenausrüster. Bis 2010 sollen nach dem derzeit geltenden Fünf-Jahres-Plan 5000 MW installiert sein. Shen rechnet jedoch eher mit dem Doppelten. Ende 2006 standen in der Volksrepublik Anlagen mit einer Leistung von 2594 MW, rund 1300 MW waren im Laufe des Jahres hinzugekommen. 2007 lässt die bisherige Entwicklung erwarten, dass sich der Zuwachs fast verdoppelt, womit man schon ganz in die Nähe des Zieles für 2010 kommen würde.
Inzwischen gibt es in der Volksrepublik auch eine unglaubliche Vielfalt von Anlagenherstellern. Die Zeitschrift neue energie hat 60 gezählt. Der größte davon ist Global Wind aus der westlichen autonomen Provinz Xinjiang, der nach Shens Angaben im vergangenen Jahr 440 MW installiert hat. 60 Prozent des Marktes seien derzeit in der Hand von Ausländern oder von Gemeinschaftsunternehmen. Bei Vestas, dem weltweit führenden Windanlagenhersteller, schätzt man, dass die Volksrepublik in drei bis fünf Jahren den größten Windmark auf dem Globus darstellen wird. Das Wachstum könne aber noch beschleunigt werden, wenn die Einspeisevergütungen für Windstrom höher ausfielen. Ein Teil der Beobachter hält sie derzeit für zu niedrig. Vestas hat gerade ein zweites und ein drittes Werk in China eröffnet. Vier weitere sind geplant.
Forderungen ans EEG
Von diesen internationalen Märkten hoffen deutsche Hersteller, sich einen beachtlichen Anteil sichern zu können. Dennoch hätte man gerne den Heimatmarkt als sichere Abnehmerbasis im Rücken, doch auf dem sieht der Bundesverband Windenergie einige Wolken am Horizont. In den vergangenen zwei bis drei Jahren sind die Preise für die Rohmaterialien, insbesondere für Stahl und Kupfer, dramatisch gestiegen. Trotz höherer Stückzahlen, Fortschritten in der Produktivität und höheren Anlagenleistungen sind daher die Preise pro installierter Leistung gestiegen. Der Verband fordert daher, dass im Rahmen der derzeit laufenden Novellierung der Erneuerbare-Energien-Gesetzes die Degression ausgesetzt wird.
Dahinter verbirgt sich folgendes: Zu den Prinzipien des EEG gehört, dass nach einer gewissen Anlaufzeit die Einspeisevergütung, die den Betreibern garantiert wird, schrittweise abgesenkt wird. Ebenso sinkt die Einstiegsvergütung im Laufe der Jahre, das heißt, wer seine Anlagen später errichtet, bekommt weniger Geld für den eingespeisten Strom. Dahinter steckt die Vorstellung, dass die Anlagen mit stetigem Wachstum des Marktes zunehmend billiger werden. Das war bisher die Regel, ist jedoch derzeit aufgrund der Entwicklung an den Rohstoffmärkten nicht mehr der Fall, weshalb der BWE empfiehlt, die Degression für einige Jahre auszusetzen.
Bessere Einnahmen für die Betreiber der Windräder könnte aber auch eine andere Forderung des BWEs bringen, sollte sie in den nächsten Monaten vom Gesetzgeber aufgegriffen werden: Die Windmüller wollen, dass die Netzbetreiber, das heißt, die großen Gebietsmonopolisten E.on & Co., nicht nur den eingespeisten Strom, sondern auch den angebotenen Strom bezahlen müssen. Hintergrund ist folgender: Aufgrund von Verzögerungen beim Ausbau der Netze können insbesondere an der Nordseeküste seit Jahren die Windanlagen nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen, da die Kapazität der Leitungen nicht reicht. Nach Zahlen des Bundesministeriums für Umwelt und Reaktorsicherheit, die der BWE zitiert, wurden 2006 von Windanlagen 30,5 Terrawattstunden (TWh) (eine Terrawattstunde entspricht einer Milliarde Kilowattstunden) produziert. Möglich gewesen wären jedoch 37,81 TWh, hätten die Anlagen nicht bei gutem Wind aus dem Netz genommen werden müssen. Ein Schelm, wer dabei vermutet, diese Situation käme den Betreibern von AKWs und Kohlekraftwerken ganz recht, die besonders profitabel sind, wenn sie mit durchgehend gleicher Last laufen können.
So gibt es auch in Deutschland, dem Land mit der meisten installierten Windleistung, noch manche Hindernisse und Widerstände für den weiteren Ausbau der Windenergie. BWE-Präsident Hermann Albers verweist darauf, dass der Windstrom schon jetzt mit einer durchschnittlichen Vergütung von 7,5 Cent pro KWh den Strompreis drückt. In den neuen Kohlekraftwerken würden die Gestehungskosten bei acht bis neun Cent pro KWh liegen und durch die angestrebte Abscheidungs- und Einlagerungstechnik kämen künftig vermutlich weitere drei Cent hinzu. Mit Windstrom ginge es deutlich billiger, und dessen Zukunft sieht er mit den neuen Leistungsfähigen Anlagen vor allem an Land. In den norddeutschen Küstenländern sei etwa ein Prozent der Fläche für Windanlagen ausgewiesen. Würden die südlicheren Bundesländer diesem Beispiel folgen, so gäbe das ein Potenzial von 70.000 MW meint Albers. Derzeit sind in Deutschland etwa 21.000 MW installiert. Um die Klimaschutzziele der Bundesregierung erfüllen zu können, müssten – sagt Albers – jedes Jahr 3.500 MW hinzukommen.
http://www.heise.de/tp/artikel/26/26278/1.html- Das Problem ist, (8.10.2007 20:14)
- Und Gaslagerstätten? (8.10.2007 13:20)
- Die Aussagen ... (29.9.2007 3:20)
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