Das teure Scheitern
Die hohe Studienabbrecherquote soll Deutschland über 7 Milliarden Euro im Jahr kosten. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft fordert nun endlich erfolgversprechende Gegenmaßnahmen
Vincent van Gogh hat es getan. Günter Jauch und Herbert Grönemeyer ebenfalls. Auch Bill Gates, Bertolt Brecht oder Jürgen Drews. Und bei Peter Handke trieb die Entscheidung sogar literarische Blüten: "Nie habe ich von der Sache so unbeseelte Menschen erlebt wie jene Professoren und Dozenten der Universität", erinnerte er sich in seinem "Versuch über die Müdigkeit".
Was Handke und die anderen prominenten Studienabbrecher gemeinsam haben, fehlt den meisten Nachwuchsakademikern, die ihre Hochschulkarriere vorzeitig an den Nagel hängen: Attraktive berufliche Alternativen ergeben sich, wenn überhaupt, erst im Laufe der Zeit, und doch verlassen knapp 30 von 100 Studienanfängern die deutschen Hochschulen ohne den angestrebten Abschluss. Bei Studierenden mit Migrationshintergrund liegt der Anteil mit rund 45 Prozent noch deutlich höher.
Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat errechnet, dass mit der hohen Abbrecherquote nicht nur das Scheitern vieler persönlicher Lebensplanungen, sondern auch ein beträchtlicher ökonomischer Schaden verbunden ist. Vergleicht man die entsprechenden Quoten an Universitäten und Fachhochschulen mit den jährlichen Kosten für einen Studienplatz (etwa 4.500 €) und der durchschnittlichen Verweildauer der Abbrecher (7,5 Semester), dann ergibt sich laut Stifterverband ein staatliches Verlustgeschäft von 2,2 Milliarden Euro pro Jahr, während die gesamte Volkswirtschaft infolge fehl geschlagener privater Investitionen und ausbleibender Einkommen mehr als 7,6 Milliarden Euro verliert. Für Volker Meyer-Guckel, den stellvertretenden Generalsekretär des Stifterverbandes, gehört die überdurchschnittlich hohe Abbrecherquote zu den zentralen und bis auf weiteres unbewältigenden Problemen des deutschen Bildungssystems.
Dass fast 30 von 100 Studienanfängern die Hochschulen ohne Abschluss verlassen, ist ein Skandal. Die Abbrecherquoten in Deutschland sind im internationalen Vergleich viel zu hoch. Bund, Länder und die Hochschulen müssen endlich entschlossen dagegen vorgehen.
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Motive
Die Hochschul Information System GmbH (HIS) beschäftigt sich seit den 90er Jahren intensiv mit dem Thema Studienabbrecher. Infolge dessen gibt es vergleichsweise präzise Erkenntnisse über die Motive, die junge Menschen veranlassen, die einmal begonnene akademische Ausbildung vorzeitig zu beenden. In einer Studie aus dem Jahr 2005 werden fehlende Orientierungen, die nebulöse Studienmotivation, mangelnde Berufsvorstellungen und die schwierige Arbeitsmarktlage als persönliche Entscheidungsfaktoren ausgemacht, aber Bildungspolitik und Hochschulen leisten durch ihre obligatorische Reformunfähigkeit, unklare Zielvorgaben und mangelhafte Anreizsysteme einen ebenso beträchtlichen Anteil. Die Typologie der Studienabbrecher stammt bereits aus dem Jahr 1998. Seinerzeit hatte die HIS zwischen folgenden Varianten unterschieden.
Frühe Studienabbrecher ohne berufliche Neuorientierung (13%)
Frühe Studienabbrecher mit beruflicher Neuorientierung (27%)
Späte Studienabbrecher ohne berufliche Neuorientierung (7%)
Späte Studienabbrecher mit beruflicher Neuorientierung (24%)
Studienabbrecher aus familiären Gründen (9%)
Studienabbrecher wegen nicht bestandener Prüfungen (6%)
Studienabbrecher aus finanziellen Gründen (13%)
Bei rund 50 Prozent der Studienabbrecher kommt es demnach vorerst oder auf Dauer zu keiner beruflichen Neuorientierung. Da in Deutschland ohnehin schon deutlich weniger junge Menschen ein Hochschulstudium aufnehmen als in vielen anderen modernen Industriestaaten, verschärft die Abbrecherquote den Akademikermangel noch einmal deutlich.
Der Drei-Punkte-Plan
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des deutschen Bildungssystems, dass Politiker, Wissenschaftler und Funktionäre ganz offenbar an krisenbedingte Selbstheilungskräfte glauben und es deshalb jahrelang beim Zuschauen, Beobachten und Neubewerten belassen können. Dem Stifterverband ist diese Geduld nun abhanden gekommen. Ein Drei-Punkte-Plan soll schnelle Änderungen herbeiführen und die Abbrecherquote deutlich senken.
Zu diesem Zweck plädiert der Verband dafür, neue Zielvorgaben und Finanzierungsschlüssel zwischen Ländern und Hochschulen zu vereinbaren. Die Höhe der Landesmittel soll sich zukünftig nicht an der Anzahl der Studienplätze, sondern auch an der Zahl der zur Abschlussprüfung geführten Studierenden orientieren. Darüber hinaus fordert der Stifterverband eine "nationale Qualitätsoffensive für die Lehre".
Eine Milliarde Euro sollen in die nachhaltige Verbesserung der Lehre und Betreuung fließen – das Projekt könnte kostenneutral finanziert werden, sofern es gelingt, die Abbrecherquoten damit zu halbieren. Aber auch die zukünftigen Studierenden stehen in puncto Motivation und Einsatzbereitschaft in der Pflicht. Der Stifterverband will flächendeckende Eignungsfeststellungsverfahren, damit die Studienanfänger schon vor Beginn ihrer akademischen Laufbahn wissen, "was in den kommenden Semestern auf sie zukommt und was sie für das Studium an Fähigkeiten mitbringen müssen."
Detailfragen
Die Qualitätsoffensive im Bereich der Lehre wäre, wenn sie denn jemand finanzieren möchte, aller Voraussicht nach konsensfähig. Für die anderen Vorschläge des Stifterverbandes gilt das nur für den Fall, dass zuvor wichtige Detailfragen geklärt werden. Wenn die Landesmittel nach der Zahl der Absolventen bemessen werden, könnte die eine oder andere Hochschule in Versuchung kommen, ihre Statistiken ein wenig aufzupolieren und das Niveau der Abschlussprüfungen nach unten zu korrigieren. Um das zu verhindern, müssten folglich unabhängige Kontrollfunktionen zwischengeschaltet werden.
Auch die Idee der Eignungsfeststellungsverfahren birgt, so plausibel sie auf den ersten Blick erscheinen mag, in der Praxis mancherlei Risiken. Schließlich ist das Studium selbst Teil der Profil- und Persönlichkeitsbildung. Interessen und Fähigkeiten können sich mit den Lehrinhalten – oder auf eigenen Wegen des Forschens und Arbeitens – erst später entwickeln. Insofern dürfte es kaum möglich sein, alle Talente im Zuge einer pädagogisch-didaktischen Rasterfahndung zu erfassen. Die handwerklichen Ausgangsvoraussetzungen - etwa die Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens, das methodische Verständnis, Schreib- und Lesekompetenz und anderes mehr - ließen sich auf diesem Wege allerdings deutlich verbessern. Auch hier kommt es also auf die nähere Ausgestaltung und insbesondere darauf an, dass sich die zukünftigen Akademiker kritisch und konstruktiv mit den Herausforderungen eines Hochschulstudiums und den eigenen Möglichkeiten auseinandersetzen und nicht schematisch katalogisiert werden.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat die Vorschläge des Stifterverbandes in einer ersten Stellungnahme verhalten kommentiert. Die hohe Quote der Studienabbrecher sei zwar "für jeden Einzelnen ärgerlich, aber auch für das Land insgesamt eine große Belastung". Von der vielerorts bereits vollzogenen Umstellung auf die deutlich kürzeren Bachelor- und Masterstudiengänge verspricht sich die Ministerin allerdings bereits in absehbarer Zeit einen spürbaren Aufwärtstrend: "Die Studentinnen und Studenten merken dabei schneller, ob ihnen ein Studienfach liegt oder nicht."
Der Stifterverband sieht in einer erfolgreichen Umstrukturierung allerdings bestenfalls eine Teillösung, der weitere folgen müssen: "Die bloße Umstellung der Studiengänge auf die Bachelor- und Masterstruktur wird das Problem nicht lösen", meint Volker Meyer-Guckel, und liegt damit aller Voraussicht nach richtig. Die Dauer eines Studiums entscheidet schließlich nur sehr bedingt über seine Attraktivität, und solange sich die Grundbedingungen im deutschen Bildungssystem nicht maßgeblich ändern, wird sich wohl kaum verhindern lassen, dass die möglichen Protagonisten einer potenziellen Wissensgesellschaft den Hochschulen enttäuscht den Rücken kehren.
http://www.heise.de/tp/artikel/26/26323/1.html- 30% Abrecher oder Absolventen? (12.10.2007 11:11)
- links (5.10.2007 12:20)
- 160 Beiträge (5.10.2007 10:10)
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