Freier Fluss der Waren, aber nicht der Menschen und Ideen

06.10.2007

Nach einer weltweiten Umfrage schätzen die meisten Menschen die wirtschaftliche Globalisierung, aber sie fordern eine stärkere Begrenzung der Einwanderung und haben Angst vor dem Verlust ihrer Kultur

Die überwiegende Mehrzahl der Menschen auf der Welt schätzt den globalen Handel. Auch der freie Markt wird befürwortet, wenn auch schon weniger. Ausländischen Unternehmen steht man schon etwas skeptischer gegenüber. Aber man ist auch fast durchweg trotz Globalisierung gegen Immigranten eingestellt und fürchtet offenbar um die eigene Kultur. Die Mehrheit, meist weit über 80 Prozent, ist auch für einen Sozialstaat, der sich zumindest um die Armen kümmert, und setzt sich für Umweltschutz ein, auch wenn darunter die Wirtschaft leiden und dies Arbeitsplätze kosten sollte. Das sagen auch die Menschen aus den Entwicklungsländern.

Das Pew Research Center hat für Umfrage, die "globale Einstellungen eruieren soll, mehr als 45.000 Menschen in 47 Ländern befragt. Wirklich überraschende Ergebnisse kamen nicht heraus, aber manche Unterschiede sind doch interessant. Mit Mehrheiten bis über 90 Prozent begrüßen die Menschen den internationalen Handel, ausgerechnet aber in den USA findet die Idee, dass internationaler Handel von Vorteil ist, mit 59 Prozent am wenigsten Unterstützung. Die Skepsis wird vor allem von den älteren Menschen und solchen mit geringerem Einkommen sowie denjenigen getragen, die der demokratischen Partei zunehmen, getragen. Auch in Ägypten, Argentinien oder Italien können sich nur unter 70 Prozent damit anfreunden, Schweden und Deutschland liegen mit 85 Prozent in Westeuropa an der Spitze.

Gegenüber einer ähnlichen Umfrage aus dem Jahr 2002 ist die Meinung, dass internationaler Handel gut für das eigene Land, zwar besonders stark in den USA mit -19 Prozent abgebröckelt, aber auch Italiener (-12), Franzosen (-10), Briten (-8) oder Deutsche (-6) haben neben der Türkei, Indonesien, Nigeria und Uganda eine höhere Skepsis entwickelt. In den meisten Ländern gibt es eine positive Einstellung gegenüber multinationalen Konzernen. Ausnahmen sind Westeuropa und Nordamerika. Nur 45 Prozent der Amerikaner, 5 Prozent weniger als 2002, sagen, dass ausländische Unternehmen gut sind, in Deutschland sind es 47 Prozent (-10), in Italien sogar nur 38 Prozent (-12). Drastisch hat sich aber auch die Stimmung in Bolivien, China oder Uganda gewandelt, während in Polen, Jordanien, Bangladesch, Indien und Pakistan zweistellige Zuwächse bei den Befürwortern zu verzeichnen sind. Einiger ist man, was die Vorzüge des freien Marktes betrifft. Nur in Argentinien, Bulgarien, Japan, Jordanien und Indonesien sagen weniger als die Hälfte der Befragten, dass eine freie Wirtschaft gut sei.

Man würde, wie es die Ergebnisse der Umfrage nahe legen, freilich gerne die Vorteile der Globalisierung einheimsen, ohne die Nachteile oder unerwünschte Folgen zu akzeptieren. Längst ist zwar die Kultur ebenfalls globalisiert, aber die Angst ist stark, dass der Einfluss von außen zu groß werden könnte. Durch die Bank sagen die Menschen in fast allen Ländern, dass ihre Lebensweise verloren gehe und dass er geschützt werden müsse. Eine große Ausnahme sind hier die Schweden. Dass die Lebensweise geschützt werden müsse, sagen beispielsweise in den USA und Kanada 62%, in Deutschland 53%, Spanien 72% oder in Italien 80%, in den meisten Staaten Asiens, Afrikas oder des Nahen Ostens sind es mehr als 80 Prozent.

Die Angst vor Veränderungen zeigt sich am deutlichsten daran, dass weniger der freie Markt oder die Globalisierung der Wirtschaft verantwortlich gemacht wird, sondern dass der Wunsch nach Erhaltung der eigenen Lebensweise mit der Abwehr von Zu- und Einwanderern einhergeht. Da diese Wagenburgmentalität nicht nur in den reichen Ländern, sondern auch in den armen gleichermaßen herrscht, geht es dabei sicher neben der verbreiteten Xenophobie um die Angst, dass durch Zuwanderung Einbußen im Lebensstil entstehen könnten. Interessant ist, dass 75 Prozent der US-Amerikaner, also des klassischen Einwanderlandes, eine stärkere Beschränkung der Einwanderung fordern. Die Deutschen liegen mit 66 Prozent mehr in der Mitte, Briten (75%), Spanier (77%) und Italiener (87%) sind in Westeuropa, Tschechen (75%) und Russen (72%) in Osteuropa am wenigsten bereit, mehr Einwanderung zuzulassen. Polen, Schweden und Bulgaren verlangen hingegen deutlich weniger stark härtere Einwanderungskontrollen.

Die Südkoreaner (25%) geben sich besonders offen, aber auch Japaner (47%) und Chinesen (52%) sind weniger abwehrend, während über 80 Prozent der Menschen in Indonesien, Malaysia oder Indien für stärkere Einschränkungen der Zuwanderung sind. Abgesehen von den Palästinensern und Kuwaitern sind auch die Bewohner der anderen Länder im Nahen Osten für stärkere Zuwanderungsbeschränkungen, besonders wenig von Zuwanderung halten offenbar die Afrikaner, besonders ausgeprägt in der Elfenbeinküste (94%) oder in Südafrika (89%). In den lateinamerikanischen Ländern sind meist mehr als zwei Drittel für weitere Restriktionen.

Der Trend ist allerdings uneinheitlich. In Nordamerika und in Europa fordern gegenüber 2002 weniger Menschen schärfere Einwanderungskontrollen. Ausnahme ist Italien. Verstärkt hat sich die Abwehr gegenüber Einwanderern besonders stark in Bangladesch, Jordanien, Pakistan und Tansania. In Deutschland und Italien sagen zwei Drittel, dass Einwanderung aus Afrika oder dem Nahen Osten eine "schlechte Sache" ist, in Spanien (45%), Frankreich(44%) und Großbritannien (34%) sind die Menschen toleranter. In Schweden lehnen nur 28 Prozent Einwanderung aus diesen Ländern ab, 57 Prozent sagen sogar, diese sei gut.

Gefragt wurde auch, ob man an Gott glauben muss, um moralisch zu sein. Die weltoffenen und gastfreundlichen Schweden sind mit 10 Prozent am wenigsten gläubig und widerlegen damit auch zugleich die der Frage unterlegte Verbindung zwischen Moral und Glauben. Die Deutschen sind unter den Westeuropäern mit 39 Prozent – 6 Prozent mehr als 2002 - am meisten dieser Meinung, selbst bei den Spaniern und Italienern vertritt das nur ein Viertel. Ähnlich ist das bei den Osteuropäern. Dass die US-Amerikaner mit 57 Prozent im Westen am stärksten religiös sind, ist ebenso wenig erstaunlich wie extrem starke Bindung der Menschen aus den muslimischen Ländern an die Religion. In Ägypten, Jordanien oder Indonesien bejahten praktisch alle die Frage. Auch die Afrikaner sind stark religiös. Japan ist auf westeuropäischem Niveau, China kann mit 17 Prozent fast mit Schweden mithalten.

Immerhin ist die Mehrheit in den meisten Ländern dafür, Religion und Staat getrennt zu halten, allerdings ist die Zahl derjenigen, die "vollständig dieser Meinung" sind, seit 2002 in 33 Ländern zurückgegangen. Festgestellt wurde eine starke Verbindung zwischen der Religiosität eines Landes und dem wirtschaftlichen Wohlstand. Normalerweise ist in den armen Ländern die Religion wichtiger. Ausnahmen sind die USA und Kuwait. Während beispielsweise in den USA, in Kanada und Schweden nur ein Drittel der Meinung ist, dass Erfolg von äußeren Kräften abhängt, glauben dies 70 Prozent der Italiener und Deutschen.

Grafik: Pew

Selbst in den muslimischen Ländern ist die Mehrheit, wenn auch weniger als in anderen Ländern, der Meinung, dass Mädchen und Jungen die gleiche Ausbildung haben sollten. Gemischter ist schon die Einstellung, ob die Frauen ihren Ehemann aussuchen sollten oder ob dies eher die Familie machen sollte. Besonders abgeneigt ist man der selbständigen Entscheidung der Frau in Pakistan, Bangladesch, Jordanien, Ägypten und Indien. Zwar sagt die Mehrheit – mit wachsender Tendenz im Vergleich zu 2002 -, dass Frauen selbst entscheiden sollen, ob sie in Kopftuch tragen wollen oder nicht. In der Türkei oder Indonesien sind über 90 Prozent dafür, was in der Türkei aber wohl auch heißt, dass man gegen das staatliche Verbot ist, während man für mehr Freiheit in Indonesien ist, in dem in Teilen das Tragen verpflichtend ist. Vor allem in Äthiopien und Nigeria würde man dies am wenigsten gerne den Frauen überlassen. In vielen Ländern sind die Muslime für eine Trennung der Geschlechter an den Arbeitsplätzen. Das ist vor allem in Malaysia (80%), Palästina (77%), Äthiopien (70%), Pakistan (61%) und Kuwait (57%) der Fall.

Die anhaltende Diskriminierung der Frauen sieht man auch darin, dass ein Großteil der Menschen in den muslmischen Ländern der Überzeugung ist, dass Männer allgemein bessere führende Politiker abgeben. In der Türkei, im Libanon oder in Marokko sagt das aber weniger als ein Drittel. Ein Macho-Land ist hingegen Russland, wo 40 Prozent den Männern mehr zutrauen. In Russland wird – zusammen mit der Ukraine - im Vergleich zu anderen europäischen, lateinamerikanischen und nordamerikanischen Ländern auch Homosexualität am stärksten abgelehnt. Abgesehen von Japan sagt mehr als die Hälfte der Menschen in den afrikanischen, asiatischen und arabischen Ländern, dass Homosexualität nicht akzeptiert werden soll.

Die Frage, ob ihre Kultur der anderer Länder überlegen sei, beantworteten 68 Prozent der Italiener, 55 Prozent der US-Amerikaner, 52 Prozent der Kanadier und die Hälfte der Spanier mit Ja. Auch in allen anderen Ländern sind deren Bewohner von der Überlegenheit ihrer Kultur überzeugt. Nur Deutsche (57%), Briten (64%), Franzosen (68%) und Schweden (74%) sind hingegen mehrheitlich nicht dieser Meinung. Fehlt da der Patriotismus, den man sich bei CDU/CSU wieder herbeiwünscht, gibt man ihn nur nicht zu oder ist es ein hoffnungsvolles Zeichen, das endlich auch auf andere Länder überschwappen sollte?

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