Mönche und brennende Moscheen

06.10.2007

Die Rolle des organisierten Buddhismus in Myanmar und sein Verhältnis zum Staat

Obwohl durch die Berichte von Massakern an Mönchen und die Fernsehbilder der Demonstrationszüge der Eindruck einer grundsätzlichen Opposition der Mönche zur Militärregierung entstand, war das Verhältnis des organisierten Buddhismus zur Militärregierung bis in die allerjüngste Vergangenheit hinein durchaus symbiotisch und entspannt.

Die Demonstrationen in Myanmar hatten anfangs eher einen ökonomischen als einen politischen Hintergrund: Anlass war vor allem eine Erhöhung der Treibstoffpreise um bis zu 500%. Am 5. September soll es bei einer Demonstration in Pakkoku, bei der auch 300 Mönche mitmarschierten, zu "unangemessenen" Behandlungen durch Armeeangehörige gekommen sein. Daraufhin verlangten Mönche eine Entschuldigung, bekamen aber lediglich eine Pressekonferenz der Regierung, worauf die Proteste stark an Fahrt gewannen.

Das Fernsehen von Myanmar widmete bei der Berichterstattung, wie von staatsnahen Medien gewohnt, den verletzten Polizisten weit mehr Aufmerksamkeit als den Opfern unter den Demonstranten. Die weniger der Militärregierung von Myanmar als anderen Institutionen verpflichteten Sender vergaßen dagegen in ihrer Berichterstattung die Erwähnung der verletzten Polizisten ebenso, wie die durch Randalierer oder agents provocateurs angezündeten Autos und Motorräder.

Ab dem 26. September setzte die Regierung ein Demonstrationsverbot mit Gewalt durch - anschließend kam es zu Massenverhaftungen, bei denen besonders Mönche betroffen gewesen sein sollen. Seit die Regierung am 28. September die Internetverbindungen mit Verweisen auf technische Probleme und hohen Pornographiekonsum kappte, dringen allerdings nur mehr schwer nachprüfbare Gerüchte aus dem Land.

Obwohl durch die Fernsehbilder der Demonstrationszüge und die Berichte von Massakern an Mönchen der Eindruck einer grundsätzlichen Opposition der Mönche zur Militärregierung entstand, war das Verhältnis des organisierten Buddhismus zum Staat bis in die allerjüngste Vergangenheit hinein durchaus symbiotisch und entspannt.

Buddhistische Befreiungstheologie

Im fünften nachchristlichen Jahrhundert gelangte der Theravada-Buddhismus in das Kerngebiet des heutigen Myanmar. 2007 sind an die 90% der Bevölkerung Theravada-Buddhisten - neben Bamar auch Shan und Mon. Kachin, Chin und Karen sind dagegen überwiegend protestantisch. Moslems leben vor allem an der Grenze zu Bangla Desh und in den Städten.

Während der Kolonialzeit entwickelten sich der Buddhismus und seine Vertreter, die Mönche, zu Kristallisationspunkten des Widerstandes. U Wisara, ein Mönch, der nach 163 Tagen Hungerstreik starb, weil ihm im Gefängnis das Tragen seiner Robe verboten war, wurde zu einer Märtyrerfigur.[1]

In den 1920er Jahren entwickelte sich eine Art buddhistischer Befreiungstheologie, die eine Befreiung von der Kolonialherrschaft als Grundvoraussetzung für eine Erreichung der spirituellen Ziele des Buddhismus setzte. In den 1930er Jahren entwickelte unter anderem der spätere Ministerpräsident U Nu eine Art buddhistischer Soziallehre, die besagte, dass über die Vergänglichkeit des Materiellen erst ab einer gewissen Grundsicherung nachgedacht werden könne, die der Staat deshalb zur Verfügung stellen solle. Die Vorstellung eines birmanischen Sozialismus wurde so wesentlich vom Buddhismus geprägt.

Die Vorstellung einer Religionsbruderschaft spielte auch eine Rolle dabei, dass die Angebote der buddhistisch-shintoistischen Japaner zur Unterstützung im "Antikolonialen Befreiungskampf" dankend wahrgenommen wurden. In den 1940ern ließ sich Aung San, der Vater der Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi in einem japanischen Terrorlager ausbilden und begann einen Guerillakrieg gegen die Briten.[2] Erst kurz vor Kriegsende wechselte seine Burma Independence Army die Seiten und beteiligte sich an den Kämpfen gegen die Japaner, die plötzlich nicht mehr als "Befreier", sondern als "Besatzer" angesehen wurden. Damit es nicht so auffiel, dass Aung San vorher für die Japaner gekämpft hatte, schloss er sich mit der heute verbotenen KP zusammen, die die Japaner schon seit 1942 bekämpfte, und nannte die Gruppe nun "Anti-Fascist People's Freedom League (AFPFL)".

Shwedagon-Pagode in Rangun 1825

Schon kurz nachdem Aung San 1947 stellvertretender Vorsitzender einer Übergangsregierung geworden war, fiel er zusammen mit mehreren anderen Kabinettsmitgliedern einem Anschlag zum Opfer und machte damit den Weg frei für Politiker wie U Nu. Der errang 1960 unter anderem mit dem Versprechen nach Verankerung des Buddhismus als Staatsreligion einen Wahlsieg. Weil das Vorhaben aufgrund des in der Verfassung von 1947 enthaltenen Verbots des Missbrauchs der Religion von U Nu selbst nicht offen ausgesprochen werden durfte, verbreiteten Mönche das Wahlversprechen und forderten die Wahlstimme für den Kandidaten mit moralischem Druck als "milde Gabe". Tatsächlich erklärte U Nu nach seinem Wahlsieg den Buddhismus zu Staatsreligion, schickte sich aber an, auch ein Gesetz zum Schutz der Minderheitenreligionen zu erlassen, weshalb ihm die Mönchsvereinigungen Wahlbetrug vorwarfen. Nachdem die Regierung auch noch den Bau von drei neuen Moscheen in Vorstädten von Rangun genehmigte, besetzten und zerstörten Mönche eine der Baustellen und ein weiteres islamisches Gotteshaus. Als eine Volksmenge unter Führung von 200 radikalen Mönchen Häuser von Moslems plünderte und in Brand steckte, feuerte die Polizei in die Menge und ließ Mönche festnehmen.

U Nus Nachfolger, der 1962 durch einen Staatsstreich an die Macht gekommene General Ne Win, hob zwar mit der einen Hand offiziell die Rolle des Buddhismus als Staatsreligion auf, erfüllte aber mit der anderen viele lang gehegte Wünsche der radikalen Buddhisten: Unter anderem wies er die christlichen Missionare aus dem Land und stellte den Staat für die Durchsetzung der buddhistischen Rechtsprechung zur Verfügung. So wurde zum Beispiel ein Ketzereiparagraph eingeführt, der die Verbreitung von, durch die Mönche als Irrlehren eingestuften, Lesarten des Buddhismus mit bis zu fünf Jahren Haft bedrohte.

Zwangsarbeit für religiöse Bauten

Die häufig kritisierte Verpflichtung zu körperlicher Arbeit gegenüber dem Staat, für die burmesische Familien auch Kinder "einspannten" war ebenfalls ein Beispiel für die Zusammenarbeit von Staat und organisiertem Buddhismus. Neben der Errichtung von Straßen wurde sie vor allem für die Restauration von religiösen Stätten eingesetzt. In Mandalay musste eine Familie Ende der 1990er Jahre mindestens drei Tage im Jahr ohne Vergütung an buddhistischen Heiligtümern arbeiten oder 72 Dollar zahlen - bei einem durchschnittlichen Jahresverdienst von lediglich 312 Dollar für die meisten Familien eine eher theoretische Alternative.

Der Einsatz von Hand- und Spanndiensten zur Pagodenrestauration wurde aus den Reihen des organisierten Buddhismus in Myanmar kaum kritisiert – ganz anders als die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamian, die zu einer Anti-Moslem-Stimmung führte, welche sich noch im selben Jahr Bahn brach. Als in den Städten Taungoo, Prome, Sittwe, Pegu und Mandalay Unruhen ausbrachen, führten erneut buddhistische Mönche Randalierer an, die Moscheen und Häuser von Moslems in Brand steckten. Insgesamt gab es bei den Unruhen, die von der Weltpresse kaum beachtet wurden, neun Moslems, die von den Buddhisten vorzeitig ins Nirwana geschickt wurden.

Der einflussreiche Abt Win Rathu machte sich einen Namen als einer der Wortführer dieser Anti-Moslem-Bewegung. Seiner Ansicht nach waren die al-Quaida-Verbindungen der Rohingya Solidarity Organization (RSO) der wahre Grund für die amerikanischen Sanktionen gegen Myanmar. Die Buddhisten müssten deshalb für die Sünden der Moslems büßen. Tatsächlich gab es an der Grenze zu Bangla Desh in Afghanistan ausgebildete Moslem-Terroristen mit Verbindungen zu al-Quaida – allerdings waren sie militärisch geradezu erbärmlich erfolglos.

Auch christliche Gruppen beschwerten sich noch im Januar 2007 über eine Zusammenarbeit von Mönchen und Militärregierung zu ihren Ungunsten: So sollen im Chin-Bundesstaat 300 Mönche von der Regierung ausgesandt worden sein, um Christen mit Gewalt zum Buddhismius zu bekehren und im Dorf Koh Kyi im Bundesstaat Rakhaing soll ein Mönch angeblich mit Unterstützung des Militärs die Dorfkirche niedergebrannt haben.

Dass sich der Zorn der Mönche nun auch gegen die Regierung richtet, könnte damit zu tun haben, dass das Mönchstum im Terayama-Buddhismus nicht lebenslang andauert, wie im Katholizismus. Oft bleiben junge Männer nur wenige Wochen lang Mönch. Dafür ist es sozial verpflichtend, dass möglichst jede Familie ihre Söhne den Mönchsdienst absolvieren lässt. Insofern dürfte das buddhistische Mönchstum näher an den ökonomischen Nöten der Bevölkerung sein, als das sehr abgeschottete europäische Äquivalent.

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Satellit an ... und alle Fragen offen

Peter Mühlbauer 05.10.2007

In Myanmar ist vieles rätselhaft: Unter anderem die Rolle der Warlords beim Opiumanbau und bei Zwangsumsiedlungen

Die American Association for the Advancement of Science (AAAS) veröffentlichte Satellitenbilder, die verschwundene Dörfer in Myanmar zeigen. Was sie nicht zeigen, ist, wieso diese Dörfer verschwanden. Zwar ist relativ klar, wo die Dörfer auf den Satellitenbildern stehen - weniger klar ist allerdings, welche Gebiete welche bewaffnete Gruppe gerade kontrolliert.

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