Terrorgruppe oder Geheimdiensterfindung

10.10.2007

Rätselraten um die IJU

Das Mysterium beginnt bereits beim Namen: Heißen die mutmaßlichen Hintermänner der geplanten Konvertitenanschläge nun "Islamic Jihad Group" (IJG), wie in der Terrorliste des amerikanischen State Department und der MIPT-Datenbank oder "Islamic Jihad Union" (IJU), wie das BKA sie nennt?

Von der amerikanischen Regierung wurde eine Islamic Jihad Group (IJG) am 25. Mai 2005 mit Executive Order 13224 offiziell als Terrorgruppe eingestuft. In dieser Einstufung bestätigt das State Department Bombenattentate der Gruppe auf die Botschaften der USA und Israels und auf das des usbekischen Generalstaatsanwalts am 30. Juli 2004 in Taschkent. Bei den Anschlägen sollen zwei Menschen getötet und neun verletzt worden sein. Den Angaben der Behörde zufolge bekannte sich die Gruppe nicht nur diesen beiden Attentaten, sondern auch zu weiteren Terrorplänen für die Zukunft.

Etwas rätselhafter wirken die offiziellen amerikanischen Angaben zu den Anschlägen der Gruppe im März und April 2004: Danach sollen mehrere der IJG zugehörige Selbstmordattentäter einen viel besuchten Basar in Taschkent in die Luft gesprengt haben. Die Bezeichnung "Angreifer" und die für Selbstmordattentäter ungewöhnlich schlechte Ausbeute von 33 toten Terroristen zu 14 Opfern – darunter der Formulierung nach möglicherweise viele Polizisten – lassen die Grenzen zwischen Rebellenangriff und klassischem Terrorattentat etwas verschwommen erscheinen.

Im Zusammenhang mit den Vorgängen Verhaftete gaben in Aussagen angeblich enge Kontakte zwischen IJG-Führern und Osama bin Laden zu. Nach State-Department-Angaben sollen kasachischen Behörden zufolge IJG-Mitglieder von al-Qaida-Ausbildern im Umgang mit Sprengstoff unterwiesen worden sein. Auch Spionage und "subversive Aktivitäten" standen angeblich auf dem Lehrplan. Letztere Formulierung hat durch ihre für freiwillige Geständnisse ungewöhnliche inhaltliche Breite allerdings einen leichten Beigeschmack.

Das BKA und die IJU

Im September diesen Jahres teilten BKA-Chef Ziercke und Generalbundesanwältin Harms in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit, dass eine usbekische Gruppe namens "Islamic Jihad Union" (IJU) hinter den geplanten Anschlägen der Terror-Konvertiten stecke. Mit den Anschlägen sollte, wie etwas später durch ein elektronisches Bekennerschreiben öffentlich wurde, angeblich eine Schließung des Luftwaffenstützpunkts Termez erreicht werden, den die Bundeswehr seit 2002 als Drehscheibe für ihre Afghanistanflüge nutzt.

Zu den Details, wie es gerade auf diese Gruppe und auf diesen Namen kam, schweigt das BKA eisern. Dieses Schweigen einer Behörde, die in letzter Zeit nicht unbedingt durch seriöse Methoden auffiel, macht vieles denkbar: Auch, dass die Terrorkonvertiten – ähnlich wie ihre ammoniumnitratkaufenden Kollegen in Kanada – einer Inszenierung auf den Leim gingen.

Botschafter, Verfassungsschützer oder Verschwörungstheoretiker?

Craig Murray, von 2002 bis 2004 Botschafter der Blair-Regierung in Usbekistan, behauptete öffentlich, dass er glaube, die usbekische Regierung sei der wahre Drahtzieher der IJG-Anschläge in Usbekistan. Er legte nahe, dass die Gruppe entweder gar nicht existiert oder dass es sich um eine ohne ihr Wissen vom usbekischen Geheimdienst gesteuerte Gruppe nützlicher Idioten handelt.

Auch der beim baden-württembergischen Landesamt für Verfassungsschutz beschäftigte Benno Köpfer hielt in Interviews mit Monitor und der taz zumindest das elektronische Bekennerschreiben der IJU für das Werk von Trittbrettfahrern. Als Grund dafür nannte er unter anderem, dass das Schreiben zwar auf türkisch und arabisch, nicht aber auf usbekisch verfasst gewesen sei. Allerdings wurde es auch in einem türkischsprachigen Islamistenforum veröffentlicht, was die Sache nicht ganz so seltsam erscheinen lässt, wie sie Köpfer darstellte.

Der andere Teil der Begründung des Stuttgarter Verfassungsschützers ist schwerer nachprüfbar: Sein Amt hätte "bestimmte Auffälligkeiten" festgestellt, die bei ihm Zweifel daran weckten, ob die Gruppe überhaupt existiert. Auf der Website der Behörde lesen sich diese Zweifel etwas weniger deutlich. Dort heißt es immer noch:

"Die IJU hatte bisher hauptsächlich in Zentralasien Aktivitäten entwickelt. Allerdings hat sie Ende Oktober 2006 direkte Verbindungen in den Raum Stuttgart, zu Personen aus Deutschland aufgenommen."

Stefan Kaller vom Bundesinnenministerium bezeichnete nach der Monitor-Sendung die Einschätzung Köpfers als "sachlich falsch". Es sei, so Kaller, die "einhellige Auffassung" des Gemeinsamen Terrorabwehrzentrums (GTAZ) und des Internetzentrums der Bundessicherheitsbehörden (GIZ), dass die IJU tatsächlich existiere. Neben dem Bekennerschreiben zum geplanten Konvertitenanschlag gebe es überdies noch vier weitere.

Koalition aus islamistischen und proamerikanischen Kräften

Sowohl der MIPT-Datenbank als auch den Angaben des State Department zufolge handelt es sich bei der IJG um eine Abspaltung der IMU (Islamic Movement of Uzbekistan). Die Köpfe dieser Bewegung waren zwei Usbeken aus dem Ferangatal: der Fallschirmspringer Jumaboi Khojayev (Kampfname: "Juma Namangani") und der Mullah Tohir Yuldashev.

Tohir Yuldashev. Bild: www.dia.mil

In der Ortschaft Namangan gründeten Yuldashev und Khojayev nach der Unabhängigkeit Usbekistans im Jahre 1991 eine Vigilantengruppe namens Adolat (Usbekisch: "Gerechtigkeit"), die salafistische Rechtsvorstellungen gewaltsam durchsetzte. Anfangs von Karimow ignoriert, zogen sie mit der Forderung nach Einführung der Scharia für ganz Usbekistan die Aufmerksamkeit und den Zorn des Präsidenten auf sich, der 1992 das Ferganatal wieder unter die Kontrolle der Regierung brachte.

Khojayev floh daraufhin nach Tadschikistan, wo ein Bürgerkrieg zwischen dem russlandorientierten Emomali Rahmonov und der United Tajik Opposition (UTO), einer Koalition aus islamistischen und proamerikanischen Kräften, tobte. Angeführt wurde die UTO vom Islamisten Said Abdullah Nuri. Während Khojayev auf Seiten der UTO kämpfte, bereiste Yuldashev die islamische Welt und knüpfte internationale Kontakte.

1997 schlossen Rahmonov und Nuri ein Friedensabkommen, in dem sie eine Teilung der Macht in Tadschikistan vereinbarten. Der dadurch wieder beschäftigungslose Kriegshandwerker Khojayev schloss sich daraufhin wieder mit Yuldeshev zusammen und gründete 1998 oder 1999 die IMU, die damals ebenso wie die Taliban vom pakistanischen Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) unterstützt worden sein soll.

Von Basen in Tadschikistan aus führte die IMU in den Jahren 1999 und 2000 militärische Operationen in Usbekistan und Kirgisistan durch. Dabei kam ihr zugute, dass in den Grenzgebieten der drei Länder viele ethnische Usbeken siedeln.

Nach einigen Entführungen und Lösegelderpressungen verlegte die IMU den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten nach Afghanistan, wo sie auf Seiten der Taliban gegen die Nordallianz kämpfte. Als erneut IMU-Verbände in das tadschikische Tavildaratal einsickerten und von dort aus Angriffe auf Usbekistan und Kirgisistan durchführten, wurden sie im Januar 2001 auf internationalen Druck hin nach Afghanistan ausgeflogen. Ein Teil der Terroristen soll nach Kirgisistan weitergezogen sein, wo Verhaftungen bis in die Gegenwart mit IMU-Aktivitäten begründet werden.

In den Kämpfen an der Seite der Taliban im Herbst und Winter 2001 soll die IMU dann weitgehend aufgerieben worden sein. Khojayev gilt als tot, Yuldeshev entkam angeblich in die paschtunischen Stammesgebiete Pakistans.

Zentralasien

Aus den Resten der Bewegung sollen das Islamic Movement of Turkestan (IMT) und die IJU hervorgegangen sein. Nach einer Presseauskunft des für das organisierte Verbrechen zuständigen Abteilungsleiters im tadschikischen Innenministerium, Mahmadsaid Juraqulov, soll der von der usbekischen Regierung ins Spiel gebrachte Name "Islamic Movement of Turkestan" jedoch nur eine Gefahr suggerieren, die seiner Ansicht nach nicht existiert. Tatsächlich handelt es sich diesen Angaben zufolge um die alte IMU, deren Interessen auf Usbekistan beschränkt seien und die Tadschikistan ebenso wie Kirgisistan nur als Basen nutzen würde.

Eine weitere Basis haben die Überlebenden der IMU angeblich im pakistanischen Waziristan. Im März 2007 soll es bei Wana in Südwaziristan zu Kämpfen zwischen ortsansässigen Paschtunen und islamistischen Flüchtlingen usbekischer Herkunft gekommen sein, wobei die Paschtunen versuchten, die usbekischen Islamisten zu vertreiben.

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