Das große Bluten

Die Wiederkehr von Marburg-Fieber und Ebola

Erneut tötet Ebola in Afrika Menschen und immer wieder gibt es Fälle von Marburg-Fieber. Aber im Grunde interessiert das kaum jemanden. Die Weltgesundheitsorganisation ermittelt Daten und koordiniert Notfallpläne, Nichtregierungsorganisationen helfen vor Ort, aber Forschung findet kaum statt. Nur im Bereich Biowaffen sind die Erreger der hämorrhagischen Fiebererkrankungen für die Industrienationen interessant.

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Der fadenförmige Filovirus des Marburg-Fiebers wurde vor 40 Jahren in der deutschen Stadt Marburg das erste Mal identifiziert, als sich medizinisches Personal bei aus Uganda stammenden Laboraffen angesteckt hatte. Es folgten Krankheitsfälle bei Laboranten in Frankfurt und Belgrad. Insgesamt 31 Personen infizierten sich, sieben davon starben.

Der Erreger ist hochinfektiös und wird über alle Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen übertragen. Jeder Kontakt mit Kranken, ihrer Wäsche und allem anderen, was sie berührt haben, kann zur Ansteckung führen. Das Marburg-Fieber hat eine Inkubationszeit von 5 bis 10 Tagen. Die ersten Symptome ähneln Grippe oder Malaria: Kopf- und Muskelschmerzen, hohes Fieber und Schüttelfrost. Dazu kommen in der Folge Brustschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall; danach Entzündungen, äußere und innere Blutungen. Einmal im Körper vermehrt sich der Virus rasant und unaufhaltsam.

Es gibt bisher weder eine Impfung noch wirksame Medikamente, lediglich die Symptome können medizinisch gelindert werden. Viele Patienten versterben schließlich an Multi-Organversagen. Das hämorrhagische Marburg-Fieber ist ein enger Verwandter von Ebola.

Experten verschiedener Organisationen arbeiten in der Ebola- Isolierstation der Ärzte ohne Grenzen in der Demokratischen Republik Kongo, Foto: WHO/Christopher Black. Mehr Fotos: http://www.who.int

Ebola wurde 1976 erstmalig im Sudan identifiziert. Immer wieder kam es seither in Afrika zu Ausbrüchen dieser Erkrankung, inzwischen sind vier Subtypen des hämorrhagischen Fiebers bekannt. Es verläuft in bis zu 90 Prozent der Fälle tödlich, Insgesamt erkrankten bis zum letzten Ausbruch bereits ca. 1.880 Menschen in den Ländern Sudan, Kongo, Gabun, Elfenbeinküste, Liberia und Uganda an Ebola-Fieber, wovon 1.301 verstarben.

Infektion und Krankheitsverlauf sind ähnlich wie beim Marburg-Fieber: Ebola wird durch Körperflüssigkeiten übertragen, die Krankheit ist extrem ansteckend. Die Infizierten leiden unter Fieber, Schüttelfrost, Schleimhautentzündungen, Durchfall, Muskelschmerzen, Appetitlosigkeit, Erbrechen, Magenkrämpfen, Kopf-, Hals- und Brustschmerzen; dann kommt es zu äußeren und inneren Blutungen. Ebola ist nicht heilbar, die Ärzte können nur die Symptome lindern.

Aktuell gibt es wieder einen Ausbruch von Ebola in der Demokratischen Republik Kongo zu vermelden. Anfang Oktober schien die Seuche eingedämmt, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldete, dass seit Anfang Mai insgesamt 384 Ebola-Verdachtsfälle aufgetreten waren, 176 Menschen starben. Allerdings grassieren in der betroffenen Region der Provinz West Kasai auch andere schwere Erkrankungen wie Typhus oder Malaria, deswegen ist die genaue Anzahl der Ebola-Opfer umstritten. Immerhin wurden bislang von 76 Blutproben 25 positiv auf das Virus getestet. 187 Personen stehen noch unter Beobachtung (vgl. Ebola haemorrhagic fever in the Democratic Republic of the Congo).

Angst und Panik vermeiden

Schon seit Anfang September sind die Ärzte ohne Grenzen in der Provinz, sie errichteten jeweils eine Isolierstation in Kampungu und Luebo. Die Nichtregierungsorganisation arbeitet Seite an Seite mit den Behörden des Kongo, der WHO und anderen Institutionen. Die Ärzte versorgen die Kranken mit Antibiotika und Infusionen gegen die Dehydrierung – viel mehr können sie nicht für sie tun. Zum Schutz der Bevölkerung werden die Ebola-Patienten isoliert – eine Maßnahme, die den Angehörigen und Nachbarn ausführlich erklärt wird.

Jetzt werden die umliegenden Dörfer besucht und das medizinische Personal und Gemeindearbeiter eigens im Umgang mit der Krankheit geschult. Zudem werden Medikamente und schützende Utensilien wie Handschuhe, Stiefel und Schutzbrillen verteilt. Am allerwichtigsten ist die Aufklärung.

Die Experten haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Als 2005 das Marburg-Fieber in Angola wütete, geriet die Bevölkerung in Panik. Nicht aus Angst vor dem blutigen Fieber, denn Krankheit und Tod sind die Angolaner nicht zuletzt durch den Jahrzehnte langen Bürgerkrieg gewohnt, sondern aus Angst vor den weiß vermummten Gestalten, die in die Dörfer eindrangen und vor allem Kinder (es infizierten sich hauptsächlich Kinder) mitnahmen, die nie wiederkamen.

Neun von zehn Erkrankten starben in den extra eingerichteten Isolierstationen. Nicht einmal die Leichen bekamen die Angehörigen zurück, die Verstorbenen wurden in Plastiksäcken sofort unter die Erde gebracht. Alle persönlichen Gegenstände wurden verbrannt. Die Angolaner fürchteten sich so vor den Fremden, dass sie anfingen, ihre kranken Kinder zu verstecken. Einige der Mediziner-Teams in Schutzanzügen wurden sogar angegriffen, wenn sie Dörfer betraten (vgl. Der blutige Tod und die Angst vor den Ärzten).

Um solche Ängste und Feindseligkeiten gar nichts erst aufkommen zu lassen, setzen die WHO und die anderen beteiligten Organisationen jetzt auf möglichst viel Information und Kommunikation mit der einheimischen Bevölkerung.

Ein Dorfbewohner aus Kakenge, 55 km von der Stadt Mweka entfernt, liest ein vom Gesundheitsministerium in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation produziertes Flugblatt über Ebola und Präventionsmaßnahmen, Foto: WHO/Christopher Black

Der letzte, sehr begrenzte Ausbruch von Marburg-Fieber fand im Sommer in Uganda statt. Drei Minenarbeiter infizierten sich, einer davon starb im Juli im Krankenhaus. Auch in Uganda stand die Prävention und die Information der Bevölkerung im Mittelpunkt der Kampagne der WHO. Außerdem wurden systematisch Fledermäuse in der Mine gefangen und untersucht, in der die Erkrankten arbeiteten (vgl. 5 September 2007: Managing Marburg fever in Uganda).

Affen und Flughunde

Schon lange suchen Experten nach dem Reservoir-Wirt, einem Tier, das die Erreger der hämorrhagischen Fieber in sich trägt und damit immer wieder lokale, plötzliche Ausbrüche unter Menschen auslöst, die mit ihm in Kontakt kamen. Opfer von Ebola wurden nicht nur Menschen, sondern auch Affen – ein Viertel der Gorilla-Population wurde durch die Krankheit bereits ausgelöscht (vgl. Massensterben durch Ebola). Der Verzehr des Fleisches der Menschenaffen kann zur Infektion mit dem tödlichen Fieber führen.

Ein echter Wirt, der in Afrika massenhaft verbreitet ist und die Erreger in sich tragen kann, ohne daran zu sterben, ist der Flughund (Pteropodidae), der wie die Fledermaus (Microchiroptera) zu den Fledertieren (Chiroptera) gehört (vgl. Batnight). Vor knapp zwei Jahren gelang Wissenschaftlern der Nachweis, dass verschiedene Arten von Flughunden mit dem Virus in Berührung gekommen waren, ohne Krankheitssymptome zu entwickeln. Jede dieser Flattertiere-Arten ist über ein großes Gebiet Afrikas verbreitet (und in allen Regionen zuhause, in denen es Ebola-Ausbrüche gab), sie werden traditionell gerne gejagt und verspeist (vgl. Iss nicht Batman).

Kürzlich bewies ein internationales Wissenschaftler-Team, dass die Nilflughunde (Rousettus aegyptiacus) der Reservoirwirt des Marburg-Virus sein könnten. Die Forscher untersuchten mehr als 1.100 Fledermäuse, die zu zehn verschiedenen Arten gehörten und alle zwischen 2005 und 2006 in Höhlen in Gabun und der Republik Kongo gefangen wurden.

Nur in den Nilflughunden fanden die Experten in 29 Fällen Antikörper gegen das hämorrhagische Fieber, in vier Fällen sogar Gene des Marburg-Virus.

Systematische Untersuchungen von Fledermäusen in Uganda durch Experten der Weltgesundheitsorganisation auf der Suche nach Spuren des Marburg-Virus, Foto: WHO/Christopher Black

Die Flughunde bleiben unter Beobachtung. Sie sind weit verbreitet, auch der Nilflughund findet sich überall in afrikanischen Höhlen südlich der Sahara. Die Einheimischen müssen über die Risiken des Kontakts mit den kleinen Flattertieren aufgeklärt werden.

Leider hat sich außer bei der Suche nach dem natürlichen Wirt in der Forschung zu Ebola und Marburg-Virus nicht viel getan. Die Entwicklungsländer haben in jeder Beziehung schlechte Karten. Das spiegelt sich auch in den Sterblichkeitsraten der Infizierten. Als das Marburg-Fieber in Deutschland und Jugoslawien auftrat, starb weniger als ein Viertel der Erkrankten, dagegen überlebten zwischen 1998 und 2000 in der Demokratischen Republik Kongo 80 Prozent der Infizierten nicht. Beim letzten Ausbruch der Seuche in Angola starben sogar 90 Prozent der Kranken.

Das große Sterben, kein Geld und das Militär

Die WHO wies Ende August darauf hin, dass in den letzten 40 Jahren einige neue Erreger mit Seuchenpotenzial entdeckt worden sind, darunter HIV (vgl. Erfolgreiche Prävention gegen Aids), SARS (vgl. Nosferatu in Hongkong) sowie Ebola und Marburg-Fieber. In den Zeiten der Globalisierung und weltumspannender Flugnetze fordert die WHO im Rahmen des Weltgesundheitsberichts 2007 alle Staaten zur engen Zusammenarbeit bei Forschung, Aufklärung und Bekämpfung von Krankheiten auf (vgl. International spread of disease threatens public health security).

Ein frommer Wunsch, denn tatsächlich gilt immer noch die alte Faustregel: Mehr als 90 Prozent der Investitionen für Medikamente beziehen sich auf die Krankheiten der reichsten zehn Prozent der Menschheit. Es wird weltweit deutlich mehr Geld in die Erforschung neuer Schönheits- oder Diätpillen, Haarwuchsmittel und Potenztabletten ausgegeben, als für neue Medikamente zur Heilung tropischer Krankheiten. Eine kurzsichtige Politik, die nur auf schnelle Renditen schielt. Und das trotz der Milliarden Flugreisender pro Jahr, die faktisch alle Länder innerhalb weniger Stunden miteinander verbinden.

1967 wurde das Marburg-Fieber entdeckt, weil es in Affen reisend in westlichen Laboratorien angekommen war. Die hämorrhagischen Fieber sind aber sehr wahrscheinlich eine alte Geißel der Menschheit. Längst spekulieren einige Medizinhistoriker, dass diese zu massiven Blutungen führenden Krankheiten und nicht die durch Bakterien verursachte Pest (Yersinia pestis) für den Schwarzen Tod, der von 1347 bis 1660 Europa entvölkerte, verantwortlich sind (vgl. Der schwarze Tod: Pest oder Ebola?).

Eifrig erforschen nur die Biowaffen-Labore die hochinfektiösen Filoviren der hämorrhagischen Fieber. Bekannt ist das, weil sich nachweislich Menschen bei Pannen dort ansteckten. Sowohl im "U.S. Army Medical Research Institute of Infectious Diseases" in Fort Detrick) infizierte sich in der Vergangenheit ein Mitarbeiter als auch im russischen State Research Center of Virology and Biotechnology (Vector). Beide Fälle ereigneten sich im Jahr 2004.

Jüngst machte der unverantwortliche Umgang mit den gefährlichen Erregern in einigen Laboren der Industrienationen erneut Schlagzeilen. Das Sunshine Project, eine Organisation, die gegen den "militärischer Missbrauch der Bio- und Gentechnologie" kämpft, deckte auf, dass an der University of Wisconsin in Madison bei der Erforschung des Ebola-Virus die Sicherheitsvorschriften systematisch unterlaufen wurden.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26376/1.html
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