Die neue Antifa

10.10.2007

Wie Kerner und Gäste Eva Herman zeigten, wie man aufgeklärt und klug diskutiert

Ein Ausschnitt aus einem Lebenslauf: "Der heutige US-Bürger Mario Capecchi kam 1937 in Verona auf die Welt. Als er vier Jahre alt war, wurde seine Mutter ins Konzentrationslager Dachau gebracht - Capecchi schlug sich als Straßenkind durch. Erst als Neunjähriger traf er seine Mutter wieder ." Was dem diesjährigen Nobelpreisträger für Medizin in seiner Kindheit widerfuhr, ist ungezählten Kindern passiert. Und viel Schlimmeres. Weswegen jeder Versuch, nationalsozialistische Familienpolitik in einer ernsthaften Diskussion über Werte und Erziehung ins Spiel zu bringen, nur zynisch sein kann und eine Verhöhnung. Der Fall "Eva Herman" ist nicht interessant, weil Herman womöglich mit muffigem nationalsozialistischem Gedankengut hausieren geht, sondern weil er die gedankliche wie emotionale Verarmung aufzeigt, welche öffentliche Diskussionen hierzulande so peinsam machen.

Als Eva Hermann gestern bei Kerners Talksendung gegangen war, hinausgeschickt vom Moderator - "Ich entscheide mich für die anderen drei Gäste und verabschiede mich von Eva Hermann" - , da wurde es so richtig warm unter den anderen Gästen. Senta Berger flachste behaglich mit dem Komikergast und Kerner warf dazu sein warmes Kernergesprächslächeln in die Runde der Guten. Die Böse war fort, der Ungeist vertrieben, verjagt vom scharfen Schwert der richtigen Argumente...nein, leider eben genau nicht.

Wer die Sendung zu später Stunde einschaltete, wurde enttäuscht. Zuvor hatte eine Blitz-Top-Meldung gestern abend schon vor der Sendung über den Rauswurf von Herman bei Kerner berichtet. Kerner, stand darin zu lesen, habe auf eine Klarstellung gedrängt und Herman habe sich geweigert, also musste sie gehen. Doch die Erwartungen, die solch ein Vorabbericht weckte, wurden von der Sendung nicht erfüllt. Es fand nur eine Scheindiskussion statt.

Wer sich erwartet hatte, dass Herman im Laufe der Sendung deutlicher machen würde, was es mit den von ihr ständig angemahnten Erziehungswerten genauer auf sich hat und was ihr missverständliches Zitat, in dem das Bild der Mutter in Deutschland und Nationalsozialisten in einen diffusen Zusammenhang gebracht wurden, genauer bedeutet, ging vollkommen leer aus.

Und das lag nicht nur an den dürftigen Einlassungen von Eva Herman, die sich nicht sehr helle präsentierte. Sondern vor allem am Entrüstungszirkus, den die anderen Teilnehmer aufführten. Es kam so gar kein Argument zur Sprache, da schon Stichworte genügten, um die ständig lauernde Entrüstung der maßlos selbstgerechten Gäste Senta Berger und Margarethe Schreinemakers zu befeuern. Ein Spektakel, das Kerner unter Druck setzte, Herman aus der Runde zu verbannen – dieser Druck war jedenfalls größer als jener den Kerner ausübte, um endlich von Eva Hermann Unmissverständliches zu ihrem Standpunkt zu erfahren.

Typischerweise wurde Herman von Kerner zu einem Zeitpunkt aus der Sendung geschickt, an dem es überhaupt nicht um eine solche Klarstellung gegenüber nationalsozialistischen Positionen ging, sondern um Sachargumente in der Diskussion über Kindererziehung, über die ja gerne gestritten wird. Hermann stellte Argumente vor, die man von Krippen-Gegnern kennt: Kinder sollten die ersten Jahre bei der Mutter zuhause bleiben, Untersuchungen über die Entwicklung von Bindungen und Qualität von Bindungen hätten ergeben, dass dies für die Kinder förderlich sei. Der unausgesprochene Schluss daraus: Das Gegenteil ist für die Kinder schädlich.

Das ist ein bekanntes Argument in der Krippendiskussion, kein wissenschaftlich eindeutig begründbares, eher eines, das aus dem Mondlicht der Allgemeinurteile erwachsen ist und mit Angst und Schuldgefühlen von Eltern seine Spielchen treiben kann. Und man hätte ohne Schwierigkeiten sachlich auf dieses Argument reagieren können – "Wer sagt das, warum, wie begründet usw." Oder polemisch. Mit dem normalen weitgespannten Repertoire, das in einer Diskussion zur Verfügung steht, also.

Stattdessen aber warf man das Handtuch und kam sich auch noch korrekt und würdevoll vor, wofür die neue Generation der selbstgerechten Antifa-Kämpfer auch, wie zu erwarten war, großen Beifall erhielten (u.a. SZ, Bild und sogar die eben erst der Frakturschrift entwachsene FAZ). Auseinandersetzungen - und die von Medienstars wie Kerner gerne zitierte Streitkultur - sehen aber anders aus.

Es ist deprimierend wie schnell wohlfeile Rituale, von jedem Gedanken, jedem Hinsehen auf die Realität befreit, einsetzen, sobald ein Stichwort fällt, das den Nationalsozialimus erwähnt. Man könnte Böses dabei denken...

Telepolis hat dazu eine Umfrage gestartet: Wer oder was hat mit dem Nationalsozialismus am meisten gemein? Wir bitten um lebhafte Beteiligung.

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