CDU not found

11.10.2007

Deutsche Parteien in Second Life

Die "Linke" hat ein luftiges Hochhaus direkt neben der SPD. Die CSU besitzt ein vierstöckiges Gebäude und ist laut ihrem Logo näher am Menschen", womit hier vermutlich Avatare gemeint sind. Parteien in Second Life - das klingt avantardistisch, irgendwie hip und Internet-affin. Aber nachdem der Medienhype abgeklungen ist, kümmert sich die Politik kaum noch um die 3D-Welt. Nur ein Einzelkämpfer der Linken pflastert ohne offiziellen Parteiauftrag Second Life mit politischen Plakaten voll.

Noch im April schien es so, als etablierte sich Second Life als Plattform, um politische Inhalte auch einer Klientel nahezubringen, die eher zur Spaß- und Spielkultur neigt: Die Avatare einiger Politiker der im Bundestag vertretenen Parteien - mit Ausnahme der CDU und der Linken diskutierten über den Klimawandel. Die Teilnehmerzahl derartiger virtueller Events ist jedoch so hoch, als spielte die B-Jugend von Türkiyemspor gegen den Sievershäger Sportverein. Es reicht nur für eine einmalige Pressemeldung nach dem Motto "Wir sind jetzt auch drin".

Besonders rührig waren die Betreiber der Website Politik.de. Der "politische Webdienstag im Politik-Land" in Second Life findet immerhin alle paar Monate statt. Auf ihrem Gelände "Politik-Land" haben sich die Parteien laut der Gelben Seiten offiziell niedergelassen. Auch die interne Suchmaschine von Second Life ergibt keine anderen Treffer. Bei der CSU und der SPD weiß man jedoch gar nichts davon, von der FDP gab es keinen offiziellen Auftrag der Partei, bei den Christdemokraten kommt "CDU not found". Nur Anna Lührmann (Bündnis90/die Grünen), die jüngste Abgeordnete des Bundestags, ist informiert:

Mein Büro im SL auf dem Territorium von politik.de ist mein offizieller Auftritt im SL und von mir so autorisiert.

Der Avatar Lührmanns hat zwar stilsicher grüne Haare, wird aber von jedem, der länger in der virtuellen Welt unterwegs ist, als "newbie", als ein Neuling erkannt, der entweder nicht in der Lage ist, sich individuell zu stylen - oder desinteressiert am sozialen Code, durch den die Personen hinter den Avataren ihre "Individualität" ausdrücken.

Bei politik.de rudern die Verantwortlichen vorsichtig zurück: Es haben unverbindliche Gespräche stattgefunden. Es handele sich bei den virtuellen Gebäuden aber um "Platzhalter für mögliche Repräsentanzen der Parteien". Sie könnten, wenn sie wollten. Aber sie wollen offenbar nicht. Das offizielle Parteilogo der Linken ist mittlerweile wieder vom "Platzhalter-Gebäude"entfernt worden.

Ganz besonders irreführend formuliert zum Beispiel die Agentur RPM aus Wiesloch eine Pressemeldung am 17.09.2007. Auch die Linke sei jetzt in Second Life vertreten:

Das virtuelle Büro von Oskar Lafontaine, Gregor Gysi und Lothar Bisky befindet sich in direkter Nachbarschaft zu der SPD im Berlin City Center.

Die Agentur hat damit gar nichts zu tun - und die Linke offiziell auch nicht. Dirk Schröter, Mitarbeiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit beim Parteivorstand der Linken: Es habe "keinen Auftrag unsererseits oder von seiten Herrn Lafontaines gegeben." Man plane aber nicht dagegen vorzugehen. "So lange damit kein Unsinn betrieben wird - und danach sieht es aus - sehen wir dazu keine Veranlassung."

Im virtuellen "Berlin City Center" muss sich der Avatar an der Außenfassade eines Plattenbau-ähnlichen Gebäudes orientieren und durch lange Flure und über Treppen stolpern. Ohnehin gilt als städtebauliches Ideal der zahllosen "Center" in Second Life die Fußgängerzone einer westdeutschen Kleinstadt aus den siebziger Jahren, kombiniert mit dem architektonischen Chic von Eisenhüttenstadt: Praktisch, quadratisch, nur ohne Passanten, und alles zugeknallt mit Werbung. Weit und breit ist auch beim sechsten Besuch niemand zu erblicken. Irgendwann erspäht man ein Bild Oskar Lafontaines, das Parteilogo der Linken und die einschlägigen aktuellen Plakate, dazu muss man an einem winzigen Büro der SPD vorbei. Regelmäßige Bürozeiten gibt es nicht.

Interview mit Michael Gläser (links) im Büro der Linken auf Apfelland

Veranwortlich für die Linke in Second Life ist Michel Gläser, 22 Jahre alt, Stadtverordneter aus Alt Landsberg, auf der offiziellen Website noch unter "PDS" firmierend. Gläser - Avatarname Ben2100 Barzane - muss sich in seiner Partei zum Thema 3D-Welten vorkommen muss wie ein Evangelist oder ein Linux-Missionar auf einer Microsoft-Veranstaltung.

"Ich glaube, dass viele Verantwortliche sich noch nie mit Second Life beschäftigt haben", sagt der Jung-Politiker im "inworld"-Interview. "Von daher können sie auch nicht über das Potenzial Bescheid wissen." Gläser hat gleich ein halbes Dutzend "Büros" der Linken in Second Life eingerichtet - und es sogar geschafft, einen Konsens mit dem Schatzmeister der Partei des Brandenburger Landesverbands herzustellen. Auch im Kommunalwahlkampf soll die 3D-Welt eine Rolle spielen. Nach Angaben Gläsers gibt es allein in Altlandsberg fünf Personen, die auch mit ihm in Second Life über Kommunalpolitik kommunizieren. Im Ort leben 8737 Menschen - umgerechnet auf die Einwohner Berlins wären das rund 2000 Avatare, die zum Vergleich aus der Hauptstadt virtuell und politisch unterwegs sein müssten.

Dennoch - praktikable Rezepte, um Avatare für Politik zu interessieren, existieren nicht. Die Ökonomie in Second Life basiert auf allem, was im weiteren Sinne mit Kommunikation zu tun hat: Styling der Avatare, Musik, Tanz, Treffpunkte, Sex - keine Themen, mit denen die Linke jemals punkten konnte oder bei denen sie inhaltliche Schwerpunkte setzen will. Und wo und wie man positioniert sein sollte, um der Laufkundschaft der Avatare politische Parolen vor die virtuelle Nase zu halten, ist ebensowenig erforscht.

Gleich zwei der "Büros" der Linken sind im Einkaufszentrum eines Flughafens in Second Life. Maschinen starten dort nicht, sie stehen dort nur herum und simulieren Luftverkehr. Das Ambiente erinnert an einen Konsumtempel für das Prekariat in Berlin-Hellersdorf, nur wieder ohne Konsumenten. Oskar Lafontaine blickt auf einen virtuellen Hubschrauber hinunter. Wer sich richtig anstrengt, könnte mit einiger Mühe "Potenzieller Kampfeinsatz in Afghanistan" assoziiieren.

Vor kurzem eröffnete ein weiterer Stützpunkt der Linken in "Apfelland", einer von vor allem Deutschen stark frequentierten Region. Dort es aber oft "laggy", ein Second-Life-Ausdruck für Serverprobleme, die die Bewegungen der Avatare zeitweise - oft bis hin zur Zeitlupe -- verlangsamen. Das wiederum träfe metaphorisch für das Engagement der Parteien zu, in 3D-Welten Fuß zu fassen und Erfahrungen zu sammeln, wie man virtuelle Loyalitäten herstellt. Michael Gläser ist zuversichtlich, dass er auch in Zukunft mit seinem Konzept "Ich bin schon da" vorne mitmischen wird. Die Sozialdemokraten in Second Life, eine Handvoll Parteimitglieder, die sich SPDSL nennen, haben ihn angeschrieben, "ob ich mich nicht unauffälliger präsentieren könne, es stört sie wohl, dass ich hier so häufig vertreten bin".

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (24 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Form des Virtuellen

Vom Leben zwischen den Welten

Machteliten

Von der großen Illusion des pluralistischen Liberalismus

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.