Kein Staat im Staate, aber eine Kultur in der Kultur

Peter Mühlbauer 14.10.2007

Amerikas Militärführung entdeckt die Ethnologie - möglicherweise von der falschen Seite her

Ethnologen sollen amerikanischen Soldaten im Irak und in Afghanistan helfen, kulturelle Unterschiede und soziale Systeme zu verstehen. Im letzten Monat erhöhte Verteidigungsminister Robert M. Gates die Mittel für ein Versuchsprogramms des Pentagon, das Kampfeinheiten im Irak und in Afghanistan Ethnologen zuteilt, die ihnen Analysen zur Kultur der Bevölkerung in den Einsatzgebieten liefern sollen, um 40 Millionen Dollar. Zukünftig soll jede der amerikanischen Kampfbrigaden in den beiden Kriegsgebieten ein Ethnologenteam zur Seite gestellt bekommen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Kritik an der "Söldnerethnologie"

Bei den amerikanischen Ethnologen stoßen die Pläne auf ein geteiltes Echo: Roberto J. González, Völkerkundler an der San Jose State University, nannte die Teilnehmer an dem Programm "naiv" und Hugh Gusterson von der George Mason University rief zum Boykott des Militärs auf.

Andere Ethnologen wie Montgomery McFate vom U.S. Institute of Peace oder Marcus B. Griffin von der Christopher Newport University begrüßten dagegen die Politik des Pentagon. In den nächsten Wochen werden von der American Anthropological Association festgelegte Richtlinien für die Zusammenarbeit von Ethnologen mit Militär und Geheimdiensten erwartet.

Die neue Begeisterung des Militärs für die Ethnologie begann im August 2004, als der pensionierte Major General Robert H. Scales Jr. einen Artikel für die Zeitschrift Naval War College's Proceedings veröffentlichte, in der er die These aufstellte, dass bei asymmetrischen Kriegen wie im Irak die technologische Überlegenheit überbewertet sei. Unterbewertet sei dagegen ein Verständnis der Kultur der ortsansässigen Bevölkerung und ihrer Motive.

Allerdings hat der Einsatz von Ethnologen für das amerikanische Militär eine weitaus länger zurückreichende Geschichte. In den 1970er Jahren hatte diese Verbindung, nicht zuletzt aufgrund von Missbrauchsvorwürfen bei Einsätzen in Lateinamerika und Indochina, einen Dämpfer erhalten.

"Studying Up" und soldatische Subkulturen

Während über die Zusammenarbeit von Militär und Ethnologie bereits zahlreiche Fachaufsätze veröffentlicht wurden, klafft bezüglich der soldatischen Subkulturen im amerikanischen Militär eine auffällige Lücke – was möglicherweise auch mit der Genehmigungsfreudigkeit der Militärbehörden für die Durchführung solcher Studien zu tun hat.

Dabei könnte es für ein US-Militär, dessen in West Point ausgebildete "Elite" ihre ethnologischen Kurse als "nuts in huts" bezeichnet, mindestens ebenso notwendig sein, über Studien zu kulturellen Besonderheiten und Mechanismen innerhalb des US-Militärs zu verfügen, als nur über die von Militäraktionen betroffenen Gruppen. In der Ethnologie existiert solch ein "studying-up" genanntes Untersuchen von Eliten bereits seit längerer Zeit – mit durchaus interessanten Ergebnissen, etwa über das Giri-Konzept bei japanischen Geschäftsleuten.

Schon Nationalcharakterstudien wie Ruth Benedicts 1946 erschienenes Werk "The Chrysanthemum and the Sword" brachten in ihren besten Momenten mehr Einblicke in die amerikanische Kultur, als in die japanische – etwa in ihren Ausführungen zur Bedeutung des Selbstmordes in Japan, für dessen Verherrlichung Benedict nur ein einziges Äquivalent in der amerikanischen Kultur fand: den Gangster.

Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass kulturell abweichende Subkulturen beim amerikanischen Militär nicht nur existieren, sondern dass sie auch eine ausgesprochen problematische Rolle spielen könnten:

In seinen Überlegungen zu Abu Ghraib stellte der slowenische Philosoph Slavoj Zizek fest, dass der Informationsminister Saddam Husseins, der aufgrund seiner recht leicht durchschaubaren Propaganda von den westlichen Medien den Spitznamen "Comical Ali" verliehen bekam, einmal einen Zufallstreffer landete, als er auf die Behauptung hin, dass die Amerikaner bereits Teile der Hauptstadt kontrollierten, sagte:

"Die kontrollieren gar nichts. Die kontrollieren nicht mal sich selbst!"

Spätestens seit den Bildern aus dem Abu Ghraib-Gefängnis weiß die Weltöffentlichkeit, dass an diesem Satz doch etwas dran war. Nach und nach stellte sich heraus, dass es sich bei den Entwürdigungsakten offenbar um keine Einzelfälle handelte, sondern eine ganze Kultur, die sich entwickelte und gedeihen konnte.

Dass Abu Ghraib ein Skandal wurde, deutet (ebenso wie die Tatsache, dass keine Massenvernichtungswaffen "gefunden" wurden) zum einen darauf hin, das die USA noch kein totalitäres System sind. Es deutet aber auch darauf hin, dass es beim amerikanischen Militär Subkulturen gibt, deren Werte diametral entgegengesetzt zu denen sind, welche die amerikanische Nation als Wunschbild von sich selbst hegt.

Hätten die amerikanischen Truppen die öffentlich propagierte Kultur von Freiheit und Menschenwürde gelebt, dann hätte die Armeeführung den Skandalen nicht mit den Verweis darauf begegnen müssen, dass man es versäumt habe, den Soldaten mitzuteilen, dass sie sich an die Regeln der Genfer Konvention halten müssen.

Und während die klassische Folter eher undokumentiert bleibt, war es ein wesentlicher Bestandteil der Erniedrigungspraktiken der amerikanischen Soldaten, dass sie – wie jugendliche Gewaltkriminelle beim "happy slapping" – die Tat und die Opfer mit der Kamera festhielten. Ein Hinweis darauf, dass es sich mehr um kulturell bedingte Rituale, als lediglich um misslungene Versuche der Informationsgewinnung handelte.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26400/1.html
Kommentare lesen (56 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS