Gerüchte sind stärker als die Wahrheit

16.10.2007

Ob wir es wissen oder nicht: Gerüchte beeinflussen unser Handeln, auch wenn wir Zugang zur Wahrheit haben. Ein deutsch-österreichisches Forscherteam zeigt im Versuch den manipulativen Charakter des Hörensagens

Wenn sich Menschen unterhalten - und das gilt, seit es Sprache gibt - geht es die meiste Zeit nicht um Kunst, Kultur und Wissenschaft: Wir sprechen am liebsten übereinander. Wir, das klingt doch gleich viel besser, tauschen dabei soziale Informationen aus. Nun sind die, ähem, nicht immer auf Fakten gebettet - genauso gern dürfen sie auf Vermutungen beruhen. Die Wissenschaft spricht dann von Gerüchten. Und das ist wohl einer der nicht so häufigen Fälle, wo der gesunde Menschenverstand dasselbe Wort gebraucht.

Doch welche Funktion haben Gerüchte? Lassen Sie uns doch ein paar Vermutungen anstellen… Gerüchten wird zum Beispiel die Funktion der sozialen Kontrolle zugeschrieben. Sie garantieren, dass sich die Gesellschaft gemeinsamer Werte bewusst ist. In der Praxis ließ sich zum Beispiel zeigen, dass der Gruppe dienende Gerüchte von den Menschen anders (besser) bewertet werden als aus purem Eigennutz in die Welt gesetzte. Gerüchte lehren uns auch viel über die Gesellschaft, in der ein Mensch seinen Platz gefunden hat.

Die Vermutungen gehen sogar so weit, Sprache (und damit die Gerüchteküche) als Mittel zum Schaffen sozialer Bindungen in immer stärker wachsenden Gruppen zu begreifen. Gerüchte haben zudem ein paar interessante Eigenschaften, die von unseren Interessen geprägt werden. So gibt der Mensch am liebsten Vermutungen weiter, die entweder Gutes über seine Freunde oder Schlechtes über Personen mit höherem Status enthalten.

Männer tratschen lieber über gleichaltrige Männer, Frauen interessieren sich am stärksten für andere Frauen im selben Alter. Ein deutsch-österreichisches Forscherteam hat jetzt den Zusammenhang von Reputation und Gerüchten untersucht - und berichtet von seinen Experimenten in der aktuellen Ausgabe der Veröffentlichungen der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS).

Auf Gerüchte angewiesen

Reputation ist schon deshalb ein interessantes Phänomen, weil sie die menschliche Zusammenarbeit in der Gesellschaft wesentlich bestimmt. Eine öffentliche, begrenzte Ressource läuft zum Beispiel weniger Gefahr, überbeansprucht zu werden, wenn sich ein solches Verhalten auf die Reputation des Menschen auswirkt. Üblicherweise erwirbt man Reputation auf der Basis von Gegenseitigkeit: Wer anderen hilft, gewinnt Ansehen, wer aber Hilfe verweigert, verliert Ansehen.

Wer auf die Weise an Reputation gewonnen hat, kann sich später der Hilfe von anderen sicherer sein als jemand mit schlechtem Ansehen. Allerdings beruht unser Verhalten in dieser Beziehung auf unvollständigen Informationen. Es ist für unser eigenes Verhalten also wichtig, möglichst viel über das Gegenüber zu wissen - insbesondere über sein Ansehen. Nun haben wir jedoch selten die Chance, den anderen bei jeder seiner Handlungen selbst zu beobachten, wir sind auf soziale Informationen durch andere angewiesen. Auf Gerüchte also.

Gerüchte und Kooperation

Genau das hat das Forscherteam um Ralf Sommerfeld vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Biologie in spielerischen Experimenten untersucht. Sie ließen dazu Gruppen von je neun Studenten ein Computergame spielen, bei dem kooperative und unkooperative Spielweisen möglich sind. Den Mitspielern wurde zunächst in mehreren Testrunden ermöglicht, Informationen über die anderen Gruppenmitglieder zu sammeln. Später konnten sie auf festgelegte Weise Informationen über andere Mitspieler austauschen. Das erste, erwartbare Ergebnis: je kooperativer sich ein Spieler zeigte, desto entgegenkommender waren auch die Antworten.

Hatten die Spieler nur Zugriff auf Gerüchte, änderte sich daran nichts Wesentliches: Auch hier wurde dem kooperativ erscheinenden Gegner mehr Vertrauen entgegengebracht. Interessant ist der letzte Fall, bei dem die Spielteilnehmer sowohl die realen Verhaltensweisen als auch die darüber kursierenden Gerüchte in Betracht ziehen konnten.

Vernünftig wäre es gewesen, dann auf die "soziale Information" nichts zu geben - die Praxis sah anders aus: Wenn zu rein positivem tatsächlichen Verhalten negative Gerüchte hinzutraten, schwand das Vertrauen in den betreffenden (und damit betroffenen) Spieler deutlich.

Das galt andersherum ebenso - positive Gerüchte verstärkten die Kooperation in der betreffenden Gruppe. Effekte zweiter Ordnung konnten die Forscher jedoch nicht beobachten: Ein zusätzlicher Kommentar über den Autoren des Gerüchts beeinflusste das Spielverhalten nicht merklich. In den Alltag übertragen: Es schadet der Wirkung nicht, wenn der Überbringer des fiesen Gerüchts selbst nicht die beste Reputation hat.

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