"Pop ist die Volksmusik des 21. Jahrhunderts"

20.10.2007

Ein Gespräch mit dem Trikont-Chef Achim Bergmann über den Lauf der Zeit von 1968 bis heute und sein Label, das am 20. Oktober dreiundreissigsteindritteltes Jubliläum feiert.

Alle Cover: Trikont

Seit einem Dritteljahrhundert gibt es mit Trikont Records eine Art Motown in München. Mit einer stilistischen Bandbreite von den Ton, Steine Scherben über Funny van Dannen, Bernadette la Hengst, Rocko Schamoni, Karl Valentin, Bally Prell, Soulsängern, die Country und Russen, die Soul singen bis hin zu finnischem Pop mit Texten von Heinrich Heine beliefert das unabhängige Label die Welt mit außergewöhnlicher Musik.

Wie und als was wurde Trikont seinerzeit gegründet und welche gesellschaftliche, politische und kulturelle Situation war damals in den Spätsechzigern gegeben?

Achim Bergmann: Trikont wurde 1967 als Buchverlag innerhalb der damals beginnenden außerparlamentarischen Opposition gegründet und war Teil des SDS, ihres radikalen Kerns. Es war eine Zeit, in der vielen von uns die Gesellschaft sehr in sich geschlossen erschien, feindlich und autoritär. Die Zeit, in der Polizisten Kinosäle räumten, um Vorführungen von Ingmar Bergmanns Film "Das Schweigen" zu verhindern.

Gleichzeitig hatten sich andere Lebensweisen, Sichtweisen und Lebensgefühle, politische Auffassungen und neue Denkmodelle längst vorbereitet. Es gab den Rock'n’Roll, die Bewegung der Gammler, Hippies in Amerika und - ganz wichtig - das Kino, vor allem das französische: Nouvelle Vague, Godard, Truffaut. Es existierten also bereits vollständig andere Sichtweisen in der amerikanischen Populärkultur, viele philosophische Diskussionen, Adorno, Marcuse, Sartre und so weiter.

Dieses von der Gesellschaft unter dem Deckel gehaltene, unterdrückte politische Gemisch explodierte 1968 - wurde sichtbar und hatte von vornherein eine internationale Dimension. Black Panther in den USA, Kulturrevolution in China, der Vietnamkrieg, IRA in Nordirland, lateinamerikanische Guerillabewegung. Es gab einen ungeheuren Hunger in all diesen Szenerien nach Informationsaustausch, nach Diskussion, nach Verständigung untereinander. Die Gesellschaft war ja zugenagelt - eine geschlossene Gesellschaft, die angstbesessen versuchte, abweichende Lebenssphären auszugrenzen. Die herrschenden "Mainstreams" verweigerten alles, wonach die junge Bewegung gierte.

"Achtundsechziger hat es nie gegeben"

Trotz alledem hat es die 68er als "68er" für mich so nie gegeben. Diese Festlegung ist doch nichts anderes als die Psychologisierung von Geschichte und die Erfindung einer rührenden Generationsfolklore. Es war vielmehr der Versuch, den Zusammenhang zwischen Politik und öffentlichem Leben und dem, was man privat lebte und liebte, herauszuarbeiten und zu verbinden.

Wie man sich denken kann, war das nicht so einfach, da das Spektrum der Leute und ihre Herkunft das Umfeld, in dem sie sich bewegten, das, was sie planten und für sich erträumten, breit gefächert war. All unsere Ziele mussten also vage genug sein, um Viele zu verbinden - aber auch stark genug, eine vorwärts treibende Vision zu entwickeln.

In dieser Situation entstand nun Trikont - ein Verlag, der stark aus den Themen und Stimmungen in der Bewegung lebte und in diese zurückwirkte. Du sahst Dich als jemand, der in kleinen Gruppen in die Gesellschaft ging, zu anderen Schichten, um dort für die Idee einer radikalen Änderung des eigenen Lebens und der Gesellschaft zu werben. Nicht parteimäßig organisiert - wir wollten Hilfestellung leisten, die eigenen Interessen in die Hand zu nehmen, sich selbst zu organisieren.

Klar war, dass wir unsere Isolation als kleine radikale Minderheit aufbrechen mussten. Die erste Platte, die wir gemacht haben, heißt genau in diesem Sinne "Wir befreien uns selbst". Natürlich wurde viel diskutiert, sehr viel auch theoretisch über das System nachgedacht - gleichzeitig wollten wir aber die Kopflastigkeit der hauptsächlich studentischen linken Bewegung überwinden. Wir wollten also Revolution machen, Prozesse und Widerstand in Gang setzen, die Leute ermutigen, etwas zu unternehmen.

Was war der spezifische Beitrag von Trikont in dieser Zeit?

Achim Bergmann: Sehr schnell stellten wir fest, dass wir als allgemeinen kulturellen Hintergrund, in dem unsere Gefühle und Gedanken wirklich eine Rolle spielen, dass wir da nur den Rock'n’Roll, die amerikanische Populärkultur und das Kino hatten. Das war uns dann doch für das, was wir uns vorgenommen hatten, zu allgemein, zu wenig spezifisch. Genau an diesem Punkt tauchten sie auf - die "Ton, Steine, Scherben" aus Berlin - sie wurden unsere Rock'n’Roll-Helden, die mit ihren deutschsprachigen Texten den Nerv dieser Zeit trafen. Was uns verband, war der ähnliche Background und die Wut auf das, was war - gepaart mit dem Willen was zu verändern.

Ähnliche Gruppen schossen wie Pilze aus dem Boden. Wir haben viele von ihnen produziert. Die Scherben wurden jahrelang von uns vertrieben und ihre dritte LP "Wenn die Nacht am tiefsten" auch herausgebracht. Die richtige Musikproduktion ging aber mit "Lotta Continua (Der Kampf geht weiter)" los: An einem nebligen Novembertag standen einige Typen von "Lotta Continua" vor unserer Tür. Sie wurden in Italien von der Polizei gesucht, es war klar, dass sie hier Unterschlupf finden würden. Sie sangen pausenlos. Sie sangen bei jeder Gelegenheit, auch mit den Arbeitern. Sie nahmen Lieder aus der Arbeiterbewegung, texteten auf alte Schlagermelodien Aktuelles.

Wir hatten uns schon vor diesem Tag mit den Kämpfen in Italien beschäftigt, haben über die Fiat-Streiks Bücher herausgebracht und waren fasziniert von der "Power" dieser Bewegung. Für uns ging es jetzt darum, diese verschiedenen multi-nationalen Kulturen - Türken, Griechen, Jugoslawen, Italiener, Deutsche - die am Fließband aufeinander trafen, anzusprechen und zum Widerstand zu ermutigen. Wir feierten Feste an den Fabriktoren, verfassten Flugblätter in verschiedenen Sprachen und lernten von den Italienern, wie verbindend und stärkend populäre Musik sein kann. Gleichzeitig mit dem Vertrieb der Singles von 'Lotta Continua' fingen wir an selbst Lieder zu spielen - die Liedermacher waren uns zu altbacken.

Aber Songs wurden gebraucht als unterstützendes Element gegen den großen Gegner. Sie sollten helfen, eine Verbindung herzustellen zwischen uns und den uns ja zunächst mal fremden Schichten, auf die wir uns da einließen. Rock'n’Roll zu lieben und gleichzeitig die Lieder der "Arbeitersache" zu singen, empfanden wir überhaupt nicht als Widerspruch. Wir haben einfach einen anderen Teil abgedeckt mit diesen aus heutiger Sicht oft auch naiven oder radikalen Liedern.

Und plötzlich gab es da einen Haufen "Mobiler Einsatzkapellen", "Tommi", das "Links-radikale Blasorchester", "Schrott und Spott", die "Swinging Mescaleros" und wie sie alle hießen. Eine wilde Mischung aus verschiedensten Lebensformen und Schichten, der Sprache der Straße, den Jugendzentren, Freizeitheimen, den Quartieren der Gastarbeiter, und so weiter. Uns ging es eben von Anfang an um die Gefühlswerte von Sprache, die Dich verbinden können, auch wenn Inhalte zunächst fremd erscheinen.

Immer wieder überzeugt und schwer beeindruckt hat mich da "Klaus, der Geiger" - der konnte das wie kein anderer mit seiner Straßenmusik. Alte Omas standen begeistert vor ihm, sicher erstmal wegen der schluchzenden Geige, Radikalos eher wegen der gnadenlosen Texte.

Wie ging die Bewegung in den siebziger Jahren weiter?

Achim Bergmann: Keiner von uns wollte sich nur funktionalisieren lassen für ein großes Ziel, alles musste eine Beziehung haben zu dir selbst, zu Deiner eigenen Geschichte, zu Deiner eigenen Szene. Es stimmt der Spruch von der "kleinen radikalen Minderheit". So funktionierten sie alle, Alternativszenerien, Ökos, Schwule, Frauen, .... Das Gleiche auch in der Anti-AKW-Bewegung, die Mitte der Siebziger entstand - Whyl, wo die Freiburger-Freak-Szene gemeinsam mit den Weinbauern der Gegend erfolgreich den Bau dieses AKWs verhinderte - damit hatte niemand gerechnet.

Stell Dir dieses Bild vor. Da standen die Freaks aus der Großstadt, Alternative und konservative Weinbauern zusammen und verhinderten das erste und einzige Mal ein AKW. Es gab "Singende Winzerinnen", politische Rockgruppen, Leute wie Walter Moßmann. Trikont produzierte sie alle. Da wurde uns sehr schnell klar, dass es nicht nur das "Brot" oder allgemein gesprochen die Freiheit sein konnte, was so unterschiedliche Leute zusammenbringt, was zum Beispiel diese konservativen Bauern dazu brachte, sich dem Staat zu widersetzen. Ja, auch hier ging es mal wieder um die Freiheit zu seinen Geschichten zu stehen, zu dem was man an individueller Geschichte mitbringt.

"Gegen Großmachtsphantasien des deutschen Reiches"

Wir hatten also gelernt, dass man immer den ersten Schritt machen musste, bevor man einen nächsten macht, zu einer neuen Vereinigung. Und dieser erste Schritt heißt immer Revolte, Dissidenz gegenüber Herrschaft, Separatismus gegen Mainstream, Verweigerung des großen Ganzen, des großen Konsens. Zu diesem Zeitpunkt fingen wir an, regionale Dissidenz, regionalen Separatismus zu beachten, wie er im Baskenland, in Irland, bei den Black Panthern auftauchte.

Strukturell war uns das alles ja nicht fremd in unserem Verständnis von Minderheiten-Subkulturen. Sehr stark unterstützte uns dabei gedanklich, philosophisch und kulturell die neue Indianerbewegung. Im Kampf um ihre Wurzeln und Identitäten gingen sie äußerst radikal gegen das amerikanische System vor. In Deutschland fanden sie da wesentlich mehr Unterstützung als in den USA. - logisch.

Parallel dazu machten wir in dieser Zeit unsere erste bayrische Platte mit "Sparifankal", deren großes Vorbild "Greatful Dead" ja nicht nur Band, sondern gleichzeitig Kommune waren. "Sparifankal" - und nicht nur sie - sagten im Grunde, es gibt in den Leuten Spuren von Traditionen, die sich nicht nur gegenüber der industriellen Logik verweigern, sondern auch deren politischem Pendant, den Großmacht-Phantasien des Deutschen Reiches.

10 Jahre "Bewegung" lagen nun schon hinter uns, und so langsam schien die Kraft weniger zu werden. Die radikalen Szenerien begannen sich aufzulösen. Der "Deutsche Herbst" brach an, Schleyer wurde entführt, ein Teil der RAF getötet, was paralysierend auf alle wirkte. Auf der einen Seite gab es noch mal die extreme Erfahrung der Gewalttätigkeit des Staates, aber auch die Erfahrung der Verstrickung in eine eigene Gewalttätigkeit innerhalb unserer Geschichte, zu der die RAF auch gehörte.

Eine fast lähmende Nachdenklichkeit breitete sich aus. Hatten wir nicht auch Gewalt gegen uns selbst gerichtet? War es zu viel und zu schnell, was wir da an der Gesellschaft ändern wollten? Wir hatten uns nicht auf langfristige Änderungsprozesse eingelassen. Wie auch - in einer ständig sich verändernden und pulsierenden Bewegung. Es gab noch keine Zeit, eigene Lebenserfahrungen anzusammeln und zu verarbeiten und unsere Ungeduld richtete sich auch gegen uns selbst.

Unsere Träume von befreiten Gebieten und utopischen Gegenwelten, aus denen heraus wir kämpfen wollten, zerplatzten mehr und mehr. Damit musste man erst mal fertig werden. Jeder versuchte das auf seine Weise. Aber die nächsten Generation stand schon in den Startlöchern und denen war schon viel klarer, dass es zu diesem System keine Alternative aus dem Baukasten geben würde. So musste sich Radikalität also auf dem Boden dieser Gesellschaft abspielen. Die Öko-Bewegung und die Frauenbewegung drängten weiter nach vorne, sie waren in unserer Geschichte ja eher Themen unter vielen anderen gewesen. Gleichzeitig entstand Punk und New Wave, existentielle, aber auch ästhetische Radikalismen, die sich mehr als Haltung und Lebensgestus verstanden.

Wie waren dann die achtziger Jahre?

Achim Bergmann: 1980 trennte sich Trikont Schallplatten vom Buchverlag . Dieser entwickelte sich eher in eine esoterische, mythologische Richtung, während wir versuchten, uns in den Traditionen von "Unsere Stimme" weiterzuentwickeln.

Einige Zeit vorher rief Rough Trade aus London an, wollte dass wir ihre Platten - vor allem Punk - in Deutschland vertreiben. Mit Staunen und Interesse haben wir diese wild entschlossenen Punks wahrgenommen, ihre Ideenwelt war uns ja auch alles andere als fremd. Natürlich hatten sie unsere volle Sympathie. Trotz alledem hatten wir das Gefühl wir sollten uns da raushalten. So wurde dann in München unser Arbeitersachenzentrum "Das Milb" von den Punks übernommen.

Wir haben auch die Rough-Trade-Sachen nicht vertrieben, "Charge" und die "Resisters", Bands aus London haben wir aber gemacht weil die Jungs kein anderes Label fanden. Für uns bedeuteten die 80er das erste Mal die Erfahrung von Isolation in unseren eigenen Projekten. Viele von denen, die in den 70er Jahren kämpften, trafen sich nun wieder in Institutionen wie den Grünen.

Gleichzeitig erfuhren wir durch die so genannten Pop-Dissidenten eine starke Ablehnung. Ihr Weg, sich mehr auf eine bestimmte Art der Musik und einen avantgardistischen Pop-Diskurs zu konzentrieren, war uns erstmal ziemlich fremd. Ihre Beschäftigung mit Musik war von einer irrsinnigen Dichte, die wir so nicht kannten. Fragen zur Gesellschaft, zum Leben heute, zur Politik werden nicht mehr gestellt.

Der Bruch war also danach das New Wave-Ding. New Wave wurde ein System einer Ästhetik von Dingen, die uns nicht wichtig waren und da wurde es richtig hochnäsig. Ab den Achtzigern wurde es für uns richtig schlimm. Da wurde uns vorgeworfen, dass wir überhaupt deutschsprachige Musik herausbringen, was dann noch bis in die Neunziger Jahre, als Franz Dobler bei uns seinen ersten "Wo ist zuhause Mama"-Sampler mit diesem [zensiert] Günther Jacob ein Thema war.

"Verschiedene Aneignungsprozesse"

Gleichzeitig glaube ich, dass die ganze Phase, diese ganze Zeit von den 60er bis in 70er Jahre dann auf eine neue andere Weise auch in den 80er Jahren gar nicht so unterschiedlich, sondern Aneignungsprozesse waren, von Lebensqualitäten, von Lebenswillen, von Ausdrucksfreiheiten.

Klar der ganze Außeneindruck von Kleidern war uns fremd, wir sahen eben aus, wie wir aussahen – nur, war das so ein großer Unterschied? Ist nicht gewichtiger und interessanter zu begreifen, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse, Kapitalverhältnisse sich entwickelt haben, auf welche Weise sie unsere Sachen neutralisieren, auch beherrschen können? Und zu sehen: dennoch machen in hier dieser ganzen Krisensituation noch Tausende von Leuten einfach spannende Musik.

Es ist zum erstem mal in der deutschen Geschichte, dass Popmusik zur Volksmusik des 20. und 21. Jahrhunderts geworden ist. Und gleichzeitig gibt es – die nicht von irgendwelchen Strategen durchdachte – gesamtgesellschaftliche Neutralisierung von Subjektivität der Menschen auf allen Ebenen. Das fängt beim Fußball an. Ich bin Fußball-Fan und ich werde krank, wenn ich sehe, wie das alles abläuft, wie wir zu kleinen Konsumenten gemacht werden und das ist nicht nur kulturkritisch gemeint, sondern man nimmt mir was, man nimmt mir was von meinem Leben.

Dieses Herunterfahren der Bedeutung zu – übertrieben ausgedrückt, aber es stimmt ja irgendwie – zu einem Kapitalverhältnis, dieser Zusammenhang von damals und heute, den muß man sehen. Dagegen steht immer noch das Politische an Musik, an Kultur heute. Man kann immer sagen "das bringt nichts auf und es bringt nichts dagegen". Ich weiß auch nicht, was das in einem expliziteren fundamentalen oder auch tagespolitischen Sinn bedeutet, weil ich kein Stratege bin.

Ich habe aber eine Wut, weil ich denke, dass eine intelligente Massenkultur neben der politischen und ökonomischen Macht das dritte Standbein der noch nicht vollendeten bürgerlichen Revolution, der Demokratie, ist, die sich zumindest in Ansätzen verwirklicht hat - in Amerika und England und am wenigsten in Deutschland. Und das noch gar nicht vorhandene soll bereits wieder kaputt gemacht werden. Jeder kann heutzutage in seinem Wohnzimmer die wunderbarste Musik aufnehmen - weil es nichts kostet. Aber man wird gleichzeitig auch feststellen, dass es für eine gewisse Art von Musik gar keine Öffentlichkeit mehr gibt.

Wie schätzen Sie die Situation von Trikont heutzutage ein? Was sind ihre Anliegen geblieben?

Achim Bergmann: Für uns heißt "Independent" immer noch unabhängig zu sein - den öffentlichen Raum für selbstbestimmten und kreativen Ausdruck frei zu halten von den Herrschaftsansprüchen des Mainstream. Ein großer Teil der Trikont-Musik ist zeitbezogen, vergleichbar mit topical songs aus der amerikanischen Tradition. "Underground" also. Wir wollten und wollen, dass Leute das Maul aufmachen - in ihrer Sprache - Popmusik eben!

Und Arto Lindsay hat recht wenn er sagt: "Aber den Ort, an dem Musik entsteht, halte ich trotzdem für einen der wichtigsten Aspekte von Musik überhaupt" Nimm Cajun, mexikanischen Bolero, finnischen Tango oder das Auftauchen von Attwenger und Hans Söllner - das ist nicht einfach nur Weltmusik. Diese Musik ist an Orten entstanden. Nach der Vertreibung und Ablösung aus Traditionen. Da stehst an einem ganz bestimmten Punkt der Welt, von dort nimmst Du sie wahr, von dort interpretierst Du sie. So funktioniert das! Und Herbert Achternbusch sagt, an der Welt kannst Du nicht teilnehmen wie an einem Weltkrieg.

Das ist die Stärke der amerikanischen Populärkultur - dass sie die Geschichten sehen kann, aus denen jemand kommt und gleichzeitig weiß, dass dieser Jemand aus diesen Geschichten ja auch weiterlebt. Geh ins Kino und schau Dir die Blicke auf die Leute an - die, funktionieren wie Lebens/Welt-Archive, sie produzieren Typen. Du schaust genau hin und dabei werden sie interessant. Die Methode der sich selbst erfüllenden Prophezeiung also, die nirgends so exzellent ausgearbeitet worden ist wie in der amerikanischen Kultur.

Diesen Blick und Sinn für die Geschichten von Menschen hier zu entwickeln, und daraus gleichzeitig neue Typen zu produzieren, das war eigentlich immer unser Ding - da wollten wir hin. Wollen wir immer noch. So lange die Reaktion von Leuten auf diese reine Verwaltung von Massen, die Beschneidung kreativer Potentiale zugunsten des Mainstream Verweigerung heißt, Ablehnung dieser einheitlichen Scheiße – so lange denke ich mir, ist die Zukunft für Minderheitenproduktionen für die nächste Jahrzehnte gesichert.

Am 20.Oktober, 21Uhr, feiert Trikont sein dreiunddreißigeindritteljähriges Bestehen in der Reithalle zu München, Heßstr. 132. Mit Attwenger, Rocket Freudenthal, Bernadette La Hengst und den DJs Yuriy Gurzhy und Ipek

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