Falsche Annahmen

Thomas Pany 20.10.2007

Was Jupiter darf, darf der Ochse nicht: Die fragwürdigen Aussagen Dr. Watsons und der beschränkte Aussagewert von Gen-Analysen zu Schwarz-Weiß-Fragen

Das Orakel des beginnenden 21.Jahrhunderts hat drei Buchstaben: DNA oder DNS oder einfach Gen. Es sagt uns, wer wir werden, wer wir sind, woher wir kommen, woran wir sterben, mehr oder weniger das große biologische Schicksal. Natürlich bleibt es viele Antworten schuldig, was aber nach Meinung nicht weniger Faszinierter nur eine Frage der Zeit ist. Früher hochspezialisiert und Angelegenheit für wenige, hat die Gen-Technik mittlerweile Anwendungen im Repertoire, die der Allgemeinheit, also größeren Bevölkerungsgruppen zugänglich sind. So zum Beispiel die populären Tests zur Ahnenrecherche, deren Ergebnisse ein Leben verändern können. Doch nicht alles, was "DNA" oder "Gen" im Namen führt, ist wissenschaftlich so abgesichert, wie es die magischen Buchstaben versprechen. Das weiß auch James Watson, der Genforschungsnobelpreisträger von 1962, und er weiß es höchstwahrscheinlich genauer als der große Rest. Was er aber so viel und so wenig wie der Rest der Welt weiß, ist, wie klug Afrikaner im Vergleich zu Bewohnern anderer Erdteile sind. Diese Frage verweist das Gen-Orakel zurück an uns selbst.

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Mehr als 460.000 Menschen sollen in den letzten sechs Jahren Genetic Ancestry Tests durchgeführt haben. Die Preise – zwischen 100 und 900 Dollar in den USA – sind für viele erschwinglich. Die Nachfrage sei gigantisch, heißt es in einem wissenschaftlichen Beitrag zu diesen genetischen Stammbaum-Tests, der aktuell im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht wird. Deborah Bolnick und ihre Kollegen warnen darin eindringlich davor, den Testergebnissen zu viel Bedeutung beizumessen. Die Tests würden deutliche wissenschaftliche Grenzen aufweisen. Was umso schwerwiegender sei, da die Testergebnisse nicht von jedermann auf die leichte Schulter genommen werden. Sie würden Leben verändern – wie sehr, das lässt schon seit einiger Zeit in unzähligen Veröffentlichungen, die diese Modewelle begleiten, nachlesen.

Das Etikett, das diesen Verfahren in den USA häufig angeheftet wird, nämlich "Recreational Genetics" sei irreführend. Für viele Personen, die solche Tests machen, geht es um ernsthafte Fragen, die für ihre persönliche Geschichte und ihr Leben ganz entscheidend sein können. Es ist kein Zufall, dass Bolnick et al. in diesem Zusammenhang besonders Hoffnungen erwähnen, die viele Afro-Amerikaner mit diesen Tests verbinden. Die Suche nach der eigenen Geschichte und der Herkunft ist ganz offensichtlich für jene Amerikaner besonders wichtig, deren Identität unvermeidlich mit Rassismus und damit implizierter Unterdrückung in vielfältigster Form verküpft ist.

Aber genau hier, wo man von der Gen-Analyse Antworten auf soziale Identitätskonstrukte erwartet, zeigen sich auch die besonderen Schwächen der DNA-Analyse, wie Bolnicks Team in seiner Arbeit nachweist:

Consumers often purchase these tests to learn about their race or ethnicity, but there is no clear-cut connection between an individual’s DNA and his or her racial or ethnic affiliation. Worldwide patterns of human genetic diversity are weakly correlated with racial and ethnic categories because both are partially correlated with geography.

Wie die Autoren im Detail ausführen, gibt es eine ganze Reihe von Mängeln, mit denen die kommerziellen Ancestry-Gen-Tests arbeiten, etwa, dass häufig nur 1% der DNA des Käufers untersucht werden; dass Datenbanken, die zum Vergleich herangezogen werden, auf falsche Spuren führen; dass Merkmale für eine Bevölkerung als charakteristisch bezeichnet werden, die aber dieser Diagnose gar nicht standhalten können, da die genetische Diversität viel zu hoch ist, um solche Annahmen zu halten. Zum anderen würden Datenbanken von heute nicht unbedingt auf Poulationen von früher schließen lassen. Insgesamt gebe es keine richtigen genetischen Beweise dafür, dass vier biologisch unterschiedliche Gruppen von Menschen überhaupt existieren, was Grundlage so mancher Ancestry Tests sei, usw. Kurz gesagt: das komplexe Thema "Race", das sehr stark von sozialen, historischen, psychosozialen, ökonomischen Bedingungen geformt und geprägt wird, lasst sich nicht via Gen-Analysen auf eine einfache Formel bringen. Rassismus läßt sich nicht mit Gen-Wissenschaft begründen. Er bleibt fauler Voodoo.

Das weiß auch James Watson, der gerade in Großbritannien für sein Buch "Avoid Boring People" geworben hat, dabei – nicht zum ersten Mal - zur "most interesting person" für die Medien geworden ist und in der Folge seinen renommierten Posten verloren hat.

"What should I do about the press?"

Am vergangenen Sonntag gab der fast achtzigjährige "Pate der DNA" der britischen Zeitung Times ein folgenreiches Interview, in dem er Sätze sprach, die ein paar Tage später um die Welt gingen. Der skandalöse Ausschnitt aus dem Interview:

He says that he is "inherently gloomy about the prospect of Africa" because "all our social policies are based on the fact that their intelligence is the same as ours – whereas all the testing says not really", and I (die Interviewerin Charlotte Hunt-Grubbe, Anm.d.A.) know that this "hot potato" is going to be difficult to address. His hope is that everyone is equal, but he counters that "people who have to deal with black employees find this not true".

Dass diese Sätze nur Ausschnitte eines größeren Interviews sind, bleibt meist unerwähnt. Schon der nächste Satz stellt klar, in welchem Rahmen die Äußerung platziert ist:

He says that you should not discriminate on the basis of colour

Ein paar Sätze weiter räumt er ein, dass die Genforschung noch mindestens ein Jahrzehnt davon entfernt ist, etwas wissenschaftlich Belegbares über Intelligenzunterschiede auszusagen:

When asked how long it might take for the key genes in affecting differences in human intelligence to be found, his "back-of-the-envelope answer" is 15 years.

Watson gab das Interview einer ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiterin und spielte ihr gegenüber die Rolle, die ihn in der Science Community berühmt gemacht hat: den Wilden, der seine Kollegen gerne vor den Kopf stößt mit politisch inkorrekten Äußerungen.

To many in the scientific community, Watson has long been something of a wild man, and his colleagues tend to hold their collective breath whenever he veers from the script.

Nature, 1990

Aus dem Interview Watsons, das eigentlich ein Porträt ist, in der Sunday Times, geht deutlich hervor, dass der Mann ein gewiefter Provokateur ist, dessen Provokationen von Auslassungen[1] und späteren Ergänzungen leben.

Doch findet der sehr eigenwillige Humor des Nobelpreisträgers (der sich in einer Verfilmung seines Lebens "Borat" Sacha Baron Cohen als James Watson wünschen würde), der vor allem gegen Schablonen-Denken[2] gerichtet ist, seine politischen Grenzen. "Watson hatte Afrikanern unterstellt, weniger intelligent zu sein" - das wird eben aus oben zitierten Sätzen in der gewaltigen Medienmaschine. Aus dem witzig gemeinten Affront eines Wissenschaftlers, der von Lebensalter und -leistung bestärkt keine der üblichen Rücksichten nimmt, wird so eine schmutzige, politische Äußerung, die er selbst nicht wiedererkennen will. Dem Independent gegenüber präzisierte er am Freitag:

Ich kann die Reaktionen zu einem großen Teil verstehen. Denn wenn ich gesagt habe, was ich gesagt haben soll, dann muss ich zugeben, dass mich das bestürzt. Bei all jenen, die aus meinen Worten geschlossen haben, dass Afrika als Kontinent in irgendeiner Weise genetisch minderwertig sei, kann ich mich nur aus vollem Herzen entschuldigen. Das habe ich nicht gemeint. Und noch wichtiger: Es gibt keinerlei wissenschaftliche Grundlage für eine derartige Annahme.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26439/1.html
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