Lissabonner Staumeldung
Portugal hat den Bau von zehn neuen Staudämmen für die Stromerzeugung angekündigt
Die portugiesische Regierung will der zunehmenden Abhängigkeit des Landes von ausländischen Energiequellen entgegensteuern und den Verpflichtungen auf internationaler Ebene hinsichtlich der Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes nachkommen. Für die Regierung ist der weitere Ausbau der Windenergie gekoppelt an die Erschließung neuer Pumpspeicherwerke. Gleichzeitig sollen zusätzliche Wasserspeicher geschaffen werden, um besser für Dürreperioden gewappnet zu sein. Das Programm soll mehr als 1500 Arbeitsplätze schaffen.
Anfang Oktober stellte die portugiesische Regierung im Museu da Água in Lissabon den neuen "Nationalplan Staudämme mit erhöhtem hydroelektrischen Potential" (PNBEPH) vor. Bis zum Jahr 2020 soll die verfügbare Leistung der Wasserkraftressourcen des Landes auf über 7.000 MW angehoben werden – das entspräche dann 70% des geschätzten nutzbaren Wasserkraftpotentials Portugals (gegenwärtig installiert: ca. 4.800 MW).
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| Wasserkraftwerk Bemposta Douro Internacional. Die installierte Leistung der Wasserkraftwerke Bemposta und Picote am Douro sowie Alqueva am Guadiana wird im Rahmen eines weiteren Projekts erhöht. Außerdem entsteht am Douro-Zufluss Rio Sabor ein neues Wasserkraftwerk. Quelle: Google earth, 41°18'3.25"N, 6°28'12.89"W |
Ein Hauptaugenmerk soll auf dem Bau von neuen Pumpspeicherwerken liegen, von denen man sich eine Abfederung der starken zeitlichen Schwankungen in der Stromproduktion aus Windenergie verspricht. Denn auch in Portugal wird verstärkt auf Windenergie gesetzt - bis 2010 sollen insgesamt 5600 MW aus Windanlagen am Netz sein. Mit dem kürzlich beschlossenen Ausbau von Alqueva II und dem Neubau des Wasserkraftwerkes am Unteren Sabor (Portugal: Rio Sabor wird angestaut) wächst die Pumpspeicherleistung Portugals bis ins Jahr 2012 auf .400 MW (in Deutschland gegenwärtig verfügbar: ca. 7.000 MW).
Dabei sind die Pläne nicht neu: die Namen für die einzelnen geplanten Staudämme liegen schon seit 30 Jahren in der Schublade. 25 Örtlichkeiten mit einer Kapazität von jeweils mehr als 30 MW kamen in eine engere Auswahl. Nach weiteren Sondierungen blieben zehn übrig:
Die Schaffung von strategischen Wasserreserven ist anvisiert
Zwei hydrografische Becken fallen hinsichtlich ihrer Speicherkapazität besonders auf: Douro und Vouga. Am Rio Vouga wird bisher überhaupt kein Wasser gespeichert. Und obwohl am Douro schon eine Reihe von Staudämmen installiert ist und hier das größte Wasserkraftpotential des Landes angezapft wird, gilt die Speicherfähigkeit für das Wasser selbst als mangelhaft. Die 380 Kubikhektometer, die in seinen Staubecken zurückgehalten werden können, entsprechen der Wassermenge, die im Schnitt innerhalb einer Woche durch den Douro fließt. Die geringe Rückhaltefähigkeit begründet die Abhängigkeit von den spanischen Nachbarn und deren Wasserentnahmepraktiken weiter stromaufwärts. Doch aus topografischen Gründen können Rückhaltebecken in ausreichender Zahl selbst nicht am Douro gebaut werden, vielmehr ist man gezwungen, auf die Nebenläufe auszuweichen.
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Befürchtungen, Schlagwörter – und auch ein bisschen Stolz
Am Tua zum Beispiel sieht man die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Wird der 177 Millionen Euro teure Staudamm gebaut wie geplant, wird die Eisenbahnverbindung Tua-Mirandela im angestauten Wasser verschwinden – und mit ihr der Segen jener drei Millionen Euro, die hier seit 2003 in Erhalt und Erneuerung investiert wurden. Die Bahnlinie ist nicht der einzige vom Verschwinden oder zumindest von erheblichen Beeinträchtigungen bedrohte Aktivposten in der Region. In den Thermalbädern von Carlão und São Lourenco macht man sich ebenso Sorgen wie in der Weinkooperative von Murça, wo mit dem Porca de Murça einer der bekanntesten Weine Portugals produziert wird.
EDP hat bereits angekündigt, bei den Wettbewerben um die Projektausschreibungen aller zehn Stauvorhaben mitwirken zu wollen – trotz Befürchtungen der Wettbewerbsaufsicht, es könne zu Wettbewerbsverzerrungen kommen.
Für Umweltschützer Eugénio Sequeira, Präsident der Liga para a Protecção da Natureza sind die Stauvorhaben schlicht "unverantwortlich": es lägen keinerlei Studien zu den Auswirkungen auf Sedimente, Nährstoffe und die Wasserqualität selbst vor. Besonders für den Norden des Landes stelle sich die Frage, was wirklich ein Mehrwert für dessen Bewohner sei. Staudämme an den Douro-Zuflüssen schüfen keine lokalen Reichtümer, vielmehr trügen sie zur weiteren Entvölkerung des Landstrichs bei. Hélder Spinola, Präsident von Quercus, begrüßt dagegen die "Vision von der Vereinigung des Wasserkraftpotentials" des Landes, vermisst aber eine Strategie, in deren Zentrum Einsparungen stünden – zu sehr setze man auf eine Anregung des Konsums.
Staatschef Sócrates verteidigte den neuen Plan ausdrücklich. Er repräsentiere "Aktion, Entscheidung sowie eine mittel- bis langfristige Vision". Sollte Portugal weiterhin seine Wasserkraftressourcen vernachlässigen, drohe eine Verfestigung der Abhängigkeit von ausländischen Energieversorgern. Sócrates betonte weiterhin, dass der Nationalplan Staudämme erstmalig auf einer "strategischen Umweltbewertung" beruhe. Damit sollen eventuelle Überraschungen vermieden werden, die bei anderen Bauvorhaben wie beim geplanten Wasserkraftwerk Foz Côa zu Verzögerungen oder gar einem Baustop führten. Und für Wirtschaftsminister Pinho sind die Einwürfe der Umweltschützer keine ernstzunehmende Kritiken: sie seien unfair und blendeten die Tatsache aus, dass Portugal das Land in Europa sei, das am drittstärksten auf erneuerbare Energien setze – für Pinho ein Grund, voller Stolz zu sein. Der "Nationalplan Staudämme mit erhöhtem hydroelektrischen Potential" ist noch bis Anfang November in der öffentlichen Diskussion.
http://www.heise.de/tp/artikel/26/26471/1.html- Die nächsten 10 Jahre klagen die Grünen gegen die Staudämme (1.11.2007 10:55)
- Wasserversorgung und Energie (31.10.2007 10:37)
- Trinkwasser ... (29.10.2007 17:14)
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