Elitebildung statt Bildungsförderung

24.10.2007

Björn Kietzmann vom AStA der eben zur Elite gekürten FU Berlin erläutert die Bestürzung über die Entscheidung

In den meisten Berliner Medien wurde mit großem Jubel berichtet, dass die Freie Universität Berlin von der Exzellenzinitiative ausgezeichnet worden ist. Das Präsidium der Freien Universität sieht sich in ihren Kurs bestätigt und lehnt alle Vorschläge ab, in Berlin eine einheitliche Universität zu schaffen. Allerdings gibt es gerade unter aktiven Studierenden nicht nur Freude über die Exzellenzauszeichnung. Der AStA der FU hat in einer Presseerklärung sogar seine "Bestürzung" über die Entscheidung ausgedrückt.

Der FU-AStA hat in einer Pressemitteilung die Bestürzung über die Entscheidung der Exzellenzinitiative zur Auszeichnung FU als Eliteuniversität ausgedrückt. Warum freuen Sie sich nicht?

Björn Kietzmann: Wir halten den Exzellenzwettbewerb insgesamt für falsch. Dabei geht es um die Förderung von Elitenforschung. Unser Ansatz dagegen ist, dass Bildung in seiner ganzen Breite von der Kita bis zur Erwachsenenbildung gefördert werden sollte. Eine solche Orientierung fordert eine totale Umorientierung in der Bildungspolitik. Die auf Wettbewerb ausgerichtete Elitenförderung, ist das totale Gegenteil davon.

Wird aber durch die Auszeichnung der FU nicht mehr Geld an die Universität fließen?

Björn Kietzmann: Doch, aber es fließt zweckgebunden an einzelne Forschungsprojekte. Bei der Lehre wird kein zusätzliches Geld ankommen. Das Land Berlin muss sich mit 25 Prozent an den Kosten beteiligen. Aus welchen Töpfen dieses Geld stammen wird ist derzeit noch unklar. Das zusätzliche Geld ist auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, bedenkt man die Politik des Kaputtsparens der letzten Jahre.

Sie kritisieren auch, dass mit der Auszeichnung eine "fragwürdige Politik des FU-Präsidiums" belohnt wird. Was meinen Sie damit?

Björn Kietzmann: Hiermit meinen wir das undemokratische Handeln der Uni-Leitung, was sich unter anderem an dem Umgang mit der Bewerbung als Eliteuniversität zeigt. Diese ist bis heute nicht öffentlich. Selbst die Mitglieder des Akademischen Senats, dem höchsten Entscheidungsgremium an der FU, ist diese unbekannt. Entscheidungen werden an FU höchst undemokratisch getroffen. Wir fordern deshalb eine Demokratisierung der Hochschulen, also ein Ende der Professoren-Mehrheit in den akademischen Gremien durch gleiche Mitspracherechte aller Hochschulstatusgruppen.

Sie kritisieren auch die Personalpolitik des FU-Präsidiums. Wo sehen Sie hier einen Zusammenhang mit der Exzellenzinitiative?

Björn Kietzmann: An der "graduate school of north american studies", die in der ersten Ausschreibungsrunde des Elite-Wettbewerbs gefördert wurde, blockiert das Präsidium eigenmächtig die Berufung des Nordamerika-Spezialisten Albert Scharenberg. Er wurde von der zuständigen Fachkommission als der am besten geeignete Bewerber für eine ausgeschriebene Juniorprofessur ausgewählt, doch das Präsidialamt setzte das Berufungsverfahren aus. Da dessen Begründungen sich als vorgeschoben herausstellten und der Eingriff eine Kompetenzüberschreitung darstellt, ist es naheliegend, dass die Berufung aus politischen Gründen verhindert werden soll. Scharenberg ist u.a. Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Findet Ihre Kritik bei den FU-Studierenden Zustimmung oder überwiegt dort die Freude über die Auszeichnung?

Björn Kietzmann: Es gibt sicher Studierende, die es toll finden, dass "ihre Universität" ausgezeichnet wurde. Aber viele Studierende teilen unsere Kritik, weil sie selber im Studienalltag erfahren, dass an der Universität vieles im Argen liegt. Ich nenne da nur als Beispiele überfüllte Hörsäle und die erschwerte Möglichkeit des Studienfachwechsels. Diese Unzufriedenheit mit den Studienbedingungen schlägt sich auch in der zunehmenden Zahl der Studienabbrecher an der FU nieder. Vielen Studierenden ist daher auch bewusst, dass die Förderung einiger Leuchttürme der Forschung diese Probleme verschärft und nicht löst.

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