Newton calling

Das "NewtPhone" als Billig-Alternative zum iPhone? Über das Telefonieren mit einem Apple-Handheld von gestern, das nie dafür vorgesehen war

Ich hasse Handys. Nicht nur wegen des bescheuerten Begriffs. Ich mag die Idee nicht, jederzeit erreichbar zu sein, sie wirkt für mich wie ein privates Pendant zu den staatlichen Überwachungsalpträumen. Oh, ich habe schon zwei Handys. Das eine, vor Jahren selbst angeschafft, liegt kaputt in einem Schrank, der bei mir den elektronischen Friedhof darstellt. Das andere, ein Geschenk, nun auch schon nicht mehr ganz taufrisch, liegt gleich daneben. Immerhin funktioniert es noch. Ich habe bisher eine einzige SMS in meinem Leben geschrieben, und ich fand die Erfahrung so uninteressant, dass ich sie nicht wiederholen muss. Aber nun haben Handys erwiesenermaßen auch einen praktischen Aspekt, und so bereitwillig ich auf die unpraktischen Aspekte der Mobiltelefonie verzichten kann, so merkte ich in letzter Zeit doch immer deutlicher, dass das Leben ohne Handy langsam umständlich wurde. Nach einem Ausweg aus diesem Dilemma suchte ich vergeblich.

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Bis vor etwa einem Monat. Da ich nicht nur ein begeisterter Nutzer des Newton Messagepads 2100 bin, sondern auch regelmäßig bei Newtontalk mitlese, der größten Mailingliste zum Thema Newton weltweit, stach mir der Beitrag eines anderen Users ins Auge, der dringend wissen wollte, wie das denn nun sei mit dem Newton und dem SMS-Schreiben.

Steven Jobs mit NewtPhone

Die Existenz eines Programms namens NewtSMS+ war mir schon lange bekannt gewesen, aber Kurztexte mit maximal 160 Zeichen interessieren mich zu selten, ob beruflich oder privat (s. oben), und deswegen hatte ich mich mit dem Programm nicht weiter beschäftigt.

Jetzt allerdings führte mich das Posting des SMS-interessierten Newtontalkers auf eine französische Website, der Erstaunliches zu entnehmen war: Mit der letzten Version von NewtSMS+ konnte man offenbar auch telefonieren.

Das wollte ich ausprobieren. Ich besorgte mir das erforderliche Nokia Card Phone 2.0. das passende Headset und die billigste Prepaid-SIM-Karte eines führenden Telekommunikationsanbieters.

Dann lud ich mir NewtSMS+ 1.10a auf meinen Newton, trug die PIN-Nummer der SIM-Karte ein, steckte die SIM-Karte in das Card Phone, das Card Phone in mein Messagepad 2100, und - führte mein erstes Gespräch. Mit meinem eigenen Telefonanrufbeantworter. Im Praxistest stellte sich das Ganze als etwas umständlicher, aber durchaus tauglicher Handyersatz dar. Anrufen von unterwegs, die einzige Funktionalität, die ich wirklich wollte, funktioniert wunderbar.

Angerufen werden geht natürlich auch, aber das Card Phone muss dazu nicht nur eingesteckt, sondern auch in einen speziellen Bereitschaftsmodus geschaltet werden, was die Wahrscheinlichkeit, unfreiwillig von Anrufen genervt zu werden, auf nahezu Null senkt. Die Erreichbarkeit freilich auch. Ich will nicht überall und jederzeit erreichbar sein (s. oben). Ich hatte gefunden, was ich suchte. Und das Card Phone funktioniert natürlich nicht nur in meinem MP 2100, sondern auch in meinem eMate 300 und in meinem antiken Win98SE-Laptop. Wenn es ganz dringend nötig wird, kann ich die SIM-Karte auch einfach in mein noch funktionierendes Handy stecken, das normalerweise auf dem Elektronikfriedhof dahindämmert (s. oben).

So weit, so gut. Womit ich nicht gerechnet hatte: das ungewöhnliche Interesse, das meine Meldung zu dieser Tatsache auf Newtontalk hervorrufen würde. Nachdem Dave Caolo von dem viel gelesenen Apple-Blog tuaw.com die Meldung aufgegriffen hatte, war in meinem ansonsten eher gemächlich frequentierten Blog nicht gerade der Teufel los, aber doch sehr viel mehr als üblich. Die betreffende Story wurde in zwei Tagen fast zweitausend Mal gelesen, von tuaw.org machte die Meldung ihren Weg nach Italien, Argentinien, Schweden, Frankreich und zurück nach Deutschland.

Zu manchen der Blog- und Foreneinträge gab es ernsthafte Diskussionen; hin und wieder wurde gemutmaßt, dass die Meldung eine Ente sei. Amüsant auch die unvermeidlichen Verzerrungen, die in der Blogosphäre genauso zuverlässig wie bei der Stillen Post aufzutreten scheinen. Den Vogel schoss dabei boingboing ab, wo ich als deutscher "Hacker" vorgestellt wurde, der nahezu Unmögliches möglich gemacht habe.

Mein Versuch, diese Fehlwahrnehmung zu korrigieren, schlug fehl. Mein Posting, in dem ich darlegte, dass ich kein Hacker sei und dass die Lösung, die ich angewandt hatte, seit 2002 verfügbar ist, wurde von den Betreibern nicht bei den Kommentaren eingestellt, warum auch immer. Manche Blogbetreiber versuchten meine kleine Bastelei als einen ernsthaften Konkurrenten oder Ersatz für das iPhone darzustellen. Das ist ziemlich absurd, wenn man bedenkt, wie weit das iPhone dem Newton in den meisten Bereichen technologisch voraus ist (wenn auch nicht in allen).

Dieser provozierende Vergleich fiel wahrscheinlich auf fruchtbaren Boden, weil einerseits die Erwartungshaltung bei den europäischen Apple-Liebhabern dem iPhone gegenüber sehr hoch ist, und weil andererseits die Restriktionspolitik, die Apple in den USA gegenüber seinem eigenen Produkt fährt, für Aufregung und Ärger gesorgt hat - vor allem, was das SIM-Lock und die phobische Abwehr gegenüber Fremdsoftware angeht (letzteres immerhin wird sich bald ändern).

Da rief die Meldung, man könne mit einem obsoleten, aber leicht umrüstbaren Apple-Handheld ohne große Umstände telefonieren, ein bisschen Aufmerksamkeit hervor. Dass mich die ganze Übung nur 35 Euro gekostet hat, wurde zusätzlich mit Erstaunen aufgenommen. Nun, mir kann das alles ziemlich egal sein. Meine Mobilfunklösung ist da. Ich bewundere das iPhone, aber kaufen werde ich mir keins. Bis Apple das neue Handheld baut, von dem gerüchteweise gerade einmal wieder die Rede ist, bleibt der Newton 2100 mein mobiler Rechner der Wahl.

Technische Hinweise: Das Nokia Card Phone 2.0 funktioniert nur mit Newton-Geräten, die mit den Betriebssystemen Newton OS 2.0 oder 2.1 ausgerüstet sind. In Frage kommen folgende Modelle: MP 130, 2000, 2000U, 2100, eMate. Das Nokia Card Phone 2.0 funktioniert nur in europäischen Dual-Band-Netzen. In den USA z.B. ist es nutzlos. Es ist mir nicht gelungen, aus Testgründen eine SMS zu verschicken, was wahrscheinlich an der SIM-Karte liegt, die ich benutze.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26489/1.html
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