Probleme mit der Super-Uni
Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner will Berlin "zu einem der attraktivsten Forschungsstandorte der Welt" machen. Doch sein Masterplan stößt auf wenig Gegenliebe
Als die zweite Runde der sogenannten Exzellenzinitiative am 19. Oktober entschieden war, hatte der Wissenschaftsstandort Berlin augenscheinlich keinen Grund, sich über die Gutachten der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Wissenschaftsrats zu beschweren. Alles in allem wurden den drei großen Universitäten sieben Graduiertenschulen und vier Exzellencluster zugesprochen, und die Freie Universität stieg sogar in den begehrten Rang eines "Zukunftskonzepts" auf. Damit fließen voraussichtlich über 50 Millionen Euro pro Jahr in die Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen der Berliner Hochschulen.
Für den im November 2006 von Rheinland-Pfalz nach Berlin gewechselten Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) war dieses Ergebnis ein stolzer Erfolg, auch wenn er noch nicht lange genug im Amt ist, um die Auszeichnungen auf sein eigenes segensreiches Einwirken zurückführen zu können. Doch die Zukunft will der Senator umso entscheidender mitbestimmen.
Zu diesem Zweck kündigte Zöllner bereits im Sommer die Errichtung eines universitären Überbaus an, den sein Erfinder gerne "International Forum of Advanced Studies" oder wahlweise auch "International Free Humboldt Forum" nennen würde. In den Medien heißt das Konstrukt seitdem "Super-Uni". Sind die frisch ernannten Elite-Universitäten nun also doch nicht das Maß aller Dinge? Wirft bald der Leuchtturm der Leuchttürme seinen langen Schatten über Mittelbau und akademisches Fußvolk?
Erste Studiengänge im Wintersemester 2009/2010?
|
|
Wenn es nach dem agilen Wissenschaftssenator geht, ist das "International Forum of Advanced Studies", selbst wenn es "International Free Humboldt Forum" heißen sollte, sehr viel schneller einsatzbereit, als hierzulande im Normalfall Reformvorschläge erdacht, diskutiert, verworfen, reaktiviert, neu geplant, abermals besprochen und wieder ad acta gelegt werden. Bis Ende 2007 soll eine grundsätzliche Einigung mit allen Partnern erzielt werden, 2008 könnte bereits die Gründung erfolgen, und im Wintersemester 2009/10 würden dann die ersten Studiengänge beginnen.
Die Aufgaben des neuen Forums hat Zöllner ebenfalls bereits genauer definiert. Er stellt sich eine alle bisherigen wissenschaftlichen Institutionen übergreifende Einrichtung vor,
"die als Einheit handlungsfähig und sichtbar ist,
die hervorragende Wissenschaftler aus Berliner Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen ("resident Fellows") zu definierten Wissenschaftsfeldern umfasst,
wo sie mit hervorragenden Wissenschaftlern aus allen Teilen der Welt ("visiting Fellows") zusammenarbeiten,
deren interne und externe Mitglieder dies im Nebenamt machen und weiterhin Mitglieder und Exzellenztreiber ihrer Mutterinstitutionen bleiben,
die exzellente Ausbildung, Nachwuchsförderung (Promotionsrecht), Forschung, Weiterbildung und Wissenstransfer im Paket anbietet,
die strategische Forschungsplanung und wissenschaftsgeleitete Schwerpunktsetzung sowie Koordination und Förderung der Spitzenforschung in Berlin übernimmt,
die mittelfristig in jedem der Wissenschaftsbereiche Geistes-, Gesellschafts-, Natur-, Ingenieurwissenschaften und Medizin mindestens einen Forschungsschwerpunkt mit einer Graduiertenschule und zwei dazugehörige Masterstudiengänge beinhalten sollte,
die etwa 100 Fellows und etwa 500 Studierende umfasst."
Während die ortsansässigen Wissenschaftler weiter von ihren Dienstherren bezahlt werden, sollen das Land Berlin, die teilnehmenden Forschungsgesellschaften und Stiftungen für die Zusatzkosten - bis zum Ende der ersten Ausbaustufe 2011/12 rechnet Zöllner mit rund 15 Millionen Euro jährlich - aufkommen. Spätestens hier wird klar, dass es dem Senator kaum darum geht, nur einen neuen Vorschlag in die hitzige Debatte zu werfen und das Reformvokabular um weitere Wortschöpfungen zu bereichern. Zöllner schwebt nicht mehr, vor allem aber auch nicht weniger vor als eine langfristige strategische Perspektive für den Wissenschaftsstandort Berlin.
Nach dem herausragenden Erfolg in der Exzellenzinitiative können wir uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Wir müssen das Ergebnis als Signal zum Aufbruch erkennen und die Wissenschafts- und Forschungsstrukturen modernisieren. (…) Unser Ziel muss es sein, die wissenschaftliche Exzellenz der Bundeshauptstadt zu bündeln, Berlin zu einem der attraktivsten Forschungsstandorte der Welt und zur begehrtesten Ausbildungsstelle für den wissenschaftlichen Nachwuchs weltweit zu machen.
Berliner Beifallsverweigerung
Nachdem die Universitäten monatelang wenig Besseres zu tun hatten, als sich um die besten Konzepte zur Exzellenz- und Elitebildung zu balgen, hätte der Vorstoß des Wissenschaftssenators eigentlich auf breite Zustimmung stoßen können. Immerhin würde die "Super-Uni" auch wieder Gemeinsamkeiten stiften und durch die finanzielle Beteiligung der Hochschulen wenigstens für eine partielle Umverteilung der horrenden Mehreinnahmen sorgen, die sich bis 2011 nach vorsichtigen Schätzungen auf über 300 Millionen Euro summieren dürften.
Doch die Präsidenten der drei großen Berliner Universitäten, die zusammen mit dem Kollegen von der Universität der Künste sowie Vertretern der Max-Planck-Gesellschaft, des Helmholtz-Instituts und der Leibniz-Gemeinschaft Anfang letzter Woche mit Jürgen Zöllner über dessen Pläne debattierten, lehnten den Vorschlag geschlossen ab. Dass Dieter Lenzen als gefühlter Vorstandsvorsitzender der gerade erst zur Elite-Uni gekürten FU kein Interesse daran haben würde, den frischen Lorbeer mit allerlei Unberufenen zu teilen, kam wenig überraschend. Aber auch die Amtskollegen verwahrten sich entschieden dagegen, die bestehenden Einrichtungen um eine neue Institution zu bereichern. An der Technischen Universität bemühte sich sogar der Akademische Senat um den Nachweis, dass ein "International Forum for Advanced Studies" mit eigenem Promotions- und Graduierungsrecht den Wissenschafts- und Innovationsstandort Berlin "empfindlich schwächen" würde.
Die Reaktion der Politik ließ da nicht lange auf sich warten, fiel aber seltsam uneinheitlich aus. Der wissenschaftspolitische Sprecher der Berliner CDU-Fraktion, Nicolas Zimmer, will unbedingt vermeiden, "dass Exzellenzbereiche in eine Zöllner-Uni gepresst werden und ansonsten Rumpf-Universitäten zurückbleiben." Zimmers Parteifreundin, Bundesbildungsministerin Annette Schavan, findet die Bündelung der Spitzenforschung von Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen dagegen "wichtig und richtig". Zöllners Initiative könne zur "wachsenden Sichtbarkeit der deutschen Forschung weltweit" beitragen, meinte die Ministerin.
So ähnlich sieht es möglicherweise auch Berlins Regierender Bürgermeister, der seine Zuhörer beim Empfang für Nobelpreisträger Gerhard Ertl in der Berliner Akademie zunächst verwirrte, als er die launige Feststellung "Wir sind alle Nobelpreisträger" mit dem nicht eben folgerichtigen Satz "Wissenschaftliche Exzellenz zählt wieder etwas" abrunden wollte. Anschließend gab Klaus Wowereit zu Protokoll, er habe "eigentlich aufbrausenden Beifall der Universitäten" für Zöllners Initiative erwartet und verlangte von den Beteiligten, sich erst einmal offen mit der Idee auseinanderzusetzen.
Wer der Aufforderung des Regierenden Bürgermeisters folgt, kommt schnell zu der Erkenntnis, dass eine Berliner "Super-Uni" nicht nur organisatorische, finanzielle oder verwaltungstechnische Probleme mit sich bringen würde. Der AStA der zur Spitzen-Universität ernannten FU Berlin hat mehrfach und ausführlich darauf hingewiesen (Elitebildung statt Bildungsförderung), dass sich die realen Studienbedingungen kaum mit den öffentlich formulierten Ansprüchen vertragen und selbst die Freie Universität derzeit weit davon entfernt ist, dem akademischen Nachwuchs auf breiter Ebene eine qualitativ hochwertige und chancengerechte Ausbildung zu ermöglichen. Bevor sich an diesen Zuständen nichts Grundlegendes geändert hat, erscheint es wenig sinnvoll, die bestehenden Gegensätze durch ein Eldorado für Hochbegabte weiter zu verschärfen.
Und das wäre unvermeidlich. Wenn die beispiellose Selektivität des deutschen Bildungssystems schon jetzt dazu führt, dass sich die persönliche Herkunft unmittelbar auf die Ausbildungsmöglichkeiten und Berufsperspektiven auswirkt, kann eine exklusive Eliteschmiede für gerade einmal 500 Studierende kaum das richtige Signal sein. Der Senat der Technischen Universität hat seine Ablehnung des Zöllner-Vorschlags deshalb nicht ganz zu Unrecht mit einer tiefgreifenden Systemfrage verknüpft.
Der AS (Akademische Senat) der TU Berlin lehnt auch den Plan des Wissenschaftssenators ab, einerseits den Hochschulen die Ausbildung des überwiegenden Teils der Studierfähigen, nämlich 40 Prozent eines jeden Jahrgangs, zu überlassen und andererseits die Eliteausbildung in einem "International Forum for Advanced Studies" zu konzentrieren. Dies widerspricht dem Auftrag und dem Selbstverständnis der Universitäten, den wissenschaftlichen Nachwuchs sowohl in der Breite als auch in der Spitze zu qualifizieren. Der Vorschlag des Wissenschaftssenators würde dazu führen, dass die Universitäten zu reinen Ausbildungsstätten zurückgestutzt werden würden, die nicht in der Lage wären, den dringend benötigten hochqualifizierten, wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden.
Dessen ungeachtet sehen die Senatsmitglieder wie auch die anderen Gegner des Zöllner-Vorschlags ein "erhebliches Potenzial zum Ausbau kooperativer wissenschaftlicher Strukturen" zwischen den einzelnen Hochschulen und den beteiligten Forschungsgesellschaften, zumal die bisherige Zusammenarbeit die Möglichkeit, Exzellenz und Qualität miteinander zu verbinden, bereits "eindrucksvoll bewiesen" hätte.
Die bisherige Zusammenarbeit basierte allerdings explizit auf der Selbständigkeit der beteiligten Einrichtungen, und so ist der Verdacht, dass hier alte Pfründe, liebgewordene Gewohnheiten, Kompetenzen und Eitelkeiten um jeden Preis verteidigt werden sollen, sicher nicht ganz von der Hand zu weisen. Doch mit der Forcierung des Elite-Wahns wird dieses Problem kaum zu lösen sein. Auf diese Weise werden in aller Regel nur weitere Begehrlichkeiten geweckt und neue Einflusszonen geschaffen, die nach eiliger Besetzung verlangen. Wem aber ist damit geholfen, wenn das dröge institutionelle Schaulaufen jetzt zu einem Akt von nationaler Bedeutung stilisiert wird?
Die hektischen Hochschulaktivitäten der vergangenen Monate, die eben nicht der Verbesserung der Studienbedingungen und einer qualitativen Aufwertung der Lehre dienen sollten, sondern vor allem auf "international sichtbare" Forschungsleistungen und vermeintlich imagefördernde Selbstinszenierungen aller Art gerichtet waren, lassen überdies kaum den Schluss zu, dass andere Städte und Bundesländer der Gründung einer Berliner Super-Uni tatenlos zusehen werden. Vielleicht droht Deutschland nach Jahrzehnten planloser Sparrunden nun ein bildungspolitisches Wettrüsten - mit einer Hyper-Uni in München, einer Oxfordkopie zwischen Hamburg, Bremen und Kiel oder einem sächsischen Hochschultempel à la Harvard.
Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Bis zum Jahresende soll sich in Berlin eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Thema auseinandersetzen.
http://www.heise.de/tp/artikel/26/26528/1.html- Hoch lebe unser Havel-Harvard! (2.11.2007 21:27)
- So simpel ist die Lösung (2.11.2007 14:40)
- Voyeur-Kitzel (2.11.2007 8:47)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem
SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2
