Iran, Syrien und Nordkorea im Visier von US-Atomraketen?

07.11.2007

Nach einem Dokument aus dem Jahr 2002 hatte das Pentagon bis zum 1. März 2003 einen Angriffsplan mit Nuklearwaffen auf "regionale Staaten" vorbereitet

Die Bush-Regierung hat 2001 eine neue Doktrin für den Einsatz von Nuklearwaffen formuliert. In der Nuclear Posture Review von 2001 (NPR), erstmals im März 2002 bekannt geworden, wurde die Einsatzschwelle für Nuklearwaffen gesenkt, indem sie in die Angriffs- und Verteidigungsstrategien eingebunden und mit dem Einsatz von traditionellen Waffen kombiniert werden sollten. Entwickelt werden sollten neue taktische Atomwaffen, die sich auch in nichtnuklearen Konflikten gegen unterirdische Ziele einsetzen lassen. Ein jetzt bekannt gewordenes Dokument gibt Hinweise darauf, dass das Pentagon 2002 einen möglichen Einsatz von Nuklearwaffen ab 1. März 2003, also rechtzeitig für den schon geplanten Angriff auf den Irak und vielleicht auch andere Länder, zumindest vorbereitet hat.

Das als "top secret" eingestufte, von der Federation of American Scientists (FAS) durch einen Antrag nach dem Informationsfreiheitsgesetz erhaltene Dokument der Planungsabteilung des U.S. Strategic Command (Stratcom) macht deutlich, dass man sich im Pentagon auf einen möglichen Einsatz von Atomwaffen vorbereitet hat. Das genaue Datum des Dokuments ist nicht bekannt, beim FAS geht man vom Oktober 2002 aus, die Beschlüsse zur Planung würden allerdings noch früher getroffen worden sein. Die 26 Seiten sind allerdings nur Teil des insgesamt 123 Seiten umfassenden OPLAN 8044 Revision 03

In der Nuclear Posture Review wurde auch der Einsatz gegen Länder erwogen, die Massenvernichtungswaffen erwerben wollen. Zentral für NPR ist das Konzept der "Neuen Triade", mit dem die nuklearen und konventionellen Offensivwaffen durch die "aktiven und passiven Verteidigungsmittel" (wie das Raketenabwehrschild) und eine flexiblen "Verteidigungsinfrastruktur" erweitert werden. Für ein neues Angriffssystem wurden so modernisierte Trident-U-Boote, unbemannte Kampfdrohen und von Flugzeugen abfeuerbare Cruise Missiles gewünscht (Pentagon plant Nuklearkrieg und den Einsatz taktischer Nuklearwaffen).

Der Einsatzplan "Revision 03" ist zwar weitgehend unkenntlich gemacht worden, deutlich aber ist, dass ab 1. August 2002 Bomber, Trident-Atomraketen (SLBM) und Interkontinentalrakete (ICBM) in die Angriffsplanung einbezogen werden. Die Vorbereitungen waren dann ab 1. November vorgesehen, der 1 März 2003 wurde als "effective date" eingetragen, also als möglicher Beginn des Einsatzes.

Unter der Unterschrift "Vorbereitung auf das Ungewisse" heißt es, dass Feinde versuchen, mit neuen Mitteln die amerikanische Überlegenheit bei konventionellen Waffen zu unterminieren. Genannt werden gesicherte Anlagen tief unter der Erdoberfläche zur Produktion und Lagerung von Massenvernichtungswaffen oder zum Schutz der politischen und militärischen Führung sowie Mobilität von Abschussrampen für ballistische Raketen oder der militärischen Führung. Der Rest der Aufzählung wurde unkenntlich gemacht. Weiter geht aus den noch leserlichen Stellen hervor, dass eine allerdings unbekannte Zahl von Minuteman III sowie Trident I und II-Raketen.

Nach der Interpretation von Hans Kristensen von der FAS zeigt das Dokument das "neue strategische Denken", das die Bush-Regierung eingeführt hat, indem "neue Optionen für Angriffe mit Atomwaffen auf regionale Staaten", präventive Angriffe eingeschlossen, ausgearbeitet wurden. Bislang habe sich der nationale strategische Plan auf Russland und China konzentriert. Recht viel mehr als die Überschrift "Planning against Regional States" hat die Löschaktion des Pentagon allerdings nicht überstanden. Aus den noch kenntlichen Illustrationen von Raketentypen und einem Bild von einer libyschen Anlage in Tarhuna schließt Kristensen, dass die Vorbereitungen nicht nur gegen den Irak, sondern auch gegen den Iran, Libyen, Syrien und Nordkorea gerichtet waren. Die anvisierten Ziele wurden auch gelöscht, vermutlich handelt es sich auch um unterirdische Anlagen, nimmt Kristensen an. Er geht davon aus, dass Irak und Libyen als Ziele aussortiert wurden, dass aber im nächsten OPLAN 8044 Revision 05 vom Oktober 2004, der noch gültig ist, Iran, Syrien und Nordkorea weiter enthalten sein werden, auf die Nuklearwaffen gerichtet sind.

Kristensen weist in diesem Zusammenhang u.a. auf das Strategiepapier "Doctrine for Joint Nuclear Operations" hin, das er 2005 bekannt gemacht und das das Pentagon dann schnell wieder unter Verschluss gebracht hatte (Nukleare Aufrüstung). Hieraus wurde deutlich, dass die Bush-Regierung die NPR-Strategie auch auf einen präventiven Atomwaffeneinsatz zur Abschreckung auch von Terroristengruppen und Staaten erweitert hat, die den Einsatz von Massenvernichtungswaffen planen. Im Juni 2002 erließ das Weiße Haus zudem die National Security Presidential Directive (NSPD) 14, worin es auch um die Atomwaffen-Strategie ging. Ende 2002 wurde CONPLAN 8022 (Global Strike) fertig gestellt, der einen Plan für einen schnellen Angriff darstellt und auch den Einsatz von Nuklearwaffen vorsieht (CONPLAN 8022).

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (75 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Form des Virtuellen

Vom Leben zwischen den Welten

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.