Haves and Have-Nots

08.11.2007

Deutschland ist feudalistisch und beherrscht von den Alten, junge Menschen, Frauen, Einwanderer und zwei Drittel der Gesamtbevölkerung haben wenig oder kein Vermögen

Verwunderlich ist es nicht, was das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Studie, deren Ergebnisse sich bereits herumgesprochen haben, herausgearbeitet hat. Die meisten Menschen auch in Deutschland haben wenig oder keinen Besitz. Auch wenn das individuelle Nettovermögen 81 000 Euro beträgt, so täuscht diese Zahl, weil die ungleiche Verteilung verschleiert, dass die Mehrheit kaum etwas hat, eine kleine Minderheit dagegen sehr viel. Der mittlere Wert liegt bei 15.000 Euro, d.h. viele Menschen haben eben noch weniger bis nichts. Rechnerisch zumindest haben zumindest 24,3 Prozent der Deutschen oder mehr als ein Fünftel nichts.

Die Autoren der Studie machen auf die Probleme der Erfassung des Vermögens aufmerksam. Besonders markant ist dies bei der Bewertung des Immobilien- und Betriebsvermögens. Bei Immobilien wird der Einheitswert zugrunde gelegt, der kaum dem realen Wert entspricht und meist um einiges tiefer liegt als dieser. Allein die Einbeziehung der wirklichen Immobilienwerte würde also das Wohlstandsgefälle noch einmal vertiefen. Andererseits wurde in die Studie nur Sachvermögen "in Form wertvoller Sammlungen wie Gold, Schmuck, Münzen oder Kunstgegenstände" berücksichtigt, Fahrzeuge und andere Sachvermögen blieben außen vor, was allerdings das Ergebnis weniger beeinflusst haben dürfte, wenn man sich das Preisgefälle etwa bei Autos ansieht.

Wenn also 10 Prozent der Bevölkerung mehr als zwei Drittel des Gesamtvermögens besitzen, während zwei Drittel gerade einmal über 10 Prozent des Vermögens verfügen, dann herrscht in unserer Gesellschaft eine eklatant hohe Ungleichheit und hat man sich wenig von der Feudalgesellschaft wegbewegt. Dazu kommt, dass der "Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen am gesamten Volkseinkommen von 1996 bis 2006 um knapp 4 Prozentpunkte auf 33,8 % zugenommen" hat, so dass sich Reichtum immer stärker selbst ohne Zutun vermehrt. Lapidar ausgedrückt, was die Autoren auch machen: Vermögen wird vererbt – und Vermögen verleiht gesellschaftliche Macht.

Von den 6,5 Billionen Euro Gesamtvermögen der Deutschen, die die Autoren geschätzt haben, geht der größte Teil mit 4,5 Billionen auf Grund- und Immobilienbesitz, wird also in der Regel vererbt. Berücksichtigt man, dass das reichste 1 Prozent 20 Prozent des gesamten Vermögens besitzt, dagegen die untersten 70 Prozent weniger als 10 Prozent haben, dann geht es weder um Neid noch um die größere Leistung, sondern für die meisten Menschen um das Glück oder Pech, in eine Schicht hineingeboren zu werden – und es geht um eine Gesellschaft, die es begünstigt, dass Vermögen (und Macht) ohne Leistung erworben oder auch mit Leistung kaum je erlangt werden können. Der Spruch, dass sich Leistung lohnen müsse, sieht eben von "unten" ganz anders aus als von "oben".

Dabei spielt politisch oder als Neidfaktor nur am Rande eine Rolle, dass Westdeutsche mehr haben als Ostedeutsche oder dass die Vermögensunterschiede in Ostdeutschland höher sind als in Westdeutschland. Die Menschen mit Migrationshintergrund, wie man so schön sagt, haben durchschnittlich weit weniger als die Hälfte des Vermögens der "echten" Deutschen. Und Frauen kommen schlechter weg als Männer, was auch ein Zeichen der Machtverteilung ist. Politisch fatal ist, dass die reichsten Menschen die relativ alten sind, die eher auf Bewahrung denn auf Reformen oder Innovationen setzen: "Das höchste Netto-Vermögen besitzt mit knapp unter 130 000 Euro die Gruppe der 56- bis 65-jährigen." Dazu kommt, dass die Älteren auch noch deutlich mehr Vermögen besitzen als die Jüngeren. So wird kaum ein Ruck durch Deutschland gehen, wenn es heißt: Wer zahlt, schafft an.

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