Kinderbuchartige Konsenssoße
Hans Weingartner hat einen Film über Fernsehquoten gemacht
Filme über das Fernsehen gibt es, seit es das Fernsehen gibt. Von Frank Tashlins Parodien seiner technischen Beschränkungen bis hin zu Sidney Lumets kongenialem Network. In den deutschsprachigen Filmen zum Thema überwiegt ein eher bieder-kulturpessimistischer Tonfall. In diese Tradition passt auch Free Rainer – dein Fernseher lügt, der neue Film des vor vier Jahren mit Die fetten Jahre sind vorbei bekannt gewordenen Österreichers Hans Weingartner.
Für seinen Film nutzt Weingartner eine Idee, die wahrscheinlich schon sehr viele Heise-Leser einmal hatten: Die Fernsehquote wird mit ein paar tausend Boxen ermittelt. Da die Daten aus den Boxen digital übertragen werden, müsste es doch eigentlich mit ein bisschen Zeit und gutem Willen ein Leichtes sein, irgendwo einen Korrekturalgorithmus einzubringen, der die Ergebnisse ein bisschen zurechtrückt.
Nun könnte man sich für einen Film fragen, ob und inwieweit die Fernsehquoten nicht schon längst "gehackt" sind – und zwar von Leuten, die damit nicht die Qualität verbessern wollen, sondern Geld verdienen - indem sie dafür sorgen, dass möglichst billige Produkte möglichst hohe Quoten bringen. Weingartner geht mit der Idee etwas beschaulicher um.
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Der in deutschen Kinofilmen offenbar unvermeidliche Moriz Bleibtreu spielt bei ihm den ausgesprochen unsympathischen Fernsehproduzenten Rainer. Der wird von einer Frau überfahren, deren Großvater sich umbrachte - wegen der Auswirkungen von Rainers Berufsethos auf sein Leben. Nach diesem Ereignis macht Rainer einen wenig überzeugenden Wandel vom Saulus zum Paulus durch.
Die Zuschauer, die für den Saulus "Pack" waren, will der geläuterte Paulus nun mit Qualität zwangsbeglücken, indem er die Quoten von Erfolgsshows wie "Hol' dir das Superbaby" in den Keller manipuliert und damit Debatten über Fassbinder-Themenabende auslöst. Dann zeigt sich, dass der Medienromantiker Weingartner doch nicht davon ausgeht, dass das Fernsehprogramm lediglich eine Interaktion aus den Modevorstellungen von Produzenten und Werbekunden ist: Weil er offenbar an durch den Schund angesprochene Bedürfnisse größerer Bevölkerungsgruppen glaubt, lässt er diese im Film nach der Qualitätsoffensive weniger fernsehen und das "echte" Leben entdecken.
Der Zuschauer fragt sich währenddessen, ob die in der Realität für die Quoten sorgende Bevölkerungsgruppe unter Kiosksäufern und Rütlischülern, wo sie wahrscheinlich ihre fernsehfreie Zeit verbringen würde, tatsächlich so viel besser aufgehoben wäre, als vor dem Fernsehapparat.
Weingartners neuer Film krankt daran, woran fast alle deutschen Filme der letzten Jahre litten: An zu sehr auf vermeintliche Umgangssprache hingekünstelten Dialogen, an einer ganzen Generation von offenbar in Schauspielschulen gleichförmig verdorbenen Darstellern und an der Vorstellung, dass Handlung darin besteht, in regelmäßigen Abständen etwas kaputtzumachen.
Im Vergleich mit Lumets Network wirkt Weingartners Film wie Konsenssoße aus dem Sozialkundeunterricht. Wo Lumet aus den Sackgassen, in die seine Protagonisten geraten, ständig neue Reflexionsebenen erklimmt, da bleibt der Österreicher im Kinderbuchartigen, wenn er etwa die Quotenboxen ausgerechnet von Arbeitslosen austauschen lässt (wobei natürlich auch der unvermeidliche Witz über den Computerinder nicht ausgelassen wird).
Weniger wäre in Weingartners Film oft mehr gewesen: So muss Rainer als Fernsehproduzent natürlich sehr viel Kokain nehmen, weil er sonst den "zynischen" Medienbetrieb nicht aushalten würde. Und weil Rainer so viel Kokain nimmt, macht er immer ganz "verrückte" Sachen: Zum Beispiel einen Streifenwagen, der ihn eingeparkt hat, wegrammen und mit dem Baseballschläger auf gefährlich aussehende Schläger zugehen, denen er hinten drauf gefahren ist.
Was Weingartner dem Zuschauer mit seinem Film vermitteln will, ist jedoch nicht die Notwendigkeit einer Kokainpromillegrenze, sondern einer Kontrolle von Inhalten - im Interview mit der Zeitung Die Welt sprach er sich tatsächlich für ein Fernsehäquivalent zum Betäubungsmittelgesetz aus. Ein Problem, das der Filmemacher dabei möglicherweise übersehen hat, ist, dass es so ein Äquivalent längst gibt (nämlich die Vorschriften der Landesmedienanstalten) und dass dieses Äquivalent die von ihm zu Recht kritisierten Inhalte nicht nur nicht verhinderte, sondern - im Gegenteil - erst hervorbrachte.
http://www.heise.de/tp/artikel/26/26609/1.html- Re: Wie hieß nochmal der Film, wo das Fernsehen einen Typ zum Kidnapper macht? (16.7.2010 9:00)
- Re: Wie hieß nochmal der Film, wo das Fernsehen einen Typ zum Kidnapper macht? (16.7.2010 7:29)
- große kunst muß nicht unmittelbar wirken (15.11.2007 22:45)
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