Die Ballistiker

21.11.2007

Wissenschaftsglaube und Verantwortung in der Forensik

Man könnte es eine dürrenmattsche Tragikomödie nennen, wären ihre Auswirkungen auf die Leben der Betroffenen nicht mehr als dramatisch. Denn auf Grund der Ergebnisse einer fehlerhaften forensischen Methode wurden in den letzten 40 Jahren in den USA tausende Angeklagte hinter Gitter gebracht, die des Mordes oder Totschlags beschuldigt wurden.

Die gemeinsamen Recherchen der CBS-Reportage-Sendung "60 Minutes" und der "Washington Post" ergaben, dass vermutlich hunderte von Beschuldigten im ganzen Land auf Grund einer inzwischen diskreditierten forensischen Methode inhaftiert wurden. Dem FBI wird nun vorgeworfen, weder die Verurteilten noch ihre Anwälte oder die zuständigen Gerichte darüber in Kenntnis gesetzt zu haben, dass ihre Fälle von einer fehlerhaften Beweisführung betroffen sein können. Hunderte davon könnten nun neu aufgerollt werden – falls die Fristen zum Einspruch noch nicht abgelaufen sind.

Robert Mueller III. 2001 von George W. Bush zum Leiter des FBI berufen. Bild: FBI

Justiz statt Gerechtigkeit

In diesem Zusammenhang wird gegenwärtig in US-amerikanischen Medien der Fall von Lee Wayne Hunt diskutiert. Dieser verbüßt in North Carolina eine lebenslängliche Haftstrafe wegen Doppelmord und hat inzwischen über 20 Jahre hinter Gittern verbracht. Eine Tatbeteiligung bestreitet er bis heute vehement. Verurteilt wurde er auf Grund der Aussagen zweier fragwürdiger Zeugen sowie eben eines ballistischen Beweises des FBI-Laboratorien: die Comparative Bullet Lead Analysis (CBLA). Diese jedoch, so weiß man inzwischen, basiert auf einem methodisch unsauberen forensischen Verfahren.

Hierbei ging das FBI von der These aus, dass Geschosse, die aus demselben Bleiblock gegossen wurden, auch in der chemischen Zusammensetzung exakt übereinstimmen. Über Jahrzehnte glaubten die Wissenschaftler des FBI, dass das für Geschosse verwendete Blei eindeutige chemische Signaturen aufweist. Diese sollten sich isolieren und analysieren lassen, so dass einzelne Geschosse einander zuzuordnen sind – und zwar nicht nur als Teil einer bestimmten Produktionscharge, sondern auch einer einzelnen Munitionsschachtel. Erstmals nutzte das FBI diese Analyse-Methode bei den Ermittlungen zum Attentat auf John F. Kennedy. Im Prozess gegen Lee Wayne Hunt etwa wurde ein Geschosssplitter vom Tatort mit diesem Verfahren als Teil des Inhalts einer Schachtel identifiziert, die wiederum mit Hunt in Verbindung gebracht wurde. Die CBLA-Methode wurde vom FBI die letzten 40 Jahre in tausenden Ermittlungen angewendet. Noch die gesamten 80er und bis weit in die 90er Jahre hinein gehörte die CBLA zur Ermittlungsroutine der Bundespolizei – fast immer in Fällen, in denen glaubwürdigere ballistische Test nicht möglich waren.

Glaube statt Wissenschaft

Zweifel an der Beweiskraft dieser Methode kamen William Tobin, dem ehemaligen Chef-Metallurgen beim FBI, nachdem er feststellte, dass die grundlegenden Annahmen des Verfahrens bis dahin niemals gründlich wissenschaftlich überprüft worden waren. Als Tobin 1998 in den Ruhestand eintrat, beschloss er daher, eigene Studien zu betreiben. Er verbrachte Monate damit, Munition zu kaufen, diese zu testen und bei den Herstellern zu recherchieren.

Schließlich kam Tobin zu dem Ergebnis, dass die Geschosse aus einer Charge nicht chemisch einheitlich aufgebaut sind. Ebenso wenig ist der Inhalt einer Munitionsverpackung immer identisch. Statistisch sei es möglich, so Tobin, dass von jeder in den Vereinigten Staaten hergestellten Kugel mehrere zehn Millionen identische Kopien existieren. Wenig schmeichelhaft bezeichnete er dementsprechend CBLA forensisch betrachtet als nutzlos – wohlgemerkt eine Methode, die im Quantico Lab des FBI 40 Jahre lang unwidersprochen angewendet wurde. Dabei beruhte das Verfahren keinesfalls auf wissenschaftlichen Grundlagen, sondern vielmehr auf subjektiven Glauben, wie Tobin in dem "60 Minutes"-Bericht kommentiert.

Memos statt Taten

Jetzt allerdings begann der zweite Akt des Dramas. Im Jahre 2002 ersuchte Dwight Adams, damals Leiter des FBI Lab, schließlich die National Academy of Science um eine unabhängige Bewertung der CBLA-Methode. Deren National Research Council veröffentlichte rund 18 Monate später einen Bericht: Demnach ist das vom FBI zum Interpretieren von Ergebnissen genutzt Modell unzuverlässig und zum Zwecke der Beweisführung potenziell irreführend. Dieser Meinung schloss sich auch Adams an.

Das FBI Lab fertigte jahrzehntelang forensisch nutzlose Ballistikgutachten an. Bild: FBI

Dennoch brauchte er ein weiteres Jahr, um die Verwendung der Methode in den FBI-Labors einzustellen und Polizei, Staatsanwaltschaften sowie Strafverteidiger über deren fragwürdigen Wert in Verhandlungen zu informieren. Dies geschah allerdings reichlich uneindeutig formuliert. Zudem wurden weder von Justice Department noch vom FBI Überprüfungen betroffener Fälle veranlasst. Und das, obwohl es in vielen der Verfahren Fristen von zwei bis vier Jahren gibt, innerhalb derer es möglich ist, einen neuen Prozess auf Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse zu beantragen.

Entsprechend hilflos verhält sich Adams dann auch in dem TV-Bericht von CBS, der sich in bester Physiker-Manier auf seine Position und die Aufgaben innerhalb des FBIs zurückzieht. Er erklärte, ein entsprechendes Memo an den FBI-Leiter Robert Mueller geschickt zu haben. Bis heute hat das FBI kaum etwas unternommen, um die von den Erkenntnissen betroffenen Verfahren zu benennen. "Washington Post" und "60 Minutes" haben im Rahmen ihrer Recherchen rund 250 Fälle ausgegraben. Schätzungen gehen allerdings bis zu einer Zahl von 2500. Inzwischen hat sich das FBI immerhin zu der Zusage aufraffen können, Gutachten auf Grundlage der CBLA noch einmal zu untersuchen und dies Gerichten und Verteidigern mitzuteilen.

Derweil sitzt Lee Wayne Hunt immer noch im Gefängnis – und die Ballistiker waschen ihre Hände in Unschuld.

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