Outsourcing ins All

23.11.2007

Interview mit dem Schwedischen Politologen Rasmus Karlsson, der die Lösung der Rohstoff- und Umweltprobleme im Weltraum sieht

Rasmus Karlsson ist Politologe an der Universität Lund. In einem kürzlich veröffentlichten Aufsatz im International Journal of the Environment and Sustainable Development postuliert er neben den vorhandenen Strängen "nachhaltiger" Entwicklung - dem "Ecologism", der auf eine post-industrielle Ära setzt (wie sie etwa Bruce Sterling mit dem Viridianismus propagiert) und dem "Environmentalism", dem klassischen Ökokonservativismus, der auf Stillstand und Verzicht setzt - einen dritten Ansatz: Eine großflächige Verlagerung der industriellen Produktion in den Weltraum. Dort gäbe es nicht nur Rohstoffe und ungefilterte Sonnenenergie, sondern auch kein Problem mit gefährlichen Stoffen, die Wasser, Luft und Anbauflächen verschmutzen. Wir fragten Rasmus Karlsson, wie er sich das genau vorstellt.

Der Transport von Energie, Rohstoffen und Industriegüter in und aus dem Weltraum benötigt viel Energie - wie kann er Ihrer Ansicht nach nicht nur wirtschaftlich, sondern auch "nachhaltig" bewerkstelligt werden?

Rasmus Karlsson: Zu allererst: Wenn ich von der Industrialisierung des Weltraums rede, dann nehme ich dies in erster Linie als Beispiel für die Art von Strategien, die heute rhetorisch ausgeschlossen werden. Es ist bemerkenswert, wenn man sich ansieht, wie sehr sich der Diskurs heute von dem, wie er während der 1960er Jahre vorherrschte, unterscheidet. Und das, obwohl wir seitdem erst herausgefunden haben, was für immense Ressourcen im Weltraum lagern, wo man sie praktisch nur abzuholen braucht - zum Beispiel Helium-3 auf dem Mond. Ich glaube deshalb, dass die Industrialisierung des Weltraums durch die Erschließung neuer Energiequellen dort ein positives Netto bringen würde.

Was denken sie über lange, sich-selbst-bauende Aufzugs- und Transportröhren in den Weltraum, wie sie Kim Stanley Robinson in seiner Mars-Trilogie beschreibt.

Rasmus Karlsson: Das ist eine faszinierende Idee, allerdings bin ich zu wenig Experte auf diesem speziellen Gebiet um wirklich etwas über dessen Durchführbarkeit sagen zu können.

Wenn man über Technologien verfügt, die effizient genug sind, um die Energieproduktion und die Herstellung von Gütern in den Weltraum auslagern zu können, hätten man dann nicht auch das Energieproblem auf der Erde gelöst? Oder - anders formuliert - ist nicht die Effizienz (und nicht die Auslagerung) der Kern des Problems?

Rasmus Karlsson: Nicht notwendigerweise. Viele Ressourcen (vom Lagerraum gar nicht zu sprechen) könnten auf der Erde vollständig verbraucht werden. Und Recycling nützt hier auch nur bis zu einem gewissen Grad etwas - vor allem, wenn wir etwas weiter in die Zukunft denken. Für viele Rohstoffe, wie etwa Titan, wird uns nicht die Technologie der Förderung fehlen, sondern der Rohstoff an sich.

Ist nicht die einzige Möglichkeit, die Produktion im Weltraum wirklich wirtschaftlich zu machen, die, die Produktion auf der Erde zu verteuern - etwa durch Einbeziehung aller (oder fast aller) Kosten, die derzeit externalisiert werden?

Rasmus Karlsson: Ich habe meine Zweifel daran, dass wir politisch jemals dazu in der Lage sein werden, alle Kosten zu internalisieren. Es ist vielmehr ein fundamentaler Bestandteil des Kapitalismus, dass er dazu tendiert, Gewinne zu privatisieren und Kosten zu sozialisieren. Und doch hat sich der Kapitalismus als außerordentlich effektive Methode zur Produktion von Werten (und von Wohlstand allgemein) bewiesen - weshalb hier ein vorsichtiges Vorgehen gefordert ist. Und das ist genau der Kern meiner Argumentation: Dass wir nicht versuchen sollten, alle soziale Probleme durch einen großen Umbau in eine "grüne" Gesellschaft zu lösen. Stattdessen sollten wir ein eher praktisches und schrittweises Vorgehen in Betracht ziehen. Und abgesehen davon hat der schnelle, revolutionäre Wandel auch ein historisches Sündenregister.

Würde eine Kolonisierung des Weltraums zum Zwecke der Rohstoffgewinnung, Müllablagerung und Produktionsverlagerung nicht zu einem neuen kolonialen Wettrennen führen, wie es etwa im 19. Jahrhundert um Afrika stattfand - mit jeder Menge Potential für neue Kriege?

Rasmus Karlsson: Ich zweifle ernsthaft daran, dass wir als Zivilisation mit dem derzeitigen internationalen System eine Kolonisierung des Weltraums in größerem Maßstab durchführen könnten. In meinem Artikel argumentiere ich deshalb, dass die weltweite politische Integration eine Voraussetzung für alle diese großen Projekte ist. Nur durch die Transformation des Militärisch-Industriellen-Komplexes könnten die dafür notwendigen Ressourcen freigesetzt werden. Macht das meine Vision unrealistisch? Vielleicht. Aber bedenken Sie das Ausmaß der politischen Integration, das wir in den letzten sechzig Jahren in Europa erlebt haben. Und ich wiederhole mich: Es geht nicht darum, alle sozialen und politischen Probleme auf einmal zu lösen und eine Art Utopia zu verwirklichen (diesen Gedanken halte ich im Gegenteil für sehr gefährlich), sondern vielmehr darum, bereits Bestehendes auszubauen - etwa die tief greifende und gegenseitige Abhängigkeit zwischen den Ländern. Denken Sie nur an die USA und China.

Sie schlagen vor, den Weltraum als Lagerstätte zu nutzen. Wäre die Lagerung gefährlicher Abfallstoffe dort nicht eine Goldmine für potentielle Terroristen?

Rasmus Karlsson: Ich fürchte, hier haben sie das, was ich anregen wollte, ein wenig missverstanden. Wenn ich davon spreche, den Weltraum als unbegrenzte Lagerstätte zu nutzen, dann denke ich eher an ein Fabriklager, als daran, zum Beispiel Plutonium in die Sonne zu schießen (wo es ohne weitere Umweltrisiken verschwinden würde). Bei Vorliegen einer entsprechend entwickelten Technologie wird es allerdings immer unwahrscheinlicher, dass man etwas einfach weghaben möchte.

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