Ist Pädophilie die Folge einer Fehlentwicklung im Gehirn?

Florian Rötzer 30.11.2007

Kanadische Wissenschaftler haben durch Gehirnscans festgestellt, dass bei Pädophilen die "weiße Substanz" im Großhirn kleiner und auch sonst einiges anders ist

Wissenschaftler am Centre for Addiction and Mental Health (CAMH) der University of Toronto vermuten aufgrund von Gehirnscans, dass der sexuelle Antrieb von Pädophilen mit einer Fehlentwicklung im Gehirn zu tun haben könnte und nicht mit der Sozialisation oder traumatischen Kindheitserlebnissen zusammenhängt.

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Für ihre Studie, deren Ergebnis sie im Journal of Psychiatry Research vorstellen, haben die Wissenschaftler Gehirnscans (Magnetresonanztomographie – MRI) von Pädophilen mit denen anderer Straftäter verglichen, die keine sexuellen Vergehen begangen haben. Insgesant wurden 127 Männer untersucht. Dabei habe sich gezeigt, dass Pädophile wesentlich weniger "weiße Substanz" in ihrem Gehirn haben. Diese befindet sich im Großhirn und besteht aus Nervenfasern (Axone), die von weißen Myelinscheiden umgeben sind und die die Areale des Gehirns miteinander verbinden. Welche Folgen eine geringere Masse der "weißen Substanz" tatsächlich hat, weiß man nicht, da diese aber das Gehirn miteinander vernetzt, nehmen die kanadischen Wissenschaftler an, dass die Pädophilen deswegen möglicherweise ihre Impulse nicht kontrollieren können.

Dass für die sexuelle Orientierung von Pädophilen möglicherweise Entwicklungsstörungen mit verantwortlich sein können, hätten die Wissenschaftler schon aufgrund früherer Untersuchungen vermutet. Es habe sich gezeigt, dass Pädophile normalerweise einen 10 Prozent geringeren IQ und eine um 2 cm kleinere Körpergröße als Nicht-Pädophile hätten, zudem sei bei ihnen Linkshändigkeit stärker verbreitet. Während 10 Prozent der Menschen Linkshänder sind, seien es bei den Pädophilen 30 Prozent. Linkshändigkeit führt James Cantor, Psychologe und Teamleiter, darauf zurück, dass vor oder kurz nach der Geburt die Gehirnentwicklung durch irgendeinen Einfluss (Virus, Ernährung, Strahlung etc.) gestört wurde, so dass die in Mitleidenschaft gezogene dominante linke Gehirnhälfte durch die rechte ersetzt wird. Alle Indizien, so Cantor, sprechen dafür, dass die Neigung zu Pädophilie mit Problemen im Laufe der frühen Gehirnentwicklung zusammenhänge.

Cantor versichert aber, die Forschungsergebnisse würden nicht bedeuten, dass man Pädophile nicht weiter als Kriminelle behandeln soll: "Nicht imstande zu sein, die sexuellen Interessen auswählen zu können, heißt nicht, dass man nicht wählen kann, was man macht." Er schlägt, weitere Forschung darüber anzustellen, wie das Gehirn die sexuellen Interessen steuert, woraus sich möglicherweise Strategien entwickeln lassen könnten, um die Entwicklung von Pädophilie zu verhindern. Das könnte freilich auch andere sexuelle Interessen betreffen, die von manchen Gesellschaften oder Kulturen beispielsweise wie Homosexualität als "krankhaft" oder "Sünde" bezeichnet werden. Die britische Regierung plant, Pädophile mit Medikamenten zu behandeln und so ihren Antrieb stillzustellen.

Deutsche Wissenschaftler hatten letztes Jahr berichtet, dass sie Pädophilie mit dem Kernspintomographen untersucht und dabei festgestellt haben, dass diese im Vergleich zur Kontrollgruppe im orbitofrontalen Kortex, im Cerebellum und im ventralen Striatum ein geringeres Volumen der "grauen Hirnsubstanz" aufweisen. Sie vermuteten, dass Pädophile deswegen ihre Begierden nicht kontrollieren können.

Wissenschaftler der Universität Magdeburg haben mit psychologischen Tests und funktioneller Magnetresonanztomographie versucht, die emotionalen Komponenten herauszuarbeiten. Auffällig sei bei Pädophilen das fehlende sexuelle Interesse an Erwachsenen. Zudem können sie schlechter die Emotionen von erwachsenen Personen unterscheiden. In Gehirnarealen, die an der Verarbeitung von emotionalen und sexuellen Reizen beteiligt sind, weisen Pädophile eine geringere Aktivität auf. Das trifft nach den Wissenschaftlern auf den "Hypothalamus und das periaquäduktale Grau (PAG) für die sexuelle Prozessierung und den dorsomedialen Präfrontalcortex (DMPFC) sowie die Amygdala-Hippocampus-Region in Bezug auf die emotionale Verarbeitung" zu. Damit wäre Pädophilie möglicherweise weniger auf einen sexuellen Antrieb zurückzuführen, sondern auf die mangelhafte sexuelle Reaktion in Bezug auf Erwachsene.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26724/1.html
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