Die Hälfte der weltweit Beschäftigten ist arbeitsarm

01.12.2007

Nach einem UN-Bericht wachsen die Arbeitsplätze weltweit nicht mit der Wirtschaft und verschlechtern sich mit dem Aufstieg der Dienstleistungsgesellschaft die Arbeitsbedingungen

Weltweit hängen Wirtschaftswachstum und Beschäftigung nicht mehr zusammen. Nach einem UN-Bericht ist die Weltwirtschaft zwischen 1996 und 2006 jährlich um 3,6 Prozent gewachsen, gleichzeitig ist in dieser Periode die Arbeitslosigkeit von 6 auf 6,3 Prozent angestiegen. Zudem verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen und werden soziale Sicherheitssysteme abgebaut, während sich die Kluft zwischen den Einkommen der Arbeitnehmer und der Einkünfte aus Kapital weltweit vergrößert.

Es seien einige "beunruhigende Trends" zu erkennen, sagte Sha Zukang, Vizesekretär für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen, bei der Veröffentlichung des Berichts. "Trotz eines starken weltweiten Wirtschaftswachstum hinkt die Schaffung von Arbeitsplätzen hinter dem Wachstum der arbeitsfähigen Bevölkerung hinterher." Der Bericht spricht vom Phänomen des Wachstums ohne Arbeitsplätze. Das gilt nach den Zahlen allerdings nicht für die Industrieländer, in denen die Arbeitslosigkeit im Gegensatz zu den übrigen Ländern gesunken ist. Im Nahen Osten und in Nordafrika ist die Arbeitslosigkeit zwar auch gefallen, aber sie liegt noch immer bei 12,2 Prozent – und damit höher als die in Afrika auf 9,8 Prozent angestiegene Arbeitslosenzahl.

Nach dem Bericht sind weltweit 195 Millionen Menschen arbeitslos, 36 Millionen mehr als 1996. Als Kehrseite gibt es ebenso viele Kinder unter 14 Jahren, die arbeiten müssen. Der Bericht rechnet zwei Drittel der 4,6 Milliarden arbeitsfähigen Menschen (ab 15 Jahren) zu den Beschäftigten. Deren Zahl ist seit 1996 um über 16 Prozent auf 2,9 Milliarden angestiegen. Die Zahl der Arbeitslosen scheint relativ gering zu sein, allerdings ist fast die Hälfte der Arbeitenden mit einem Verdienst von unter zwei US-Dollar am Tag laut UN nicht in der Lage, sich und die Familie zu versorgen.

Der Anteil dieser Arbeitsarmen an der gesamten Arbeitsbevölkerung ist immerhin von 55 Prozent 1996 auf 47,4 Prozent 2006 gesunken. 2005 lebten bereits aufgrund der Vergreisung und der zurückgehenden Fruchtbarkeit in den Industrieländern 85 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in den Entwicklungsländern. Immer noch gibt es die Kluft zwischen Frauen und Männern. Während nur knapp die Hälfte der Frauen einer Lohnarbeit nachgeht, sind es 74 Prozent der Männer. 1,1 Milliarden junge Menschen gibt es, 85 Prozent leben in Entwicklungsländern. Sie machen ein Fünftel der Weltbevölkerung, aber die Hälfte der Arbeitslosen aus. 130 Millionen, vor allem die jungen Frauen, sind Analphabeten.

Weltweit zurück geht der Anteil der Arbeit in der Landwirtschaft. Stimmen die Schätzungen, dann wurde 2006 die Schwelle zu einer neuen globalen Kulturepoche eingeleitet, weil seitdem erstmals die Zahl der Beschäftigten im Dienstleistungssektor (40 Prozent) die in der Landwirtschaft Tätigen überstiegen hat. Mit zur Veränderung gehört, dass immer mehr Frauen einer Lohnarbeit nachgehen, was ebenso die Kulturen unterminiert, deren familiäre Arbeitsteilung noch stark von der Landwirtschaft geprägt ist. Die Zahl der Industriearbeitsplätze ist mit 21 Prozent in den letzten 10 Jahren zwar konstant geblieben, aber sie haben sich von den ehemaligen Industrieländern in die Entwicklungsländer verlagert.

Der Aufstieg der Dienstleistungsgesellschaft hat jedoch zur Folge, dass die Zahl der prekären und gering entlohnten Arbeitsverhältnisse ansteigt, die zudem meist auch nicht arbeitsrechtlich geregelt sind und daher durch Arbeitsunsicherheit gekennzeichnet sind. Da hier viele Frauen tätig sind, treffen die Folgen von Unsicherheit und geringer Bezahlung vor allem sie. Insgesamt werde die Arbeitswelt tiefgreifend verändert und flexibilisiert. Das Ausmaß und die Folgen der Verlagerung von Arbeitsplätzen (offshoring und outsourcing) durch die Globalisierung und Liberalisierung seien bislang aber nicht wirklich zu erfassen. Allerdings sei der "brain drain" mit der Globalisierung deutlich angestiegen.

Obgleich die Zahl der internationalen Migranten mit 3 Prozent noch immer sehr gering sei, bildet sich allmählich ein globaler Arbeitsmarkt, heißt es im Bericht. In 70 Ländern stellen sie nämlich bereits 10 Prozent der Bevölkerung. Noch wächst freilich die Mobilität des Kapitals ungleich schneller als die der Arbeitnehmer. Es gebe eine allgemeine Übereinstimmung, dass die internationale Arbeitsmigration für Herkunfts- und Zielländer positive Effekte habe. Beunruhigend sei für Entwicklungsländer der "brain drain", aber auch dieser könne für das jeweilige Land positive Aspekte haben, für die Einzelpersonen sowieso.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (115 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

Anzeige
Cover

Die Moral in der Maschine

Beiträge zu Roboter- und Maschinenethik

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.