Mommy Makeover oder Traumabeseitigung

03.12.2007

Zunehmend unterziehen sich Frauen nach der Geburt Schönheitsoperationen, um die Spuren, die Schwangerschaft, Geburt und Stillen hinterlassen haben, wieder zu beseitigen

Schönheitsoperationen zur ästhetischen Verbesserung des Körpers werden immer beliebter (Fettabsaugen statt Bewegung und Diät). Man geht davon aus, dass in Deutschland jährlich mehr als eine Million solcher Eingriffe an Menschen im Alter zwischen 12 und 84 Jahren vorgenommen werden. Die genaue Zahl ist unbekannt, wie es in einem Antrag von den CDU/CSU- und SPD-Fraktionen vom 24.10.2007 zur Verhinderung der Missbräuche bei Schönheitsoperationen heißt.

Die Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland (GÄCD) bedauerte zwar unlängst, dass die Zahl der Schönheitsoperationen in Deutschland stagniere. Nur die Faltenbehandlungen würden explodieren. Die Deutschen sind, was Schönheitsoperationen anbelangt, ziemlich bieder. Ganz oben stehen bei Männern und Frauen laserchirurgische Eingriffe im Gesicht, gefolgt von Fettabsaugungen und ästhetische Phlebochirurgie. Letztere steht bei Frauen an zweiter Stelle, bei Männern hingegen das Entfernen von Tätowierungen, die wohl irgendwann doch nicht mehr so schick sind. Bei den begehrten Faltenbehandlungen setzt man vor allem auf das Botulinum-Toxin (Botox).

Minderjährige würden in Deutschland kaum mit Schönheitsoperationen bedacht, heißt es bei der GÄCD. Das sei in den USA anders: "In den USA ist die Brust zum Highschool-Abschluss oder die gerade Nase zu Weihnachten bei Jugendlichen kein seltenes Geschenk", erklärt Prof. Heinz G. Bull, Präsident der GÄCD. Von der Wiederherstellung der Frauenkörper nach Schwangerschaft, Geburt und Stillen ist hier allerdings nicht die Rede.

Nach Informationen der Vereinigung Deutscher Plastischer Chirurgen werden 10 Prozent aller schönheitschirurgischer Eingriffe an unter 20-Jährigen durchgeführt. Schon unter 9- bis 14-Jährigen wünscht sich jedes fünfte Kind laut einer Umfrage des Kinderbarometers der LBS-Initiative "Junge Familien" eine schönheitsoperative Behandlung. Der Wunsch nach einem neuen Busen zum Abitur ist keine Ausnahme mehr.

Antrag: Missbräuche im Bereich der Schönheitsoperationen gezielt verhindern

Besonders stark scheint aber auch das Verlangen nach Schönheitsoperationen für Mütter nach der Geburt zu sein – zumindest in den USA. Wenn Frau schon noch reproduziert und der Körper sich dabei verändert und unförmiger wird, so soll ihm dies danach nicht mehr anzusehen sein. Gewissermaßen wollen Frauen damit zwar nicht eine Nachfolgerin von Maria werden, aber doch Mütter, an denen die Schwangerschaft spurlos und anstrengungslos vorübergeht. Die Amerikaner haben dafür schon einen Begriff geprägt: "Mommy Makeover".

Damit wird auch heftig um die neuen Kundinnen geworben. Zur Grunderneuerung gehören das Liften des Busens, die Straffen der Bauchdecke und Fettabsaugen. Auf der Webseite amommymakeover.com ist denn auch schon die Rede davon, dass die Schwangerschaft, die Geburt und das Stillen ein "körperliches Trauma" seien, "das tiefgehende negative Folgen haben kann, durch die Frauen ihre kurvenreiche Figur verlieren". Empfohlen wird den Frauen freilich auch die "Genitalverjüngung" nach den Verformungen durch die Geburt. Und wenn Frau schon dabei ist, könnte sie sich ja auch das Gesicht noch liften oder Falten entfernen lassen.

Letztlich werden so die Spuren, die Schwangerschaft und Geburt sowie Stillen - wenn überhaupt noch aus ästhetischen Gründen gemacht – hinterlassen, zu unnötigen biologischen Phänomenen. Sie sollen sich ähnlich wie Krankheiten oder Entstellungen heilen oder reparieren lassen, um so allmählich den Körper aufzubauen, der in seiner künstlichen Natürlichkeit Krankheit, Exzesse, Alter und Schwangerschaft an sich abperlen lässt und – wie oberflächlich auch immer - ewig jung und verführerisch erscheint. Der Körper wird der Zeit und dem Leben entzogen und nähert sich seiner Virtualisierung. Dann wäre er nicht nur zeitlos schön, sondern könnte auch sofort bei Bedarf den wechselnden Körpermoden folgen.

Nach Angaben der American Society of Plastic Surgeons haben sich 2006 in den USA 365.000 Frauen im Alter zwischen 20 und 39 Jahren einem chirurgischen "Mommy Makeover" unterzogen. Gegenüber dem Jahr zuvor ein Anstieg um immerhin 11 Prozent. Offenbar steigt die Zahl der Frauen an, die sich nach den Strapazen des Kinderkriegens wieder herstellen wollen. Die British Association of Aesthetic Plastic Surgeons (BAAPS), geht davon aus, dass der Trend in Großbritannien angekommen sei und die Mütter bereits eine Hauptgruppe unter den Frauen darstellen, die nach Brustdeckenstraffung und Brustoperationen verlangen.

Bei einer Umfrage unter frischen Müttern hätten drei Viertel gesagt, dass sie über eine Schönheitsoperation nachdenken, ebenso viele hätten gesagt, dass sie über die Auswirkungen der Schwangerschaft auf ihren Körper entsetzt seien.

Besonders begehrt sind die Operationen für Frauen, die später Kinder bekommen und deren Körper deswegen langsamer oder gar nicht mehr die alte Form annimmt. Müssten veralternde Gesellschaften, in denen womöglich Frauen sich scheuen, allein aus ästhetischen Attraktivitätsgründen in der Aufmerksamkeitsökonomie noch Kinder zu kriegen, nicht nur für Elterngeld und Krippenplätze, sondern auch für Post-Schwangerschafts-Schönheitsoperationen auf Krankenschein sorgen?

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