Globaler Klimaschutz - was geht auf Bali?

04.12.2007

Der Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) berichtet für Telepolis vom Weltklimagipfel

Seit Montag tagt auf der Insel Bali eine entscheidende Runde der internationalen Klimaschutzverhandlungen: Tausende Delegierte aus 190 Ländern sind nach Indonesien zur Bali-Weltklimakonferenz gereist, um über ein Kyoto-Nachfolge-Abkommen zu verhandeln. Das 1997 in Japan verabschiedete Klimaschutzabkommen - es legte erstmals konkrete Minderungsziele für Klimagase fest - trat 2005 in Kraft und läuft 2012 aus. Auf Bali soll ein Mandat verabschiedet werden, damit bis 2009 das Nachfolgeabkommen mit konkreten und verbindlichen Klimaschutzzusagen unterzeichnet und bis 2012 ratifiziert werden kann. Und es muss ein konkreter Zeitplan verabschiedet werden, wie eine Trendumkehr zu schaffen ist - weg von immer weiter zunehmenden Treibhausgasen.

Der Klimawandel ist Realität. In den letzten hundert Jahren stieg die Temperatur der Erdatmosphäre im Mittel um nahezu ein Grad. Um drei Millimeter pro Jahr steigt der Meeresspiegel inzwischen, extreme Wetterereignisse häufen sich, Jahreszeiten und Vegetationszonen werden verschoben. An den Polen schmelzen die Eispanzer und die Gletscher ziehen sich zurück. Im laufenden Jahrhundert prognostiziert der UN-Klimarat (IPCC) einen Anstieg der globalen Temperatur zwischen zwei und über sechs Grad.

Ein derartiger Klimawandel wird katastrophale Auswirkungen auf Wirtschaft, Natur und die menschliche Gesundheit haben. Schon bei einem Anstieg der Globaltemperatur von zwei Grad werden 90 bis 200 Millionen Menschen mehr als heute von Malaria bedroht sein. Die landwirtschaftliche Produktivität wird abnehmen und die Ernährungskrisen insbesondere in den armen Ländern werden sich weiter verschärfen. Es droht der Verlust von etwa einem Drittel der Tier- und Pflanzenarten. Der frühere Chefvolkswirt der Weltbank, der Engländer Sir Nicholas Stern, hat massive ökonomische Einbrüche - vergleichbar mit den Wirtschaftskrisen in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts - vorhergesagt, wenn es nicht gelingt, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten (Umweltschutz aus ökonomischen Gründen).

Selbst wenn die Treibhausgasemissionen völlig gestoppt würden, ließe sich der Klimawandel nicht mehr aufhalten, sondern lediglich abmildern. Nur wenn die Industriestaaten ihre Emissionen drastisch reduzieren und dafür sorgen, dass die globale Entwicklung nachhaltig wird, könnte der globale Temperaturanstieg unter zwei Grad gehalten werden. Je früher die Trendwende kommt und je mehr Staaten sich daran beteiligen, umso größer sind die Chancen, umso geringer werden die Kosten.

Die Industrieländer müssen bis 2020 40 Prozent Minderung im Vergleich zu 1990 übernehmen und mindestens 80 Prozent bis 2050. Deutschland will und muss bis 2020 eine Minderung von 40 Prozent schaffen. Aber auch die Entwicklungs- und Schwellenländer sind in Klimaschutzmaßnahmen einzubeziehen. Die globale Entwaldung muss gestoppt und den armen Ländern müssen Anpassungshilfen gewährt werden. Deutschland und die EU können beim Klimaschutz eine Vorbildfunktion übernehmen, damit alle Staaten, auch die USA, Australien und die Entwicklungs- und Schwellenländer gemeinsam die erforderlichen Klimaschutzmaßnahmen ergreifen.

Da die Industrieländer die Hauptverantwortung für den Klimawandel tragen, müssen sie hohe Reduzierungsziele akzeptieren und verbindlich zusagen. Und sie müssen Pläne erstellen, wie sie die besonders vom Klimawandel betroffenen Entwicklungsländer stärker unterstützen. Die Anpassung an den Klimawandel und der Schutz gefährdeter Regionen vor Klimaextremen gehören zu den dringlichsten Aufgaben. Finanzierungsmöglichkeiten dafür wären der Erlass von Schulden, eine internationale Kerosinsteuer, eine Flugticketabgabe, Gewinne aus der Versteigerung von Emissionszertifikaten sowie Abgaben auf den internationalen CO2-Zertifikate-Handel. Langfristig müssen alle Staaten ihre Wirtschaft von der Verbrennung fossiler Energieträger weitestgehend entkoppeln und nachhaltig wirtschaften. Ziel muss sein, in einem klimaverträglichen Rahmen jedem Menschen das gleiche Recht auf CO2-Emissionen zuzugestehen (nach Stand der Wissenschaft ca. 1,5 Tonnen pro Jahr).

Die internationale Staatengemeinschaft muss die Forschung bei erneuerbaren Energien und Energieeffizienz ausweiten und die Verbreitung nachhaltiger Technologien beschleunigen. Nicht nachhaltig und gefährlich sind die Atomenergie sowie die Abscheidung und Verpressung von Kohlendioxid aus ineffizienten Kohlekraftwerken. Die stetig zunehmenden Emissionen des Flug- und Seeverkehrs werden vom Kyoto-Protokoll bisher nicht erfasst. In der nächsten Verpflichtungsperiode müssen sie Teil der Minderungsverpflichtungen werden.

Um zu verhindern, dass Klimaschutzaktivitäten in die ferne Zukunft verlagert werden, muss ein Nachfolge-Kyoto-Abkommen neben langfristigen Zielvereinbarungen auch Zwischenziele festlegen. Damit die Industriestaaten so schnell wie möglich aktiv werden, sind dabei jährliche Emissionsminderungen zu vereinbaren. Der BUND wird auch weiter anprangern, dass die Bundesregierung mit ihren bisher angestoßenen Maßnahmen hinter ihrem Klimaschutzziel zurück bleibt und weiter Nachbesserungen der bisher beschlossenen Maßnahmen fordern. Dazu gehören:

  1. Ein Neubauverbot für Kohlekraftwerke (die ca. 25 geplanten Kohlekraftwerke mit einer Laufzeit von mehr als 40 Jahren würden die Klimaziele Deutschlands auf Dauer unerreichbar machen)
  2. Die Einführung eines bundesweiten Tempolimits von 120 km/h auf Autobahnen, eine Kerosinsteuer für den Flugverkehr und die Beendigung der Steuersubvention klimaschädlicher Dienst- und Firmenwagen.
  3. Ein Klimaschutzgesetz für Deutschland, das eine verbindliche Verringerung der Treibhausgase um drei Prozent pro Jahr vorschreibt (entspricht bis 2020 minus 40 Prozent gegenüber 1990).

Vom Bali-Weltklimagipfel wird Dr. Gerhard Timm, Bundesgeschäftsführer des BUND (BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland), ab 8.12. hier in Telepolis als Gastautor regelmäßig berichten.

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