Mit Dämonen für die Willensfreiheit

05.12.2007

Freiheitlich bis ins Mark, zum Platzen spannend: "Der Goldene Kompass" von Chris Weitz

Die Fantasy-Trilogie "His Dark Materials" ist bei uns bisher nicht so bekannt. Höchste Zeit, dass sich das jetzt ändert. In der als unverfilmbar geltenden, jetzt mit Riesenaufwand verfilmten Trilogie wimmelt es von Parallelwelten, Hexen, Dämonen und sprechenden Tieren - trotzdem verbinden Buch und Film Fantasy und die Werte der Aufklärung.

Nehmen Sie Tolkiens 'Herrn der Ringe', das scheint so irrwitzig komplex, ist aber bei näherer Betrachtung von erschütternder Trivialität: Sicher, er war ein Meister in der Schilderung großartiger Landschaften und noch viel großartigerer Schlachten. Aber die Geschichte? Da gibt es nur die Guten und die Bösen. Die einen wollen die Welt retten, die anderen die Herrschaft übernehmen. Das ist schon sehr simpel gestrickt, der einzige halbwegs interessante Charakter ist Gollum, sonst herrscht da gähnende Langeweile.

Alle Blder: Warner

Nein, das schreibt kein böswilliger Filmkritiker, sondern Philip Pullman, Fantasyautor und Oxfordprofessor, Verfasser von "Der Goldene Kompass", dessen 200 Millionen US-Dollar teure Verfilmung jetzt ins Kino kommt. Tatsächlich: Ein Anti-"Herr der Ringe", oder auch "Harry Potter" für Erwachsene - diese einfachen Formeln täuschen und doch treffen sie den Kern von "Der Goldene Kompass" ganz gut. Denn auch "Der Goldene Kompass" ist Fantasy, doch weder Potter-Wellness mit ihren so kuscheligen wie leistungsorientierten Internatsabenteuer für ewige Schulkinder, noch Tolkien-Dumpfness für alle Jungs, die voranschreiten wollen, ohne sich fortzubewegen.

Nicht einfach ein guter Märchenschmöker

Für Neueinsteiger: Der Film des 38-jährigen New Yorkers Chris Weitz ist die Verfilmung des gleichnamigen ersten Bandes einer im angloamerikanischen Sprachraum mit 14 Millionen Verkäufen überaus erfolgreichen Fantasy-Trilogie, die im Original "His Dark Materials" heißt. Die weiteren Bände "Das magische Messer" und "Das Bernstein- Teleskop" sollen auch verfilmt werden, falls der Kino-Auftakt erfolgreich verläuft - allerdings handelt es sich hier nicht um serielle Literatur, sondern um eine zusammengehörige Geschichte in drei Teilen. Produktionsfirma ist "New Line Cinema", die bereits für den Welterfolg von Peter Jacksons dreiteiliger "Herr der Ringe"-Verfilmung verantwortlich waren.

Wie schon J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis (Autor des katholischen Propagandawerks "Narnia Cronicles") ist auch in diesem Fall der Verfasser Philip Pullman (geb. 1946) ein Oxford-Professor. "Oxford ist ein Ort, der ganz besonders die Phantasie anregt" sagt Pullman zur Erklärung dieses merkwürdigen Phänomens, dass der größte Teil der erfolgreichen Fantasy-Welle aus England stammt. zugleich verweist der Autor auf Großbritanniens "reiche Tradition an phantastischen Erzählern bis zu Jonathan Swifts 'Gullivers Reisen'" und William Shakespeare, "der ja ein großer Fantasy-Autor war mit seinen Geschichten voller Feen, Hexen und Geistern."

Und auch hier will der Autor nicht einfach einen guten Märchenschmöker schreiben, sondern zielt in philosophische Höhen. Hier allerdings überwiegen dann schnell die Unterschiede: Denn die Storys, Figuren und Botschaften der Werke sind überaus verschieden, ja gegensätzlich. Anders als Tolkien und Lewis hat Pullman keine in sich geschlossene, völlig konsistente Welt entworfen, sondern ein wucherndes, durch diverse Ebenen und Zeichenwelten flanierendes Werk. Und es gibt keine Folklore, keine verlorenen Königreiche, keine Visionen besserer Vergangenheit.

Junges Mädchen in Parallelwelten

Im Gegensatz zu Tolkiens Buch hat Pullman mit dem ehrwürdigen Whitbread-Buchpreis längst auch literarische Weihen erhalten. Der künstlerische Rang der Trilogie, die direkt - seinem Verleger gegenüber beschrieb er sein Werk einmal als "Das Verlorene Paradies, in drei Bänden, für Kinder" - auf den Klassiker "Lost Paradise" des Poeten und politischen Dissidenten John Milton anspielt, ist unumstritten. Manche vergleichen Pullman gar mit dem romantischen Poeten William Blake. Aber auch ein Vergleich mit Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" liegt nahe.

Denn es geht auch hier um ein junges Mädchen, das in Parallelwelten eintaucht, was im Stadium der Vorpubertät ja mitunter passiert. Eine Figur "an der Schwelle zum Erwachsenwerden", wie man so sagt. Die drei "His Dark Materials"-Bände richten sich an Kinder wie Erwachsene gleichermaßen. In einfacher Sprache geschrieben, aber mit vielen doppelten Böden versehen gelingt Pullman eine Nachtfahrt ins Abgründige, ein moderner Klassiker der phantastischen Literatur.

In der Story mischt sich seriöse wissenschaftliche Erkenntnis - Einsteins Relativitätstheorie und Nelson Goodmans Theorie der Parallelwelten - mit einem "typisch britischen" Hang zu kruden Einfällen, zu Schrägem und zum Fabulieren. Zu letzterem gehört, dass die Welt von Film und Roman wie ein wildes Gemisch aus 19.Jahrhundert und Science-Fiction aussieht - am ehesten vergleichbar mit einem Jules-Verne-Schmöker. Hinzu kommen allerdings die "Dämonen".

Jeder Mensch wird in dieser Welt nämlich ständig von einem Dämon in Tiergestalt begleitet, der als eine Art veräußerlichtem Abbild der Seele fungiert. Bei Kindern sind sie überdies noch Chimären, die ihre Gestalt wechseln. Sie müssen erst fertig werden - so ist Pullman eine erzählerische Figur gelungen, die den Individuationsprozess visuell begreifbar macht und zugleich für Instinkt und "emotionale Intelligenz" steht. So hat der edle Professor Lord Asriel, der im Film von "007" Daniel Craig verkörpert wird, einen schönen Schneeleoparden an Seite, die undurchsichtige Marisa Coulter (Nicole Kidman), die sich später als Lyras Mutter entpuppen wird, dagegen einen unangenehmen Pavian.

"Magisterium" will eine Art Gottesstaat

Im Zentrum des ersten Bandes steht Professor Asriels Nichte, die zwölfjährige Lyra Belacqua (ein Star ist geboren: Dakota Blue Richards). Schnell ahnt das aufgeweckte Girl ein Komplott gegen Asriel, rettet diesem das Leben und wird bald zur Schlüsselfigur im Kampf um den freien Willen.

Denn wie in den alten Mythen geht es auch in dieser Form neuer Mythologie um nichts Geringeres als ums Ganze: Ein boshaftes "Magisterium" will die Freiheit der Menschen unterdrücken und eine Art Gottesstaat errichten. Denn Wissenschaft und Kirche haben den "Staub" entdeckt. Das sind Bewusstseinspartikel, die mit einer speziellen optischen Methode sichtbar gemacht werden können. Während die Wissenschaftler versuchen, den Staub zu erforschen, will die Kirche mit allen bösen Mitteln dessen Erkundung verhindern. Dazu sollen die Dämonen der Kinder abgetrennt werden.

Dagegen kämpfen Menschen, Tiere, Dämonen, gute Hexen mit finnischen Namen (und wer würde nicht mit Eva Green als Serafina Pekkala gern auf dem Besen mitreiten?) - und intelligente Maschinen wie der sagenumwobene "Goldene Kompass" in Lyras Besitz: "It's an alethiometer. It tells the truth. You are meant to have it. You keep the alethiometer to yourself, it's of the utmost importance to yourself, to all of us, and perhaps to all creation." So kommt Lyra hinter das Geheimnis des Lebens - den "Staub" - und durchkreuzt so die Pläne der Mächtigen, die die Geschicke alles Lebenden allein bestimmen wollen.

Da der Roman drei Teile hat, darf man am Ende des ersten Teils nur mit einer Zwischenbilanz rechnen. Hier macht sich Lyra nach Norden auf und entdeckt die grausamen Experimente an den Kindern. Schon jetzt kann man aber sagen, dass Chris Weitz schöne Kinofassung auf ganzer Linie auch Fantasy-Zweifler überzeugt: Filmisch überaus liebevoll, einfallsreich und poetisch, in seiner Story im Gegensatz zum ebenso düsteren wie archaischen Blut-und-Boden-Märchen des "Herrn der Ringe", wo die Helden bald zu Befehlsempfängern höherer Mächte auf Hobbitformat degradiert werden, und in jeder Ecke irgendein Zauberer oder sprechender Baum steht, der mal raunend, mal im Kasernenhofton Tagesbefehle erteilt, ist "Der Goldene Kompass" tausendmal sympathischer, da auch hier "typisch britisch", selbstironisch und skeptisch: Ein antiautoritäres Märchen, das Freiheit und Selbstdenken ins Zentrum stellt und keine Achtung vor Autoritäten kennt. Und wenn doch mal, dann sind diese augenzwinkernde, nachsichtige Kameraden der jugendlichen Helden.

"Wir wollen freie Bürger sein"

Der eigentliche Kern - und die Überraschung des Erfolges von Buch wie Film - ist aber sein weltanschaulicher Kern: Harsche Kirchenkritik, Abneigung gegen verknöcherte Hierarchien, Zeremonien und klerikale Rituale, völliger Unglaube und religiöse Unmusikalität. Statt an ein Dasein nach dem Tod sollen die Leser besser an ein glückliches und erfülltes Leben im Diesseits glauben. "Seid, die ihr seid und seid es dort, wo ihr herkommt." lautet die Botschaft, das Leben im Hier und Jetzt ist das Entscheidende, und nur wer genau hinschaut, wird hinterher glücklich sein.

Pullmans Werk liest sich wie die Märchenfassung von Richard Dawkins' antireligiösem Traktat "Der Gotteswahn", worin dieser nicht nur die praktischen Erscheinungsformen, sondern auch den grundsätzlichen Wahrheitsgehalt und Sinn der Annahme eines Gottes in Frage stellt. "Gott hilft nicht", sagt Dawkins, und wettert gegen "die Indoktrination der Kinder durch die Kirchen." Gottesglaube sei nicht sinnvoller als der Glaube an Osterhasen. Auch Philip Pullman ist ein für die Religion gefährlicher Autor: Die Bibel? "Ein faszinierendes Buch" sagt er, "spannend zu studieren, voll von tollen Geschichten und mit diesem spannenden, komplexen und rätselhaften Hauptdarsteller namens Gott, der faszinierendsten Figur, die je erfunden wurde. Aber 'Emil und die Detektive' lese ich lieber."

Zu anderen Zeiten würde die christliche Kirche seine Werke mit Gewissheit auf ihren Index setzen. Im zweiten Band ("Das magische Messer") der Pullman-Trilogie stirbt Gott, Engel sind schwul und das Reich der Toten öffnet sich - Atheismus pur. Pullman hat - in einem Artikel mit dem Titel ''The Republic of Heaven'' - überaus klar gemacht, dass er leidenschaftlich gegen jede Religion eintritt, die ihre Vorstellung der Welt und des Nachlebens über die Menschen und ihre Freiheit stellt. Er kritisiert die Tradition von Kinderphantasie, die im Kern nur aus christlichen Allegorien besteht - wie die "Narnia chronicles":

Lewis' religiöse Motive, die seine 'Narnia'-Bücher bestimmen, sind zumindest interessant. Aber seine Helden überstehen einige Bücher lang aufregende Abenteuer, und am Ende sind sie alle tot. Das ist doch grotesk, für mich zumindest.

Stattdessen plädiert er für Liberalität und Freigeistigkeit: "Es ist gefährlich zu glauben, das Unschuld dann am besten ist, wenn sie von Erfahrung unberührt bleibt. Oder das Moral am reinsten ist, wenn sie von Freude unberührt ist." Und was heißt "The Republic of Heaven"?

Keine Könige, keine Bischöfe, keine Priester… Die Welt ist anders. Wir wollen freie Bürger sein.

"That is heresy!" - "That is the truth."

Einiges davon ist jetzt durch die Verfilmung ganz schön verwässert worden. Die Produktionsgesellschaft New Line, für die vom Erfolg des Projekts so ziemlich alles abhängt. Auch aus Angst vor den christlichen Ligen meinte die Firma im Vorfeld, auf den religiösen Hintergrund der Bücher könne man verzichten, es ginge doch hauptsächlich um die "Story", also um Menschen, die im Konflikt mit einer totalitär angelegten Institution um ihre Freiheit kämpften.

Lyra als Amazone im War on Terror? Man wird den zweiten Teil abwarten müssen. Genug bleibt schon jetzt: Eltern sind nicht von Natur aus gut, sondern ambivalent. Religion macht nicht glücklich. Das Heilige ist ein Täuschungsmanöver, die Kirche ein perfekter Apparat zur Unterdrückung von Intelligenz, böse und wahrheitsfeindlich: "I propose to discover a world much like our own in a parallel universe." - "That is heresy!" - "That is the truth." Statt einer Welt gibt es viele.

Fazit: Kein Mystizismus, keine dumpfe Mythenschmiede à la Wagner und Tolkien sondern eine helle, klare Welt. Anti-Mythologie im Gewand von Mythologie; oder besser "Neue Mythologie" im Sinne von Schiller und Hegel, im Sinne des "Ältesten Systemfragment", das eine Einheit von Metaphysik und Moral postuliert, eine Freiheit auf pantheistischer Grundlage, in der Mythologie eine Form ist, Ideen ästhetisch zu machen, nicht mehr.

Vielleicht sind die Antworten, die Pullman gibt, nicht immer der Weisheit allerletzter Schluss, aber die Haltung ist es: Ein Drama voll Weltklugheit und Rebellion. Freiheitlich bis ins Mark und zum Platzen spannend erzählt, gefällt "Der Goldene Kompass" auch filmisch: Er ist voller Anspielungen auf die Film- und die Politische Geschichte - etwa indem der im Permafrost der Nordpolarregion angesiedelte Kindergulag des "Magisteriums" dem zaristischen Winterpalais verdächtig ähnlich sieht - und überdies von einer Art Kosaken-Roboter-Armee verteidigt wird. Oder wenn das London, in das Lyra kommt, nach den Plänen der Architekten der Stuart-"Restauration" im späten 17. Jahrhundert nachempfunden und in Bilder verwandelt wurde.

Das Ergebnis ist eine aufregende Reise in fremde Welten, mit überzeugenden Darstellern - die US-Marketingmaschine hätte es gar nicht gebraucht, damit "dem" Kino-Weihnachtsereignis des Jahres nichts mehr im Weg steht.

Philip Pullman: "His Dark Materials: Der goldene Kompass, Das magische Messer, Das Bernstein- Teleskop", Claasen Vlg., drei Romane im Schuber, 19,95 Euro

Richard Dawkins: "Der Gotteswahn"; Ullstein Verlag, Berlin 2007, 560 Seiten, 22,90 Euro

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