Ich bin nicht schwul, und das ist auch cool so

09.12.2007

Homophobie im deutschen HipHop: Sexismus in Reinform oder Fiktion nach Maß?

G-Hot wurde die Sache plötzlich doch etwas zu heiß. G-Hot, Rapper aus Berlin und einstig beim Label Aggro Berlin unter Vertrag, schrieb mit seinem Kumpel "Die Kralle" den Song Keine Toleranz. Er fordert darin, Schwuchteln die Schwänze abzuschneiden und will es nicht hinnehmen, dass Schwule auch noch Deutschland "regieren". Der Track landete im Netz, eine unbekannte Rapperin klagte, die Schwulenverbände gingen auf die Barrikaden, selbst Die Grünen positionierten sich auf ihrer Homepage gegen homophobe Entgleisungen im deutschen HipHop. Das alles wurde selbst den Labelmachern von Aggro Berlin zu heiß: Man schmiss den Interpreten raus. G-Hot wagte sich dann noch zu einer Gegendarstellung bei You-Tube vor, schließlich sei er "übelst tolerant", er hätte das Ding auch nicht ins Netz gestellt, was könne er dafür? Die Schwulen aber könnten ihn mal. Das sollte es gewesen sein.

Kein Fall hat in letzter Zeit den Docht zur Debatte so entzündet wie G-Hot. Ist deutscher HipHop noch zu retten? Tut sich hier ein neues menschenverachtendes Genre auf? Allzu neu sind die Debatten um sexistischen und rassistischen HipHop zwar nicht. Amerikanische Interpreten von Blowfly bis 2Life Crew verwechselten schon immer das Mikrofon mit dem Penis und ließen sexistische Zeilen kommen. In Deutschland hat Battle-Rap mit sexistischem Einschlag allerdings erst seit dem Boom von Aggro Berlin Hochkonjunktur, wenngleich Kool Savas als erster Nennenswerter hierzulande derartige Schmuddelreime über Takte legte. Damals wurde die Diskussion von Ex-Anarchist Academy-MC und Intro-Autor Hannes Loh losgetreten. Loh setzte deutsche Rapper aus dem Umfeld von MOR (Masters of Rap) auf die Anklagebank und warf ihnen vor, rassistisch zu texten. Jetzt ist die Diskussion auch eine um Schwulenfeindlichkeit in der Szene, nachdem Bushido "Tunten vergasen" wollte, die Dessauer HipHop-Truppe Dissau Crime mit der "Flak" auf das "Judenppack" einem ihrer Songs in einer "Fuck-Homo-Welt" feuerten. G-Hot kommt da beinahe wie ein Spätzünder her.

G-Hot Stellungnahme zu Keine Toleranz

Keine Frage: Nicht alles, was gereimt wird, muss so gemeint sein. Keine Frage auch: Homophobe Einstellungen sind in der Gesellschaft weit verbreitet. Ob sie zugenommen haben oder nicht, darüber lässt sich nur spekulieren. Klar ist, dass "schwul" als Schimpfwort deutsche Schulhöfe in den letzten Jahren erobert hat. Studien zu homophoben Einstellungen kamen jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen. Eine repräsentative mündliche Befragung von 12- bis 17-jährigen Jugendlichen vom Marktforschungsinstitut iconkids & youth aus dem Jahre 2002 ergab, dass 61 Prozent der deutschen Jugendlichen gegenüber "Schwulen" und "Lesben" negative Einstellungen haben – sie finden sie "nicht" oder "überhaupt nicht gut". Wilhelm Heitmeyer hingegen stellt – wenn auch geringfügig – abnehmende Werte in punkto Homophobie fest.[1] Relativ klar sein dürfte wiederum, dass männliche migrantische Jugendliche vermehrt schwulenfeindlich sind. Der Sozialpsychologe Bernd Simon von der Universität Kiel stellte das kürzlich in einer Studie fest: Homophobe Einstellungen sind besonders stark bei männlichen Jugendlichen türkischer Herkunft ausgeprägt. Knapp 80 Prozent dieser Gruppe hält es beispielsweise für "abstoßend", wenn sich zwei Männer auf der Straße küssen.

Patriarchale Familienstrukturen, Religiosität und das Gefühl, in einer Gesellschaft nicht integriert zu sein, mögen Gründe für eine verstärkte Abneigung gegen Gleichgeschlechtlichkeit sein. Das Problem sollte dennoch nicht ethnisiert werden, rasch sind hier phänotypische Erkennungsdienste am Werk. Schwulenfeindlichkeit gilt dann als ein Problem von ethnischen Minderheiten per se.

HipHop – Reale Erlebniswelt oder Übertreibungskunst in Reinform?

Seitdem es HipHop gibt, gibt es auch die Debatte darüber, ob schwulen- und frauenfeindliche Entgleisungen nur die Realität widerspiegeln, also von den Interpreten gar nicht so gemeint sind. Zum einen gilt HipHop als reale Erlebniswelt, die wahre Gefühle und Emotionen transportiert und Authentizität verkörpert. Die Interpreten wollen also mit dem, was sie sagen, ernst genommen werden. Zum anderen ist HipHop natürlich Fiktion, Übertreibungskunst in Reinform. Und wer das dann alles glaubt, kann auch gleich auf den Klapperstorch warten.

Blowfly "Who did I eat last night?"

Die Reimzeilen von Bushido, G-Hot, Frauenarzt und Co sind im Grunde eines: Nichts anderes als die Wahrheit. Zwar möchte hier weder Bushido Tunten vergasen, noch ein G-Hot Schwänze abschneiden. Das mag allenfalls eine Zuspitzung dessen sein, was für viele ein Problem ist, nämlich, dass sich Schwule freizügig zeigen und in einer demokratischen Gesellschaft gleichberechtigt sein wollen. Bushido gibt genauso selbstverständlich zu verstehen, dass Schwule nicht normal seien wie G-Hot unverblümt einräumt, dass es in seinen Kreisen normal wäre, Schwule scheiße zu finden.

Die Entgleisungen im deutschen HipHop sind Teil einer Unterhaltungskultur, in der die Geschlechterfrage zunehmend humoristisch oder durch die Kunst des Übertreibens geklärt wird. Über Mario Barth und Co darf im Abendprogramm gelacht werden. Für die einen ist das ein Festival der Kalauer, für andere spaßig konnotierte sexuelle Belästigung. Die Linguistin Helga Kotthoff resümiert in ihrem Buch Das Gelächter der Geschlechter[2], dass das Kennzeichen dieser spaßigen sexuellen Belästigung sei, dass der Belästiger sich immer wieder mit dem Argument "zurückziehen" könne, er habe nur einen Scherz gemacht. Wer über diesen Scherz nicht lachen kann, gilt schnell als humorlos, prüde und verkrampft. So herrscht gerade bei obszönen Scherzen und dem Spiel überzogener Beleidigung ein gewisser Druck, alles zu tolerieren. Wer Humor hat und wer nicht, definieren die medial Mächtigen.

me so horny

Auch die HipHop-Szene agiert mit sexuell konnotiertem Angriffswitz. Im spielerischen Modus der Beleidigungen werden Realitätsbezüge gelockert, zugleich verfestigt. Wer nicht lacht oder mitmacht, ist Spielverderber, wer mitlacht bestimmt den Diskurs. Das schließt andere zwar nicht gleich aus, schließt aber viele nicht mit ein. Witzigkeit und die Kunst des Übertreibens wird Frauen bis heute nicht im gleichen Maße attribuiert wie Männern. Auch üben sich Mädchen in ihren Cliquen, zu diesem Ergebnis kommt Helga Kotthoff weiter, kaum in aggressiven Angriffsscherzen und auch nicht in dessen Abwehr. Bei Homosexuellen sieht das ähnlich aus. Heterosexuelle Jungen hingegen sozialisieren sich zunehmend durch Praktiken des Angriffshumors und des gegenseitigen Konterns.

Neue deutsche Battle-Härte und neue Männlichkeit

Dass derzeit nicht Bands wie Blumentopf und HipHop mit Vordiplom en vogue ist, sondern unter die Gürtellinie gehender Machoism-Rap für kleine Jungs, verwundert kaum. Die Ängste der Jugend sind – glaubt man den Shell-Jugend-Studien – gerade die vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg. Hinter vermeintlichen phallischen Triumphen am Mikro steckt in Wahrheit eine panische Angst vor "Entmännlichung" (Horst-Eberhard Richter).[3] Darauf deuten auch die neusten homophoben Entwicklungen in der HipHop-Szene hin: Sie sind Angriff in und Abwehr einer Risikogesellschaft, die zugleich eine Konsensgesellschaft ist, in der alle miteinander sollen, in der Männlichkeit mitunter "neue Männlichkeit" bedeutet und diese Männlichkeit das Weibliche im Manne meint.

Zugegeben: Dieser "neue" Mann ist ein Medienprodukt.[4] Er wurde zu Beginn der 1990er-Jahre von den Medien in der Öffentlichkeit lanciert. Der Sozialwissenschaftler Detlef Pech behält Recht, wenn er in seinem Buch Neue Männer und Gewalt[5] schreibt, dass der Begriff des "neuen Mannes" in den Medien eindeutig negativ konnotiert war. Das Neue an ihm war, was vom tradierten Männlichkeitsentwurf abweicht, zugleich war es mit einem empfunden Machtverlust verbunden; das meinte das Weibliche im Manne, also das, was heute im Jugendjargon als schwul gilt. Gleichwohl muss sich der Mann heute den Gegebenheiten einer umstrukturierten globalisierten Lohnarbeitswelt anpassen, in der als weiblich geltende Kompetenzen, so genannte soft skills, abverlangt werden.

Blumentopf

Die Männer haben erkennen müssen, dass Durchsetzungskraft immer weniger an Körperkraft in einer Gesellschaft gekoppelt ist, in der zunehmend kognitive Kompetenzen gefragt sind. Detlef Pechs Anmerkungen sind in diesem Zusammenhang berechtigt, wenn er resümiert, dass sich mittels der drei großen repräsentativen Studien über Männlichkeit in der Bundesrepublik, die es bislang gab, vor allem eines sagen lässt: dass eine Verlagerung in den Selbstbeschreibungen der Männer stattfindet. Die einstige Zusammenführung von Männlichkeit und Gewalt als Verständnis von Durchsetzungskraft und Macht gilt so nicht mehr. In diesem Punkt treffen sich Pechs Argumente mit denen von Robert W. Connell, der das Konzept "hegemonialer Männlichkeit"[6] vertritt. Connell attestiert der Gesellschaft, dass die Legitimation patriarchaler Macht "zusammengebrochen" sei, wenn es auch ein Patriarchat gibt. Eine weltumspannende Bewegung für die Emanzipation der Frauen sei entstanden. Ähnliches gilt auch für die Homosexuellen, wenn auch in deutlich geringerem Maße.

Weil es Eindeutigkeiten nicht mehr gibt, sind virile Formen von Männlichkeit für viele erstrebenswert. In diesem Punkt muss HipHop in seiner sexistischen Spielweise als plakativer Gegenentwurf in einer Gesellschaft begriffen werden, in der ein veraltetes Männlichkeitsmodell ausgedient hat. Zugleich ist die Spielweise des HipHops an der Demokratie geschult. Die Interpreten wissen sehr wohl um die Aporien ihrer Übertreibung. Sie produzieren Kritik bewusst, sie erwarten sie, nicht selten wird sie erhofft. Dass Bushido gegen Gewalt im Rahmen einer Bravo-Aktion auftritt, obwohl er zuvor den bösen Buben mimte, könnte ein besserer PR-Trick nicht sein.

Die Kritik kam nun jüngst von den Schwulen- und Lesbenverbänden, von CDU, FDP bis zu den Grünen. Alle zeigten sich einigermaßen verwundert bis verärgert, was Bushido, G-Hot und Konsorten in ihrer Freizeit so alles reimen können. Dabei wird an ihnen exemplarisch nur deutlich, was für einen Teil der HipHop-Szene schon immer galt: dass es keine völlige Gleichberechtigung gibt und auch nicht geben soll. Pädagogen, Sozialarbeiter und Akteure der HipHop-Szene selbst haben migrantische Jugendliche jahrelang von rassistischen Topoi und verbalen Fehltritten freigesprochen. Wer "ausländisch" war, konnte nicht "ausländerfeindlich" sein. Über Sexismus redete man erst gar nicht, zu schnell wurde der Vorwurf erhoben, hier beschuldige eine Majorität die Außenseiter der Bundesrepublik, das sei dann rassistisch. Zudem wurde Sexismus im Gegensatz zu Rassismus immer als Bagatelle abgehandelt, schließlich gab es die Forderung eines Ausschlusses des anderen Geschlechts aus einer nationalen Gemeinschaft nicht, vielmehr einen Einschluss unter männlichen Vorzeichen. Und wenn die Jugendlichen in den Jugendklubs die Mikros in die Hand nahmen und zum Rappen ansetzten, dann war das schon ein Beitrag zur Integration.

Das war gut gemeint, ist aber falsch verstanden worden. HipHop war nie dezidiert links. Ein Teil der HipHop-Szene gab sich immer schon bewusst offen geldgierig, war mit konkurrenzkapitalistischen Regeln per Du, nur eben bemüht, Straßengewalt in Wortgewalt zu verwandeln, scherte sich aber einen Dreck um politisch korrekte Worte und Liebeserklärungen an eine offene, freie und demokratische Gesellschaft.

Homophobie als Angriff auf eine freie demokratische Gesellschaft

In der Tat: Die Zunahme von homophoben Reimen im deutschen HipHop mag eine neue Dimension sein. Sie sind ein Angriff auf eine freie, demokratische Gesellschaft, in der Schwule auch Bürgermeister werden und Frauen nicht nur Hosen anhaben, sondern längst die besseren Schulabschlüsse mit nach Hause bringen. Sie sind eine Reaktion auf eine Schrittweise rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen, die zugleich Konkurrenz bedeutet und Angst macht.

Homophobe Einstellungsmuster gehen also keinesfalls mit einstigen juristischen Restriktionen einher, zumindest nicht in der westlichen Welt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Homosexuelle als Typus zunächst klar definiert – sowohl aus medizinischer Sicht als auch in Form vermehrter rechtlicher Abgrenzung, wenngleich das erste bekannte gesetzliche Verbot sexueller Beziehungen zwischen Männern unter Androhung der Todesstrafe aus dem Jahre 550 vor Christi stammt. Heute koexistieren homophobe Einstellungen mit rechtlichen Zusprüchen an die Homosexuellen. Sie sind ein Abwehrreflex auf deren Akzeptanz in der Gesellschaft, in der Spaßkultur auch Wertekick heißt, in der Aus- und Abgrenzung Teil einer spaßzentrierten Erlebniswelt sind.

Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Ventil Verlags, Mainz. Der komplette Text erscheint im Februar 2008 in testcard # 17 "Sex", ISBN 978-3-931555-16-0

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