Nebeneffekte

05.01.2008

In der Politik werden wie in der Technik Nebeneffekte kaum zu umgehen sein, aber der Umgang mit ihnen müsste ein anderer sein

In der Informatik bedeutet Nebeneffekt (auch Seiteneffekt, side effect genannt), dass eine Funktion nicht einfach ein Ergebnis zurückliefert, sondern zugleich einen über die Funktion hinausreichenden, also globalen Zustand – eine globale Variable, ein der Funktion übergebenes Argument oder den Inhalt einer Datei oder eines Ausgabemediums – verändert. Zwei gleich aussehende Funktionsaufrufe können damit ganz unterschiedliche Wirkungen haben, und auch die Abhängigkeit von der Reihenfolge, in der Funktionen ausgeführt werden, wächst

Das folgende Beispiel veranschaulicht die Problematik von Seiteneffekten :

(a = 1) + (a = 2)

Angenommen a hat vorher den Wert 0. Welchen Wert hat a nachher?

Die Antwort ist: 1 oder 2. Die Seiteneffekte der beiden Zuweisungen konkurrieren im obigen Ausdruck. Das Resultat hängt davon ab, welcher Summand zuerst ausgewertet wird. Das wiederum bleibt Privatsache des Compilers: Er kann die Reihenfolge nach Belieben wählen.

Die tatsächliche Wirkung einer Funktion ist damit schwerer abzuschätzen, das Verständnis eines Programms wird erschwert. Zu den Prinzipien guter Programmierung gehört es daher, Nebeneffekte so weit wie möglich zu vermeiden. Hier geht es nun nicht um Nebeneffekte in der Informatik, sondern um die Tatsache, dass sich dieses Konzept verallgemeinern lässt.

In der Informatik wurden Regeln entwickelt, um Nebeneffekte zu verhindern: es wird beispielsweise auf die Verwendung globaler Variablen weitgehend verzichtet. Überall dort, wo Programme mit Welt konfrontiert sind – immer dann, wenn sie Wirkungen erzielen sollen! –, sind Nebeneffekte allerdings nicht vermeidbar.

Das gilt auch, wenn die Programme weggelassen werden. Die Regeln und Regelmäßigkeiten menschlicher Gesellschaften haben, um im Bild zu bleiben, algorithmischen Charakter, und sie sind zugleich auf Wirkungen ausgelegt. Das gilt für Kochrezepte wie für Rechtsvorschriften.

Nebeneffekte sind nicht auf das technische Feld beschränkt

Derartige "Programme" sind nun aber in zweierlei Hinsicht immer auf globale "Variablen" angewiesen. Zum einen stellt die Materialität unserer Welt per se eine Globalität dar, ob uns das bewusst ist oder nicht. Zum anderen lässt sich neben der Materialität so etwas wie der globale Diskurs – oder eine Vielzahl von vernetzten Diskursen – finden: Das Wissen von Menschen und Gesellschaften ist nicht isoliert, sondern vom Wissen anderer abhängig, und ändert sich dementsprechend, wenn darüber gesprochen wird, was natürlich andauernd passiert. Das Lesen dieses Artikels ist ein Beispiel dafür. Kurz gesagt: menschliche Praktiken sind auf materielle und diskursive Wirkungen hin ausgelegt, und damit hochgradig anfällig für Nebeneffekte. Die "Ausführung" eines Kochrezeptes mag als Beispiel dafür dienen: Der Elektro- oder Gasherd erwärmt in der Regel nicht nur das Essen, sondern reduziert zugleich die Menge fossiler Ressourcen, die der Menschheit zur Verfügung stehen.

Anthony Giddens und Ulrich Beck haben diese Idee mit dem Begriff der nicht-intendierten Konsequenzen des Handelns aufgenommen und postulieren eine "globale Risikogesellschaft", in der die Nebenwirkungen moderner Handlungsformen selbst Risiken generieren, auf die sich das Handeln spätmoderner Gesellschaften einstellen muss. Im ökologischen Bereich ist dies schnell nachvollziehbar: Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) erschienen so lange als idealer Treibstoff für Spraydosen und als Kühlmittel für Eisschränke, bis deutlich wurde, dass die Emission von FCKWs die Ozonschicht der Erde abbaut. Lokales Handeln – die Herstellung und der Gebrauch einer mit FCKW betriebenen Spraydose – produziert damit einen "globalen Nebeneffekt", der wiederum, in diesem Fall wohl erfolgreich, neue Handlungsweisen, politische Regulationen und gesellschaftliche Institutionalisierungen nach sich zieht und notwendig macht. Ähnliches ließe sich über den Treibhauseffekt als sicherlich nicht intendierter Nebeneffekt der industriellen Produktionsweise sagen.

Nebeneffekte sind aber nicht auf das technologische Feld und die damit verbundenen ökologischen Konsequenzen (und die Versuche, diese politisch einzuhegen) begrenzt. Auch der Versuch, in einer komplexen, ausdifferenzierten Gesellschaft politische Reformen umzusetzen, führt zu Nebeneffekten verschiedenster Art. Sicherlich gibt es Grauzonen. Aber nicht alle Grausamkeiten eines Gesetzes müssen der Intention der Politikerinnen und Politiker zugerechnet werden. Viele Wirkungen von Gesetzesvorhaben sind nicht geplant und werden tatsächlich nicht vorhergesehen. Nachher lässt sich zwar prima darüber streiten, ob diese Nebeneffekte nicht doch von vorneherein absehbar gewesen wären, und von "der Politik" bewusst übersehen wurden.

Statt Problemlösung das Modell Realexperiment?

Festhalten lässt sich trotzdem, dass das Zusammenwirken neuer rechtlicher Setzungen mit den existierenden Institutionen und individuellen Intentionen häufig vorher nicht eingeplante – und teilweise wohl auch nicht einplanbare – Effekte zeitigt. Was in der Logik eines Teilsystems sinnvoll aussieht, erweist sich in der Konfrontation mit anderen gesellschaftlichen Logiken als in seinen Wirkungen unvorhergesehen. Dazu kommt die menschliche Fähigkeit, das eigene Verhalten an neue soziale Setzungen anzupassen; die Gesellschaft folgt keinen unveränderlichen Naturgesetzen, sondern zeichnet sich durch eine Dynamik ihrer Logiken aus. Ein Beispiel hierfür sind die immer wieder fehlschlagenden Versuche, "Steuerschlupflöcher" zu schließen.

Auch die Hartz-Gesetzgebung zeigt die Bedeutung der sozialen Nebeneffekte politischer Reformvorhaben. Zumindest ließe sich argumentieren, dass die Intention des Gesetzgebers bei der Zusammenlegung von Arbeit und Sozialhilfe es nicht war, neue soziale Stigmatisierungen zu schaffen, durch Bedarfsgemeinschaften den Wohnungsmarkt und die Regeln des Zusammenlebens zu verändern oder das neue Instrument der unsinnigen Qualifizierungsmaßnahme als Sanktion einzuführen.

Oder ein anderes Beispiel, die sogenannten Bologna-Reformen im Hochschulwesen, also die Einführung von Bachelor und Master als neue Studienstruktur. Eine immer wieder geäußerte politische Motivation für den Bachelor war die Erhöhung der studentischen Mobilität innerhalb Europas. Tatsächlich führt die Studienstruktur, die durch die engen zeitlichen Vorgaben des Bachelors und die strikte Orientierung an ständig zu erbringenden Prüfungsleistungen gegeben ist, dazu, dass die freie Mobilität der Studierenden eher abnimmt. Auch die Spezialisierung der einzelnen Bachelor-Studiengänge und die Gliederung in untereinander kaum vergleichbare Module reduziert die Freiheiten in der Anerkennung "ausländischer" Studienleistungen. Einige der Effekte des Bologna-Programms führen also dazu, dass genau das, was damit eigentlich angestrebt war, erschwert wird. Ein drittes, noch einmal ganz anders strukturiertes Feld: ein Nebeneffekt der Kriminalisierung und Bekämpfung des Drogengebrauchs ist die Erschwerung von Prävention aufgrund der Illegalität und ein vermutlich höheres Preisniveau.

Wenn nun aber Politik und Gesellschaft so stark durch die Problematik der ökologischen wie sozialen Nebeneffekte und unvorhergesehenen Wirkungen gekennzeichnet sind, dann ist es falsch, hier vor allem "handwerkliche" Fehler und böse Intentionen zu sehen. Die mag es auch geben, aber letztlich erscheint es doch als plausibel, dass die Komplexität gesellschaftlicher Dynamiken zu einem weit höheren Maße dazu beiträgt, dass technische und politische Innovationen häufig unvorhergesehene Folgen haben.

Wenn das so ist, reicht es allerdings nicht mehr aus, genau – etwa im Sinne der Technikfolgenabschätzung – zu überprüfen, was die möglichen Konsequenzen derartiger Innovationen sein könnten. Das ist zwar weiterhin notwendig (und eben nicht nur für neue Technologien, sondern eben auch für politische Innovationen), aber erscheint nicht als ausreichend. Vielmehr müsste die Politik sich von einem algorithmischen Problemlösungsdenken entfernen: Gesellschaftliche Probleme sind nie endgültig gelöst, sondern brauchen eine Form des politischen Umgangs, die es ermöglicht, immer wieder beobachtend und steuernd einzugreifen, also auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren. Dafür sind entsprechende Spielräume für die jeweiligen Institutionen notwendig (möglicherweise ist hier ein geringeres Maß an Regulierung effektiver als der Versuch einer politischen Detailsteuerung).

Zugleich könnte das Paradigma des Experiments die Vorstellung der Problemlösung ablösen. Matthias Groß, Holger Hoffmann-Riem und Wolfgang Krohn haben – wiederum vor allem auf den ökologischen Bereich bezogen – hierfür den Begriff des Realexperiments geprägt: die Implementierung von (technischen, aber ebenso politischen) Maßnahmen unter unbekannten Randbedingungen. Ein derartiger Paradigmenwechsel hätte nicht nur die Konsequenz, sich als Gesellschaft die Problematik des Operierens unter Nicht-Wissen über Nebeneffekte bewusst zu machen, sondern würde auch bedeuten, dass an politische Innovationen und Lösungsversuche ein hoher Anspruch bezüglich ihrer Veränderbarkeit, Reversibilität und Robustheit zu stellen wäre. Neben den bereits erwähnten institutionellen Spielräumen und der Umsetzung von Politik als einer wissensgenerierenden Beobachtung mit der Möglichkeit, bei Bedarf Parameter zu verändern und zu lernen, würde zu einem solchen Paradigmenwechsel vor allem auch ein gehöriges Maß an Pragmatismus gehöre.: Das Festhalten an nicht funktionierenden Ansätzen aus Gründen der Gesichtswahrung wäre damit nicht kompatibel.

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