Der Körper als Speicher

Claudia Hempel 25.12.2007

Klaus Theweleit über Hirnforschung, das Unbewusste und die Realität

Klaus Theweleit, 1942 geboren, studierte Germanistik und Anglistik und wurde 1977 mit seiner Promotionsarbeit "Männerphantasien" über die Wissenschaftsgemeinde hinaus bekannt. Dort hinterfragt er, welcher Typ Mann sich besonders widerstandslos in den faschistischen Wertekanon integrieren ließ. Aus diesen Überlegungen heraus entwickelte Theweleit eine umfassende Analyse von Macht- und Kolonialisierungsstrukturen vor der Folie von Kunst, Psychoanalyse und neuerdings auch der Hirnforschung. In einer seiner jüngsten Publikationen umreißt er das Beziehungsgeflecht zwischen neuen Medien, Künsten und den daraus folgenden Veränderungen unserer Gehirnstruktur. Klaus Theweleit ist derzeit Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und Lehrbeauftragter am Soziologischen Institut in Freiburg. Im Rahmen des Dresdner Medienfestivals Die Elektrifizierung der Gehirne war der Kulturwissenschaftler zu Gast.

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Herr Theweleit, bisher haben Sie sich vor allem mit Literatur, Kunst und Film beschäftigt. Seit einiger Zeit spielt nun auch die Gehirnforschung eine wichtige Rolle in Ihren kulturtheoretischen Analysen. Warum?

Klaus Theweleit: Warum? Warum? Oh Gott!

Reiht sich Klaus Theweleit damit in einen Hype ein, da doch heutzutage scheinbar jeder über Gehirnforschung redet und schreibt?

Klaus Theweleit: Die Frage könnte doch aber auch andersherum lauten: Warum erlebt denn die Gehirnforschung gerade so eine immensen Aufschwung? Das hat doch Ursachen. Ich sehe das für meine Arbeit nicht als eine Differenz oder einen Bruch, sondern als Kontinuität. Wenn man, wie ich, vom Film- oder Kinodenken kommt, dann muss man einfach anerkennen, dass dort die einschneidenden Veränderungen im 20. Jahrhundert in Bezug auf Gehirnveränderung passiert sind. Die Bilder des Kinos sind doch ganz anders ins Gehirn gegangen als zum Beispiel die Literatur! Und dazu kam auf einer anderen Ebene noch die Popmusik. Dort spielen einfach unbewusste Prozesse eine Rolle, die bisher vermutet wurden, jetzt aber von der Gehirnforschung experimentell bewiesen werden können.

Der Begriff des Unbewussten galt ja lange Zeit als versponnene Idee, die nett gedacht, aber nicht zu beweisen sei…

Klaus Theweleit: Ja, genau.

…und plötzlich taucht das Unbewusste als ernsthafter wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand wieder auf und erlebt eine Renaissance.

Klaus Theweleit: Nicht nur das Unbewusste - überhaupt die ganze Psychoanalyse. Freud hat ja nicht umsonst Theorien der Hirnfunktionen zu schreiben versucht. Er hat sie letztendlich nicht veröffentlicht, weil er meinte, die Forschung sei nicht weit genug, um damit wirklich arbeiten zu können. Aber er hat mit vielen Theorien spekuliert und viele Ideen, so stellt sich jetzt heraus, sind nicht falsch, sie werden heutzutage eher bestätigt. Das ist auch der Grund, warum ich mich mit der Hirnforschung beschäftige, weil von ihr Ergebnisse über Dinge kommen, die man seit langem weiß oder ahnt, jetzt aber erst können sie wissenschaftlich erklärt werden.

Ich weiß gar nicht, was Realität sein soll

Die Analyse von Hirn- und Denkstrukturen hat Sie aber noch auf eine andere Fährte gestoßen. Nicht nur in unserem Gehirn finden Transformationsprozesse statt, sondern Sie sagen, es gibt durch neue Eindrücke und Bilder auch eine körperliche Veränderung. Was meinen Sie damit?

Klaus Theweleit: Wenn ich jemanden wie Robert Jourdain zitieren darf, einen Gehirnforscher und Musikwissenschaftler, der viel über das Speichersystem geschrieben hat, nicht nur im Gehirn, sondern auch im Kortex und im Limbischen System und eben auch im Körper. Er sagt dass mit jeder Aufnahme von Tönen auch ein körperlicher Reflex einhergeht. Das trifft sich mit einer Vermutung oder Beobachtung von mir, wenn ich sage, der Körper speichert. Ich habe das bei meinen eigenen Texten gesehen, den Texten über den soldatischen Mann oder über Literaten oder Schriftsteller. Dort hat sich bei mir der Eindruck gestärkt, hier drückt sich auch eine ganz bestimmte Körperlichkeit aus. In meinem Buch Männerphantasien habe ich gezeigt, dass dieses ganze faschistische Denk- und Handlungssystem nicht primär aus einer Denksystematik kommt, sondern aus körperlichen Reflexen oder körperlichen Zwängen muss man sogar sagen.

Diese ganze faschistische Art und Weise, sich gegenüber der Welt zu verhalten, also Realität zu produzieren, das ist nicht Ausdruck einer Ideologie, die man die "faschistische" nennen kann, der man gewissermaßen beitritt, sondern das basiert auf körperlichen Zwängen. Ich habe die körperliche Zurichtung dieser Leute beschrieben, also Drill, Prügel und Strafen, und gezeigt, welche Sorte Ängste daraus entstehen, welche Sorte Besetzungen des eigenen Körpers, welche Möglichkeiten von Liebe und Nichtliebe, welche Zwänge zum Hass und Töten.

Und wenn das durch körperliche Zwänge ausgedrückt wird, dann muss es ja irgendwie in den Körper hineingekommen sein, durch die Behandlung, die er erfahren hat. Daraus habe ich dann sozusagen geschlossen, dass der Körper diese Behandlung gespeichert haben muss, die er später ausdrückt. Und genau das finde ich in Büchern von Hirnforschern wieder, die diesen Prozess auch experimentell nachzuweisen versuchen, dass nicht Hirn und Bewusstsein - der sogenannte Geist, der früher immer dem Körper gegenüber gestellt wurde, was mir immer schon sehr suspekt erschien -, sondern dass der Körper selbst diese letzte Speicherinstanz ist, in seinen Organen, im Gewebe, in der Muskulatur, beziehungsweise, was annähernd in dem Wort Psyche oder Seele benannt wird.

Das ist ja auch ein Ort, den man chirurgisch nicht finden kann, da dies aus dem Zusammenspiel zwischen Körper und Geist passiert. Meiner Meinung nach arbeiten Körper und Geist in diesen Prozessen immer zusammen, aber der Körper ist nach wie vor offenbar das Primäre - also sowohl Speichermedium, als auch das, was den Menschen zum Handeln antreibt, zusammen mit dem Unbewussten, den gespeicherten Aufnahmen, also bestimmte Eindrücke, die so stark in der Person sind, dass sie immer weiter wirken.

Dass das so ist und dass diese unbewussten Prozesse unser Handeln mehr bestimmen, als das bewusste Handeln selber, auch das ist eine Bestätigung von Freud, die von den Hirnforschern heute gemacht und unterstrichen wird. Und weil das so ist, und weil das genau die Dinge berührt, die ich schon immer "gedacht" oder "gewusst" oder "gespürt" habe, und nun diese Belege aus der Hirnforschungsliteratur dazu stoßen, ist das für mich eine unheimlich brauchbare und vor allem fruchtbare Quelle.

Was bedeutet das für den Realitätsbegriff?

Klaus Theweleit: Der herkömmliche Realitätsbegriff existiert für mich schon lange nicht mehr. Ich weiß gar nicht, was das sein soll.

Also die Unterscheidung zwischen real und irreal, bzw. virtuell ?

Das gibt es nicht. Es gibt einfach verschiedene Sorten von Realitäten, von denen eine nicht realer ist als die andere. Die so genannten geistigen Prozesse und die so genannten artistischen Prozesse - ob ich mit dem Computer umgehe, ob ich mit den Füßen gehe, ob ich in einen Apfel beiße, einen Film sehe… das sind alles verschiedene Sorten von Realität, aber davon ist nicht eine realer als die andere. Es gibt keine wirkliche oder objektive Realität. Das sind alles nur Begriffssysteme, die versuchen, das zu unterteilen. Sie sind durchweg unbrauchbar. Davon habe ich mich schon lange verabschiedet.

Kann man dann sagen: Ähnlich wie Freud haben Sie also bestimmte Dinge vermutet und konstatiert, ohne wirklich brauchbare Belege dafür von der Wissenschaft zu bekommen.

Klaus Theweleit: Die Hirnforschung war einfach bis vor 10 oder 15 Jahren sehr mangelhaft in ihren Ergebnissen und damit war sie einfach unbrauchbar. Wer wirklich wissen wollte: Wie funktioniert das Bewusstsein? Wie funktioniert das Unbewusste? Wie funktionieren die Zusammenhänge zwischen den beiden, wie funktioniert die Wahrnehmung? Wie wird diese wiederum durch die verschiedenen Medien und Künste beeinflusst? - der blieb mit den Antworten, welche die Hirnforschung bis vor kurzem geben konnte, ziemlich ratlos zurück. Dazu hat die Hirnforschung früher fast nur Unsinn sagen können. Sie hat solche Fragen immer überheblich abgewehrt.

Seit 10 bis 15 Jahren aber ist da eine Veränderung passiert. Nicht nur die Stellung Freuds ist revidiert worden von Forschern, wie Gerhard Roth und anderen, sondern sie kommt auch langsam an die Fragen heran, die wichtig sind, wenn man sich mit Künsten beschäftigt: Was verändern Medien und Künste in der Person? Wie verändert man sich durch Medien und Künste? In welche Metamorphosen kommt man? Die Forscher sind ja heutzutage schon soweit, dass sie diese Veränderungen anhand von Veränderungen innerhalb der Zellstrukturen beschreiben können. In dem Moment wird es dann wirklich interessant. Das ist wirklich das Neue, nicht die Frage selbst, denn die Frage selbst ist immer da gewesen.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26844/1.html
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