Das Gespenst der Stagflation

17.12.2007

Ein Ende der Krise um die Immobilienkredite ist noch nicht abzusehen

Mehrfach hatten Politiker und Finanzexperten schon das Ende der Krise beschworen, die über die faulen US-Immobilienkredite aufgebrochen ist (Subprime-Krise: Credit Crunch erreicht Asien). Doch ihr Ende ist noch nicht absehbar. Gerade wurde die Sachsen LB vor der Pleite gerettet. Die Schweizer UBS hat sich mit der Abschreibung von mehr als 14 Milliarden Dollar in die schlechte Gesellschaft von Merrill Lynch und Citigroup begeben, die gerade 49 Milliarden Dollar als Risiko in die Bücher übernommen hat. Es ist die Zeit des Krisenmanagements. Die EZB hält trotz hoher Inflation das Zinsniveau noch aufrecht und die USA wollen säumigen Schuldnern unter die Arme greifen, um Schlimmeres zu vermeiden. In einer konzertierten Aktion schießen nun die wichtigsten Zentralbanken Milliarden in den Markt, um die Liquiditätsengpässe zu mildern. Derweil mahnt der EU-Kommissar für Wirtschaft und Währung Joaquín Almunia vor dem Schreckgespenst einer Stagflation.

So wie die Wirtschaft in Zyklen verläuft, so zyklisch sind auch die Botschaften, die seit dem Ausbrechen der Subprime-Krise immer wieder davon sprechen, dass die Krise eigentlich schon überwunden sei. Das gilt stets bis zur nächsten Horrormeldung über Milliardenabschreibungen, welche scheinbar unerwartet die eine oder die andere Bank trifft.

Doch dann gibt es heftige Reaktionen an den Börsen, wenn, wie in diesen Tagen gemeldet wird, auch die große Schweizer UBS zu denen gehört, die sich heftig im Gewirr des Subprime-Markts verspekuliert haben. Die größte Schweizer Bank räumte ein, sie müsse weitere zehn Milliarden Dollar abschreiben und kündigte für 2007 rote Zahlen an. Schon im dritten Quartal hatte die Bank einen Verlust von mehr als 700 Millionen Franken verbucht. Der Haussegen hängt schief in dem als so sicher geltenden alpenländischen Finanzplatz. Schon zuvor war die Credit Suisse betroffen, wenn auch (bisher) nur halb so stark wie die UBS. Heftig in Mitleidenschaft wurde auch der Rückversicherer Swiss Re gezogen.

Unter großem politischen Druck wurde am Donnerstag ein Rettungspaket für die angeschlagene Sachsen LB geschnürt, bei der nach Angaben des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) Risiken im Umfang von gut 17,5 Milliarden Euro abgesichert werden müssen. Die Sachsen LB wird durch die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) für 328 Millionen Euro übernommen. Das Land Sachsen, mit einem Jahreshaushalt von 16 Milliarden Euro, haftet mit einer Bürgschaft von 2,75 Milliarden Euro, falls es zu Verlusten komme. Fallen die Verluste höher aus, hafte die LBBW für weitere 6 Milliarden. Danach springen die übrigen Landesbanken ein, falls die Verluste sogar noch über 8,75 Milliarden Euro liegen sollten.

Wie hoch der Schaden ausfällt, wird erst klar, wenn die zweifelhaften Papiere fällig werden. Der Kompromiss war ausgehandelt worden, um eine Bankenpleite abzuwenden. "Es hätte wohl auch eine Erschütterung gegeben im Bankwesen in Deutschland und Europa", sagte Baden-Württembergs Finanzminister Gerhard Stratthaus (CDU) gegenüber dem SWR.

Vertrauen zu schaffen, dass Bankensystem doch nicht so marode ist, wie es scheint, das ist eine der wesentlichen Aufgaben, die derzeit angegangen wird. Vertrauen will auch die US-Bank Citigroup schaffen. Hatte sie bisher schon 17 Milliarden Dollar abgeschrieben, macht sie nun auf Sauberbank und nimmt weitere 49 Milliarden Dollar in die eigenen Bücher, die sich noch als Verluste entpuppen können. Nur zwei Tage nach seinem Amtsantritt hat der neue Citigroup-Chef Vikram Pandit den Kurswechsel bestimmt. Derlei Summen zeigen an, welche Risiken noch in außerbilanziellen Gesellschaften (SIVs) liegt, in die diverse Banken Risiken verschoben haben.

In einer konzertierten Aktion betätigen sich auch die Notenbanken weltweit als Finanzfeuerwehr. Gemeinsam treten sie an, um den Liquiditätsproblemen auf den Geldmarkt zu begegnen. Die fünf großen Zentralbanken bieten in einer gemeinsamen Aktion zusätzliches Kapital an. Mit Milliardenkrediten springen die US-Notenbank Fed, die amerikanische Zentralbank, die Europäische Zentralbank (EZB), die Bank of England (BoE), die Schweizer Notenbank (SNB) sowie die Bank of Canada (BoC) den Banken bei. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA ist es nicht zu einer derartigen Aktion gekommen.

Auch das kann als Beleg dafür gewertet werden, dass die Krise noch größere Ausmaße annehmen wird. In dem Bericht Financial Stability Review zeichnet auch die EZB kein positives Bild:

Die Risiken für die Euro-Zone haben sich in den vergangenen sechs Monaten deutlich erhöht. Bis sich die Situation auf dem US-Hypothekenmarkt nicht verbessert, kann die Möglichkeit weiterer Spannungen auf dem Markt für strukturierte Produkte nicht ausgeschlossen werden, insbesondere dann, wenn sich die Kreditqualität der amerikanischen Hypothekenschuldner verschlechtert.

Warnung vor steigendenden Preisen bei schwächelnder Konjunktur

Die Maßnahmen zur Krisenbekämpfung kommen sich bisweilen aber gegenseitig in die Quere. Gerade ließ die EZB, gegen alle ökonomische Vernunft, den Leitzins unangetastet, obwohl die Inflation auf ein Rekordniveau hochgeschnellt ist (Gibt die Europäische Zentralbank die Preisstabilität auf?). Damit wurde deutlich, dass die Zentralbanker deutliche Auswirkungen auf die Konjunktur erwarten. Die nötige Zinserhöhung hätte der Konjunktur aber geschadet. Allerdings führte der Schritt nicht zur Beruhigung auf dem Geldmarkt oder zu mehr Vertrauen. Der Euribor, der Zinssatz, mit dem sich die Banken untereinander Geld ausleihen, ist gegen die Erwartungen vieler Experten danach nicht gesunken, sondern sogar gestiegen.

Darin drückt sich das Misstrauen der Banken untereinander aus. Das führt dazu, dass viele Banken ihr Geld zurückhalten, weil sie Angst haben, ob sie das verliehene Geld auch wieder zurückbekommen. Das treibt den Euribor in die Höhe, der sich nun schon nahe an der 5 % Marke bewegt und deutlich über dem Leitzins von 4 % Prozent der EZB liegt. Letztlich nimmt der Markt schon zukünftige Zinserhöhungen vorweg, die angesichts der Rekordinflation kommen dürften. Und das zusätzliche Geld, das nun von den Notenbanken in den Markt gepumpt wird, heizt die Inflation weiter an.

So macht sich das Gespenst der Stagflation im Diskurs breit. Diverse Experten sehen das Phänomen schon in den USA aufkommen. Auch wegen der Zinssenkungen steigt dort die Inflation ebenfalls deutlich. So machte das Manager Magazin schon einen Hauch von Stagflation dort aus, wo auch die weltweite Finanzkrise aufgebrochen ist.

Weitgehend unbeachtet blieb, dass niemand anderes als der dafür berufene Joaquín Almunia schon auf Stagflationsgefahren in Europa hinweist. Der EU-Kommissar für Wirtschaft und Währung sprach das gefürchtete Wort am letzten Montag in Spanien aus, um vor dem gefährlichen Prozess zu warnen: Steigende Preise bei gleichzeitig geringem Wachstum.

Damit widerspricht er Berichten wie im Handelsblatt. Die Frage, ob ein Rückfall in die Stagflation der siebziger Jahre drohe, beantwortet die Zeitung mit "Nein". Sie sieht vor allem "Sondereffekte, welche die Teuerung nach oben schießen lassen". In Deutschland treibe die Mehrwertsteuererhöhung die Preise an, dazu kämen der Ölpreisanstieg und die kräftige Teuerung bei Nahrungsmitteln. Doch höhere Ölpreise schlagen sich zeitverzögert über die gestiegenen Transportkosten in einem globalisierten Markt doch wieder in höheren Preisen nieder. Sogar die Produktion und der Transport von Nahrungsmitteln werden dadurch teurer, um von dem Effekt nicht zu sprechen, den die verstärkte Produktion von so genanntem Biosprit auf die Nahrungsmittelpreise hat.

Genau vor der Spirale warnte Almunia. Wenn durch einen externen Preisschock, wie die Verteuerung des Öls, "eine Inflationsspirale in Gang gesetzt wird, dann treten wir in den Prozess ein, den niemand ansprechen will: Die Stagflation, der Alptraum aller". Dabei macht auch er noch schönes Wetter. Er geht davon aus, dass der Euroraum im nächsten Jahr mit einer Inflation von 2,1 Prozent zu rechnen habe, also nur knapp über der Zielmarke der EZB. Danach sieht es derzeit, mit 3,3 Prozent und steigender Tendenz, aber nicht aus.

Besonders warnt Almunia sein Heimatland. Für Spanien wurde am Freitag auch offiziell die Inflationsrate von nun schon 4,1 Prozent % bestätigt. In Ländern wie Spanien zeige sich ein "Problem", denn die Anpassungsmaßnahmen innerhalb der EU "funktionieren nicht so, wie sie funktionieren sollten", sagte Almunia. Mit dem Ansteigen des Euribors verschlimmert sich auch die Lage der stark verschuldeten Familien dort weiter, weil die Hypothekenkredite variabel an den Zinssatz gebunden sind und sich schon fast verdoppelt haben. Die Bautätigkeit ist hier wegen der platzenden Immobilienblase schon fast zum Erliegen gekommen. Die Zahlungsmoral der Schuldner lässt nach und Säumigkeit bei der Kreditrückzahlung erreicht ständig neue Rekordwerte.

Nun sagen Experten voraus, dass in den nächsten zwei Jahren 700.000 Wohnungen auf den spanischen Markt geschwemmt würden, weil sie von den Käufern nicht mehr bezahlt werden könnten oder sich die Gewinnerwartungen nicht realisieren ließen. Das wird die Preisspirale nach unten so richtig in Gang bringen. Dieser Effekt war es, der die Krise am US-Kreditmarkt auslöste und zum Platzen zahlloser schlecht abgesicherter Kredite führte.

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