Das islamische Opferfest

Zum Gedenken an Abraham, der auf Geheiß Gottes statt seines Sohnes ein Schaf opferte, werden zu diesem Fest weltweit Millionen von Schafen geschlachtet

In diesem Jahr fallen die wichtigsten Feiertage zweier Weltreligionen in einer Woche zusammen. Wenige Tage vor dem christlichen Weihnachtsfest zelebrieren Muslime in aller Welt das Opferfest, das, je nach Kontinent, am 18. oder 19. Dezember stattfindet. Wie Weihnachten ist es ein Fest der religiösen Besinnung und der Familie. Weltweit werden Millionen von Schafen zu Ehren Allahs geschlachtet, was die Tierschützer im Westen Jahr für Jahr erneut in Rage bringt.

Foto: A. Hackensberger

In meiner Nachbarschaft in Tanger hört man das Mähen der Schafe von den Dächern, Balkonen und aus Hinterhöfen. Immer wieder steigt einem der rasse Schafgestank in die Nase. Auf der Straße tritt man in die schwarzen Kotperlen der blökenden Tiere. Mit dem Auto unterwegs sieht man Schafe auf den Ladeflächen von Kleintransportern oder im Kofferraum, der einen Spalt weit offen ist, um den Tieren Luft zu geben.

Von der kleinen Herde, die Mustapha täglich auf dem Weg zum Grasen an meinem Haus vorbei treibt, sind nicht mehr viele übrig. "Die Kleineren sind eben nächstes oder übernächstes Jahr dran", sagte der junge Kerl, der sich ansonsten mit dem Verkauf von "steuerfreien" Zigaretten über Wasser hält. "Es hat sich aber gelohnt", fügt er zufrieden schmunzelnd an. "Wie jedes Jahr um diese Zeit." Je nach Größe und Qualität kostet ein Tier zwischen 2500 und 3500 Dirham (250 – 350 Euro). Der Normalpreis liegt unterm Jahr bei 1500 Dirham (150 Euro).

Für viele Marokkaner eigentlich unerschwingliche Preise, aber man spart dafür das ganze Jahr. Wer ein regelmäßiges Einkommen vorweisen kann, dem gibt auch eine Bank einen Kredit für das Opferschaf. Normalerweise ist niemand verpflichtet, der es sich nicht leisten kann, ein Schaf zu kaufen und zu schlachten. Aber der soziale Druck ist groß und man möchte sein Gesicht wahren. Mein Nachbar, ein wohlhabender Mann, ließ sich gleich zwei große Tiere nach Haus liefern. Er will zeigen, was ihn von den Meisten im Viertel unterscheidet: ein gut gefülltes Bankkonto.

In Marokko und Algerien oder auch Tunesien heißt das viertägige Opferfest Eid el Kebir, das "große Fest", weil es einen Tag länger dauert als das "kleine Fest", das am Ende des Fastenmonats Ramadan gefeiert wird. Auf Arabisch wird es eigentlich als Eid ul-Adha bezeichnet, hat aber in vielen Ländern noch andere Namen. In Pakistan und Indien heißt beispielsweise Bakra Eid (Ziegenfest), in der Türkei Kurban Bayram (Opferfest).

Das Eid ul-Adha findet etwa 70 Tage nach dem Ramadan, am Zehnten des islamischen Monats Dhu al-Hiddscha, statt. Zum Gedenken an Abraham, der Ismael, einen seiner beiden Söhne, opfern wollte, jedoch von Gott angewiesen wurde, stattdessen ein Schaf zu schlachten.

An den Feiertagen tragen Muslime beste Festtagskleidung, besuchen die Moschee, Familie und Freunde. Für Kinder gibt es Geschenke. Am ersten Tag wird das Schaf (es geht auch eine Ziege oder ein Kamel) geschlachtet, von dem zuerst die Innereien auf einem Holzkohlegrill gebraten werden. Der Kopf und die Füße werden beim Schmied im glühenden Feuer geröstet, um die Haare abzubrennen, bevor sie zubereitet werden. Der Kopf gilt als Spezialität. Das Fleisch des Tieres soll zu einem Drittel von der Familie gegessen, ein Drittel soll an Freunde gegeben und der letzte Teil an Arme verschenkt werden. Man soll seine Bereitschaft zeigen, Dinge, von denen man einen Nutzen hat, für Gott aufzugeben.

Foto: A. Hackensberger

Schächten ist für Muslime die rituelle Form des Tötens von Tieren

Am ersten Tag des Opferfests sind die Straßen von Tanger wie leer gefegt. Nur die Metzger sind unterwegs. Sie wirken in ihren großen Plastikschürzen martialisch, von Kopf bis Fuß mit Blut besudelt, im Gürtel kleine und lange Messer. Die Schlachter ziehen von Haus zu Haus, um die Tiere fachgerecht zu zerlegen. Normalerweise tötet der Hausherr oder Familienvater das Schaf. Eine Aufgabe, die später auf den Erstgeborenen übergeht. Dabei wird die Kehle durchgeschnitten, ein Gebet gesprochen und das Tier blutet langsam aus. Für Muslime die vorgeschriebene rituelle Form des Tötens.

In Marokko ist es eine Selbstverständlichkeit die Schafe für einige Tage oder sogar Monate im eigenen Garten oder in der Badewanne zu halten und am Festtag auch zuhause zu schlachten. In anderen Ländern, wie etwa im Libanon, Saudi-Arabien oder Abu Dhabi ist das nicht gestattet. Im Schlachthaus von Mina in Abu Dhabi wurden für das Opferfest 150 Metzger zusätzlich eingestellt. In einer Stunde können 300 Tiere geschlachtet werden. In Europa ist man auf einen vergleichbaren Ansturm nicht vorbereitet. Da müssen Muslime für ihre religiösen Bedürfnisse selbst Sorge tragen. Zuerst gilt es ein passendes Schaf zu finden und zu kaufen, danach den Transport ins Schlachthaus zu organisieren, was alleine nicht so unkompliziert ist, wie man vielleicht meinen könnte.

In Belgien wurde ein Muslim auf seinem Weg zum Schlachthaus von einer Polizistin angehalten, weil er das Schaf im geschlossenen Kofferraum seines Autos transportierte. Nach dem Gesetz hätte er es auf dem Rücksitz transportieren müssen. "Sie sagten, ich würde ein Sicherheitsgurt für das Schaf brauchen", erzählte der Betroffene, der jetzt möglicherweise eine Geldstrafe zahlen muss. Die Polizistin sagte später, dass sie einen Witz über den Sicherheitsgurt gemacht habe. In Belgien werden jedes Jahr zum Opferfest 100.000 Schafe geschlachtet, alleine in Brüssel sollen es 25.000 sein.

Die größte Hürde für einen Muslimen am Opferfest dürfte es sein, einen Metzger zu finden, der sich auf die rituellen Regeln des islamischen Schlachtens versteht. Das Tier muss mit dem Kopf Richtung Mekka langsam ausbluten. Eine Betäubung vor dem Durchschneiden der Kehle, wie es aus Gründen des Tierschutzes vorgeschrieben wäre, kommt nicht infrage. Das Tier könnte daran bereits zugrunde gehen. Für dieses so genannte Schächten braucht man eine Ausnahmegenehmigung der Behörden und einen Metzger, der seine Fachkundigkeit nachweisen kann. Für Tierschützer kommt die behördliche Genehmigung des Schächtens einer Lizenz zum barbarischen Töten unschuldiger Lebewesen gleich.

In Marokko und anderen muslimischen Ländern macht sich darüber niemand Gedanken. Nicht zum Opferfest und auch nicht im Alltag. In den Schlachthäusern sterben Tag für Tag viele Tausend Tiere am Blutverlust. Wenn es am 18. und 19. Dezember soweit ist, stehen die Schafe bei meinem Nachbarn angebunden vor der Tür. Bevor eins nach dem anderen ins Haus verschwindet, spielen die Kinder noch mit ihnen, ziehen sie am Schwanz und, wer sich traut, packt eines an den Hörnern.

Die Tiere liegen am Boden, wenn ihnen die Kehle durchgeschnitten wird. Langsam läuft das Blut in den Abfluss. Danach hängt man das Tier auf, häutet es und nimmt die Innereien heraus. Mittag sind überall Rauchschwaden von den Holzkohlegrillen zusehen. Der Duft von gebratener Leber, von Nieren und Herzen liegt in der Luft. Auf den Dächern baumeln die Felle zum Trocken im Wind.

Eid ul-Adha ist nach dem Ramadan der wichtigste Feiertag für Muslime. Da sich der muslimische Kalender nach dem Mond richtet, wandert das Opferfest durch das ganze Jahr. 2008 ist es dann 11 Tage früher, also am 8. beziehungsweise 7. Dezember.

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