Dagobert Duck wird 60

24.12.2007

Der 24. Dezember ist nicht nur ein Tag des Konsums, sondern auch eine Gelegenheit, den berühmtesten Konsumverweigerer zu feiern

Im Dezember 1947 erschien in einem 20-Seiten-Comicheft die Geschichte "Christmas on Bear Mountain" (später von Erika Fuchs als "Die Mutprobe" ins Deutsche übertragen), in der Carl Barks die Figur des superreichen und supergeizigen Scrooge McDuck in sein Enten-Universum einführte. In den Comics selbst wurde Dagoberts Geburtsjahr später auf 1867 gelegt, womit er dieses Jahr seinen 140sten feiern würde.

Bild: © Disney

Die neue Figur war eng an Ebenezer Scrooge aus der Dickens-Weihnachtsgeschichte "A Christmas Carol" angelehnt. Ein weniger bekanntes aber sehr enges Vorbild war bereits in dem Propagandafilm "Spirit of '43" aufgetaucht: Eine mit schottischem Akzent sprechende Ente mit Backenbart, Gehstock und Zwicker, die Donald daran hindern will, sein Geld zu verprassen.



In den deutschen Übersetzungen blieb Scrooge McDuck zwar schottischer Herkunft, die Verwirrung mit dem familienfremden Präfix-Mc (Gälisch für "Sohn des") wollte man dem deutschen Leser aber nicht zumuten - und so wurde aus Scrooge McDuck einfach "Dagobert Duck" oder "Onkel Dagobert".

Mit Dagobert Duck schuf der Zeichner Carl Barks nicht nur seine besten Geschichten, in denen er ökonomische Konzepte anhand von Erfindungen wie der Vierfrucht durchdeklinierte und sich auf seinen Schatzsuchen als Jonathan Swift des 20. Jahrhunderts bewies. Waren die Duck-Geschichten früher auf den Konflikt zwischen den drei Neffen und ihrem Onkel Donald konzentriert, so eröffnete die neue Figur auch ganz neue Möglichkeiten mit denen die Geschichten zu Indiana Jones und James Bond gleichzeitig werden konnten: Bizarre Exotik und noch bizarrere Technologie.

Im Laufe der Zeit entwickelte der Zeichner die Figur als Summe ihrer Schrullen: Je ausgefeilter die Biografie wurde, desto lebendiger erschien Dagobert. Er kann Geld riechen, badet in Geld und sein erster selbstverdienter Kreuzer verfügt über derart viel magisches Potential, dass die Hexe Gundel Gaukeley ihr Comic-Leben lang auf der Jagd danach ist.

Bei der Entwicklung eines schlüssigen Lebensumfeldes für Dagobert bewies Barks immer wieder bemerkenswerte Konsequenz: In "The Paul Bunyan Machine" von 1960 (deutsch: "Hans Hackebeil") wird etwa die Frage gelöst, warum er sein ständig durch die Panzerknacker gefährdetes Geld nicht einfach dem Schutz einer Bank überlässt: Das, so der Schalterbeamte, würde nämlich das Weltwährungssystem durcheinander bringen, weshalb er Hausverbot in der Bank von Entenhausen hat. Deshalb lagert Dagobert sein Geld in einem Geldspeicher, der ebenfalls zu einer popkulturellen Ikone wurde.

Dagoberts Verhältnis zu Geld, Konsum und Ökonomie inspirierte Barks zu seinen besten Ideen - etwa wenn die Figur in der Geschichte "Die Kohldampfinsel" auf die Frage: "Wälzen Sie sich etwa in Gold?" jedes mal wie auf eine sexuelle Perversion angesprochen antwortet: "Darüber möchte ich nicht sprechen (Ahem!)"

Bild: © Disney

Obwohl über seine Religion zu wenig bekannt ist, um Max Webers These von der protestantischen Ethik direkt anzuwenden[1], so ist Dagobert doch eine im wahrsten Sinne des Wortes idealtypische Verkörperung der klassischen These, dass der Kapitalismus auf eine Ethik des Konsumverzichts, der Spar- und Enthaltsamkeit angewiesen war, damit Kapital akkumuliert und Gewinne reinvestiert werden konnten.[2] Gleichzeitig arbeiteten Barks und andere Zeichner die Widersprüche dieses Idealtypus exzessiver aus, als Weber dies gelang.

Dagobert wird in den Geschichten zum Prototypen eines Sammlers, der nicht wegwerfen kann: Ein Rennen mit McMoneysac um den Titel des reichsten Mannes der Welt gewinnt er nur deshalb, weil er ein kleines Stückchen mehr Bindfaden gesammelt hat - und als seine Sekretärin altes Büromaterial aus den 1920er Jahren wegwerfen will, fällt er in Ohnmacht. Auch kleinere Verluste bringen Dagobert an den Rand eines Nervenzusammenbruchs (oder darüber hinaus): Er weint, ergießt sich in Selbstmitleid und zieht sich in sein Sorgenzimmer zurück. In "Der Selbstschuss" bezahlt er sogar Donald als professionelles Klageweib und rügt ihn, als er seiner Aufgabe nicht mit der nötigen Begeisterung nachkommt.

Nicht nur in dieser Hinsicht schlägt seine idealtypische Reinheit häufig ins Unwirtschaftliche um: Der Lustgewinn am Konsumverzicht steht einem vernünftigen ökonomischen Verhalten im Wege: Etwa, wenn er sich weigert, sich eine neue Brille zu kaufen und deshalb auf einer Reise zum Klondike durch seinen Sehfehler viel Geld verliert, oder wenn er sich morgens auf dem Weg ins Büro über hohe Verluste grämt, ihn aber der Zehner, den ihm seine Angestellten regelmäßig vor die Tür legen, damit er ihn "findet", seine Laune schlagartig ins Gegenteil verkehrt.

Besonders in den Weihnachtsgeschichten wie "A Christmas for Shacktown" ("Weihnachten für Kummersdorf") wurden diese durchaus libidinös aufgeladene Freude am eisernen Zusammenhalten des einmal Ersparten immer wieder deutlich hervorgekehrt: Dagobert ist hier mehr als sonst "der unbarmherzige Knauserer, der es nicht so recht lieben lernen will, dieses Fest von Konsum, Kitsch und ausgelassener Fröhlichkeit".

Eine Ethik, die nach den Finanzmarktturbulenzen 2007 auch in der amerikanischen Wirtschaftswelt wieder an Attraktivität gewann: Unter anderem aufgrund des deutlich gestiegenen Goldpreises schaffte es der traditionell konservative Anleger Scrooge McDuck dieses Jahr auf Platz 1 der "Forbes Fictional 15", der Liste der reichsten fiktionalen Figuren aus Film, Fernsehen, Spielen, Comics und Literatur, die das Magazin jährlich erstellt. (Der große Verlierer in der Liste war dieses Jahr übrigens C. Montgomery Burns, für den das Magazin durch die Ereignisse aus dem Simpsons-Film herbe Vermögenseinbußen errechnete). Den früher in der Liste aufgeführten Weihnachtsmann nahm das Magazin bereits 2006 den Kindern seiner Leser zuliebe heraus - er wird nun ganz offiziell als "echt" gewertet.

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