Kriminalität geht zurück, Gewaltkriminalität von Jugendlichen steigt

17.12.2007

Nach einem Bericht für die Innenministerkonferenz nimmt die Zahl der jugendlichen Gewalttäter, die schwere Körperverletzung begehen, zu, Grund dafür könnte aber auch ein Sinken der Toleranz gegenüber der Gewalt und höhere Anzeigenbereitschaft sein.

Nach dem Bericht "Entwicklung der Gewaltkriminalität junger Menschen mit einem Schwerpunkt auf städtischen Ballungsräumen" der Bund-Länder-AG für die Innenministerkonferenz ist zwischen 1997 und 2006 zwar die Gesamtkriminalität der Jugendlichen um 4,3 Prozent trotz eines leichten Bevölkerungsanstiegs zurückgegangen, die Gewaltkriminalität ist hingegen um 15,6 Prozent gestiegen. Dabei stieg vor allem die Zahl der gefährlichen und schweren Körperverletzungen an.

Vorsichtig wird in dem Bericht jedoch zu bedenken gegeben, dass wirklich gesicherte Aussagen nicht möglich sind. Bei den gemeldeten bei den Fallzahlen und den Tatverdächtigenzahlen sei zwar ein deutlicher Anstieg zu bemerken, kriminologische Forschungen würden jedoch darauf hinweisen, dass die Zahl der erfassten Taten im "Hellfeld" zwar ansteigen kann, aber die Gewaltkriminalität nicht wirklich mehr sein muss, sondern die Ursache für den Anstieg "eine vorrangig aufgrund steigender Anzeigebereitschaft zunehmende Aufhellung des Dunkelfeldes" ist. Weil also mehr Taten gemeldet werden, muss die Zahl der wirklich begangenen Gewalttaten nicht steigen. Überdies würden genauere Einzelheiten über die Gewaltkriminalität von Jugendlichen nur "sehr rudimentär" vorliegen.

Mit dem Rückgang der Gesamtkriminalität in der offiziellen Polizeistatistik – dem Hellfeld – ist die Zahl der Tatverdächtigen nur geringfügig angestiegen. Deutlich weniger geworden sei allerdings die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen, die um rund 130.000 Personen von einem Anteil von 27,9 Prozent auf 22 Prozent zurückging. Rechnet man die nicht dauerhaft in Deutschland lebenden Nichtdeutschen heraus, so sinkt deren Anteil auf 17,4 Prozent. Die Statistik erfasst nur die Staatsangehörigkeit, wird betont, nicht einen möglichen Migrationshintergrund. Trotz des Rückgangs sei der Anteil der nichtdeutschen Tatverdächtigen an den Gesamttatverdächtigen gegenüber ihrem Bevölkerungsanteil von 8,8 Prozent "weiterhin deutlich überrepräsentiert". Weniger wurde auch der Anteil tatverdächtiger Kinder unter 14 Jahren, während die der jugendlichen Tatverdächtigen nur leicht zurückgegangen, die der heranwachsenden aber leicht gestiegen ist.

Der Anstieg der Gewaltkriminalität von 1997 bis 2006 um 15,6 Prozent sei vor allem auf die Zunahme von schwerer und gefährlicher Körperverletzung zurückzuführen. Die Zahl der Tatverdächtigen stieg um 26 Prozent an. Auch hier hat sich der Anteil Nichtdeutscher von 30,1 Prozent auf 24,8 Prozent verringert, auch wenn die Zahl absolut leicht angestiegen ist, deutlich gestiegen sind aber die deutschen Tatverdächtigen von 69,9 auf 75,2 Prozent. Der hohe Anteil der Tatverdächtigen unter 21 Jahren bei der Gewaltkriminalität ist nur um 0,7 Prozent von 42,7 auf 43,4 Prozent gestiegen. Die absolute Zahl von Tatverdächtigen unter 21 Jahren sei aber in allen Altersgruppen stark gestiegen, was bemerkenswert sei, weil der Anteil der Jugendlichen unter 14 Jahren an der Gesamtbevölkerung geringer wurde. Den Hauptanteil stellen Jugendliche. Meistens sind es männliche Tatverdächtige, doch sind "Anzahl und Anteil der weiblichen Tatverdächtiger insgesamt als auch der unter 21jährigen Tatverdächtigen seit 1997 um rund 50% angestiegen".

Wenn die Gewaltkriminalität der Menschen unter 21 Jahren ansteigt, steigt auch die der Zahl der Opfer in dieser Altersklasse an, weil Gewalt vorwiegend untereinander begangen wird. Besonders gefährdet sind die Jugendlichen und Heranwachsenden. Allerdings ist die Gewaltkriminalität nicht in allen Bundesländern gestiegen. So ist sie etwa in Berlin, Brandenburg, Hamburg oder Mecklenburg-Vorpommern gesunken, in Bayern und Baden-Württemberg hingegen um 16 bzw. 17,8 Prozent gestiegen, besonders stark in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen mit um die 28 Prozent. An der Spitze stehen Saarland (47,2%) und Rheinland-Pfalz (49%). Zahlen zu den Ballungsräumen konnten allerdings nicht vorgelegt werden. Im Bereicht heißt es lediglich, dass sich hier unterschiedliche Entwicklungen beobachten lassen.

Die Innenressorts der Bundesländer würden darauf hinweisen, dass bei der Jugendkriminalität oft Alkohol als Ursache mit im Spiel sei. Meist würden die Gewalttaten spontan entstehen, die Auslöser seien meist "Nichtigkeiten oder banale Anlässe", bei den weiblichen Gewalttätern sei jedoch zu beobachten, dass sie stärker planvoll vorgingen. Allgemein lasse sich feststellen, dass Schulen keinen "Brennpunkt" für Gewalttaten darstellen. Auffällig sei, dass die Gewalt, die von Gruppen ausgeht – "gemeinschaftlich begangene Körperverletzung" – deutlich zunehme. Gangs sind hier allerdings offenbar weniger bedeutsam, als "lose, wohn- oder schulnahe Gruppierungen mit wechselnden Mitgliedern, die überwiegend Aggressionstaten innerhalb der jeweiligen Altersgruppe begehen". Straftäter wohnen, unabhängig von ihrer Nationalität, "auffallend oft in sozialstrukturell benachteiligten Wohngebieten". Kriminologische Studien würden auf eine "höhere Gewaltbelastung männlicher Jugendlicher" hinweisen, wovon besonders Jugendliche mit einem Migrationshintergrund betroffen seien, die auch "häufig die Risikogruppe der jungen Intensivtäter" darstellten.

Betont wird ausdrücklich, dass es ungewiss sei, ob die gestiegenen Zahlen tatsächlich auf einen Anstieg tatsächlich begangener Gewalttaten hinweisen:

Den Anstieg der registrierten Delikte führt die kriminologische Forschung überwiegend auf eine gestiegene Anzeigebereitschaft zurück, die sich aus einer sinkenden Toleranz gegenüber auch jugendtypischen körperlichen Auseinandersetzungen und einer vermehrten Inanspruchnahme formeller Konfliktlösungsinstanzen statt informeller Konfliktlösungen ergibt.

Wenn Medien wie die Welt aus dem Bericht dann spektakuläre Folgen ziehen und nur mal nebenbei am Ende auf die wiederholt geäußerte Vorsicht gegenüber den Zahlen und deren Interpretation eingehen, dann wird hier unverantwortlich Angst geschürt und letztlich auch Politik mit der inneren Sicherheit gemacht:

Körperverletzung, Raub, Nötigung: Jugendliche Täter schlagen in den deutschen Metropolen immer öfter zu. Das ergab einer Studie für die Innenministerkonferenz. Demnach nimmt auch die Brutalität der Übergriffe zu.

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