Kristallisationspunkt der Verdunkelung

Krystian Woznicki 26.12.2007

Katastrophen-Konjunktur: Warum der Tsunami im Indischen Ozean ein Lehrstück bleibt

Der 26.12. ist kein Termin, den man zum Anlass nimmt, um sich einen historischen Moment zu vergegenwärtigen. Der Tag ist für viele Menschen nichts anderes als das Ende des Weihnachtsfests und der Anfang von "Zwischen den Jahren". Die Katastrophe, die sich an jenem Tag im Indischen Ozean vor nicht allzu langer Zeit ereignete, ist jedenfalls nicht im Terminkalender vermerkt. Allenfalls ihre Bilder sind im Gedächtnis geblieben – "die Wand aus Wasser", "Leichen in den Palmen", "der Todesstrand" –, kaum zu unterscheiden von Bildern mit vergleichbaren Sujets aus Hollywood-Filmen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Katastrophen-Layout auf Seite 3, Detail, 31.12.2004. Bild-Zeitung

Katastrophen haben Konjunktur. Sie scheinen sich immer öfter zu ereignen, deshalb erscheint es unvermeidbar und logisch, dass sie in aller Munde sind. Im Kielwasser des Katastrophen-Alarms, wie eine Ausstellung betitelt ist, die im März 2008 in den Räumen der NGBK-Berlin stattfinden wird, lassen sich Intellektuelle dazu hinreißen, die "Weltrisikogesellschaft" (Beck) oder den "Katastrophen-Kapitalismus Komplex" (Klein) an die Wand zu malen. Vermag das Großereignis große Thesen und große Visionen zu nähren, so bringt das Großereignis im Plural beziehungsweise im Serienformat proportional größere Monumentalpanoramen der Apokalypse hervor, in denen der Mensch, der sie entwirft, kühn und mutig erscheint, derweil der Mensch, der in ihnen einen Platz als von der Situation Überwältigter zugewiesen bekommt, klein und machtlos ist.

In dieser Rede begräbt die Wucht der Katastrophe den Menschen unter sich und damit den Menschen als emanzipiertes Subjekt, das sich über seine Situation zu erheben und aus der Vogelperspektive die Welt, in die es eingelassen ist, zu durchleuchten vermag. Diese Wucht der Katastrophe ist kein Naturereignis und untersteht schon gar nicht einem Naturgesetz. Es ist vielmehr eine Wucht, die von und in den Medien herbeigeredet wird. Es ist eine Wucht, die die Medien selbst zu generieren im Stande sind, durch Bilder- und Informationsströme. Dies hat die Naturkatastrophe vom 26.12. gezeigt, von der "wir" kaum mehr wissen, ob sie 2005, 2004 oder vielleicht doch schon 2002 stattgefunden hat.

Was als "Todeswelle" und "Sintflut" gehandelt wurde, letzten Endes aber den Namen "Weltbeben" verpasst bekam, war in erster Linie ein Medienereignis und in zweiter Linie ein Naturereignis – falls man hier überhaupt noch so glasklare Grenzen ziehen kann. Es war ein Ereignis, das zwar viele vor Ort erlebten beziehungsweise nicht überlebten, das aber ungleich mehr Menschen im engeren Kreis der Familie neben dem Weihnachtsbaum und vor dem Fernseher sitzend erfuhren. Der unmittelbare Bezug zum christlichen "Fest der Liebe" war nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich gegeben: Das Paradies war in größter Not und somit auch alle christlichen Codierungen, die die Zeichenmaschine des Tourismus in die Postmoderne hinübergerettet hatte.

Unmittelbar nach dem Überfall des Wassers auf das Paradies drängte ein Bilder-Tsunami in die Wohnzimmer und in die Köpfe aller Daheimgebliebenen. Die heile Welt des Paradieses als "Ort der Unschuld" und "Himmel auf Erden" wurde von Grund auf erschüttert, ein Moment, in dem alle Gewissheiten in Zweifel gezogen wurden. Die Orientierungslosigkeit der Menschen, die nicht von dem nassen, sondern von dem trockenen Tsunami erfasst wurden, brachte die Bild-Zeitung mit einer Schlagzeile auf den Punkt: "Gott, wo warst Du?" Die Bilder, welche derartige und andere Sinnfragen geradezu gewaltsam stellten, entfesselten ein Nachbeben der besonderen Art: den Spenden-Tsunami. Er wurde gleichsam ornamental bebildert und schien nach nur wenigen Tagen alle Sinnfragen aus der Welt geschafft zu haben.

Dem Spenden-Tsunami folgte kein philosophisches Nachbeben

Nie zuvor hatte die "Weltgemeinschaft" so schnell gehandelt und so viel gespendet. Die Nebenwirkung: Mit dem Spenden-Tsunami hatte man sich von der Verantwortung für das, was geschehen war und den damit verbundenen Sinnfragen freigekauft. Wie sonst wäre es möglich gewesen, dass ein Redakteur des SZ-Feuilletons in einem GEO-Sonderheft zwei Monate nach dem Ereignis selbstbewusst schreiben konnte: "Mit den Ursachen des Bebens hatte der Mensch nichts zu tun. Punkt." War zu diesem Zeitpunkt der Abstand zu der Katastrophe nicht bereits groß genug, um zu erkennen, dass sie "nicht nur einen Riss im Globus, sondern auch einen Riss im Weltbild verursacht hatte", wie der Philosoph Jens Badura kürzlich auf einem Symposium in Berlin sagte?

Wer nach den "Ursachen des Bebens" fragte, kam eigentlich nicht umhin, dessen Beschaffenheit im Hinblick auf seine unterschiedlichen Dimensionen hin zu befragen: Wie waren die geologischen mit den sozialen Erschütterungen verzahnt? Wie hingen die unterschiedlichen Tsunamis miteinander zusammen? Wo begann die Gewalt der Natur und wo endete sie? All diese Fragen standen unmittelbar nach dem 26.12. im Raum, doch der Spenden-Tsunami setzte den ausschwärmenden Gedanken des Bewusstseins einen "Punkt". Und als bereits drei Monate nach dem Ereignis ein Geschichtsbuch auf den Markt kam ("Tsunami: Geschichte eines Weltbebens"), war die Zeit gekommen, den Fall ad acta zu legen.

Spätestens als die Deiche in New Orleans brachen und sich die Aufmerksamkeit auf ein anderes Desaster verlegte ("Gleichbedeutend mit Fahrlässigkeit"), hatte man mit dem "Weltbeben" abgeschlossen. War das jemals so schnell und umfassend mit einer Katastrophe dieses Ausmaßes geschehen? Doch die Geschwindigkeit der Verdrängungsarbeit ist im "Medienzeitalter" kein Skandal – ohnehin wäre es töricht, die zeitliche Struktur des Ereignisses auf die Beschleunigungslogik zu reduzieren. Ein Skandal vielmehr ist: Keiner der Star-Intellektuellen meldete sich zu Wort, keiner von denen, die sonst jeden Anlass willkommen heißen, um sich ins Gespräch zu bringen und ins Rampenlicht zu rücken: Zizek, Beck, etc. Hätte wenigstens einer von ihnen das Wort ergriffen, wäre dem Spenden-Tsunami ein Sinn-Tsunami gefolgt.

Die intellektuellen Debatten unterstehen heutzutage der Logik der Auktion: Wenn das Anfangsgebot ausbleibt, kommt auch keiner, um es zu überbieten. Deshalb hat das philosophische Nachbeben nicht stattgefunden, das sich durch das Ereignis vom 26.12. und den Folgetagen so sehr aufzudrängen schien. Der Riss im Weltbild wurde stattdessen umgehend gekittet. Der Umgang mit dieser Katastrophe – er erinnert an die kollektive Bearbeitung des Tsunami von 1755 (Als ob der jüngste Tag kommen sey...), weil er dessen polares Gegenteil impliziert: Die aufgeworfenen Sinn-Fragen führten damals zu einer tief greifenden Auseinandersetzung, was das Ereignis zum Kristallisationspunkt der Aufklärung werden ließ.

Das Gegenteil der Aufklärung war schon immer die Verdunkelung. Der (Nicht-)Umgang mit der Katastrophe vom 26.12.2004 zeigt, welchen Grad dieser Prozess heute erreicht hat.

Von Krystian Woznicki erscheint im Kulturverlag Kadmos demnächst das Buch: "Abschalten. Paradiesproduktion, Massentourismus und Globalisierung."

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26930/1.html
Kommentare lesen (20 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Umdenken? Nein danke!

Ein Jahr Tsunami-Katastrophe, der Wiederaufbau in den Krisenregionen und die blinden Flecken der Tourismusindustrie

"In einer neuen Welt gelandet"

Auf ihrer Suche nach Schubladen für den Tsunami vom 26.12.2004 stoßen Historiker auf die Grenzen unserer Ordnungssysteme

"Unglaubliche Fehlverwendung" von Tsunamispenden in Sri Lanka und Indien

Thomas Seibert von der Hilfsorganisation medico international im Gespräch mit Telepolis

Das Paradies wird wieder aufgebaut

Über der Internationalen Tourismus Börse schwebt ein Heilsversprechen

Wiedergeboren in der Hölle

Die Bilder der Flutkatastrophe zeigen nicht nur Opfer, sondern auch Touristen, die ihren Urlaub im Krisengebiet fortsetzen

Katastrophenbilder - mediale Nähe der Tsunamis

"Zeit zum Abschiednehmen bleibt nicht, Verwesungsgeruch liegt in der Luft."

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS