Der Serienkiller als Serienheld

27.12.2007

2008 soll "Dexter" auch im deutschen Fernsehen laufen

Die erste Folge der von RTL 2 eingekauften US-Serie "Dexter" beginnt mit einem Tötungsakt, gefolgt von einem der markigsten Sätze die je einem Serienhelden über die Lippen kamen "People fake a lot of human interactions – but I feel like I fake them all. And I fake them very well." Dann erfährt der Zuschauer, dass der Serienheld auch ein leidenschaftlicher Serienkiller ist, der schon in der Kindheit das Zerteilen von Hunden nicht lassen konnte. Als sein Stiefvater Harry Morgan, ein Polizist, diese dunkle Leidenschaft des kleinen Dexter entdeckt, stellt er ihm ein paar Fragen dazu, was er dabei empfindet, und kommt zu dem Schluss, dass man Dexters Leidenschaft nicht kurieren, wohl aber kanalisieren kann: nämlich auf böse Menschen. Und so bringt er seinem Stiefsohn nicht nur bei, wie man böse Menschen findet, sondern auch wie man sie so tötet und beseitigt, dass einem die Polizei nicht auf die Schliche kommt.

Und so tötet Dexter Kinderschänder, Gangmitglieder und Schlepper, die selbst Unschuldige umbrachten, aber der Justiz entkamen. Bemerkenswert für eine amerikanische Serie ist, dass Dexters Lust am Töten geraume Zeit für sich steht, und bis zum Ende der ersten Staffel nicht durch ein Trauma relativiert wird. Den Letztbeweis für die Schuld seiner Opfer holt sich der Racheengel aus Lust, dessen Urteilskriterien nach eigener Einschätzung strenger sind als die der US-Justiz, meist durch Folter – allerdings lässt er auch Leute laufen, wenn er glaubt, sich geirrt zu haben.

Tagsüber arbeitet Dexter nach einem Mathematikstudium ebenso wie sein Stiefvater bei der Polizei. Als Experte für Blut im Miami Police Department rekonstruiert er anhand von Spritzern und Flecken Tathergänge. Anders als in "Numb3rs" oder "CSI" konzentriert sich die Serie aber nicht auf dieses kriminalistische Handwerk, sondern auf die Person Dexters, die ständig zwischen dem regelmäßigen Nachgehen seiner geheimen Leidenschaft und den Verpflichtungen und Gefahren aus dem Arbeitsleben hin- und herlavieren muss.

Und nicht nur das Arbeitsleben stellt sich als Schwierigkeit dar, sondern auch das soziale. Zu Anfang der Serie unterhält Dexter eine grotesk-platonische Beziehung zu einer allein erziehenden Mutter namens Rita – für ihn optimal, weil sie seit einer Vergewaltigung und der Trennung von ihrem brutalen Ex-Mann kein Interesse mehr an Sex hat. Grotesk ist das Verhältnis unter anderem deshalb, weil Rita aus einer Art Pflichtgefühl heraus glaubt, Dexter doch sexuelle Befriedigung anbieten zu müssen, er jedoch mangels libidonöser Gefühle alles tut, um dieser möglichst unauffällig aus dem Weg zu gehen.

Auf Dexters Polizeirevier arbeiten unter anderem seine ehrgeizige und libidonöse Stiefschwester, die aussieht wie Charlotte Roche, ein ständig Zoten reißender Japaner, der aussieht wie eine Erdnuss, eine stutenbissige Exilkubanerin und die Nemesis Dexters: Sergeant James Doakes, ein bulliger schwarzer Ex-Elitesoldat, der den Helden instinktiv nicht leiden kann und ihm nachspioniert. Im Laufe der Zeit stellt sich immer mehr heraus, dass Doakes bei geheimen Regierungsauftragen im Ausland ähnliche Taten vollbracht hat wie Dexter - und eine Diskussion über Legitimität beginnt. Dabei erscheinen die Motive fast aller Protagonisten mit zunehmendem Wissen über sie immer komplexer.

Insofern ist Dexter die logische Fortführung der positiven Darstellung behördlicher Rechtsbrüche in den US-Serien der letzten Jahre, die aus einer quantitativen Steigerung einen Qualitätssprung macht. Nicht affirmativ wie "CSI", auch nicht hinterfotzig affirmativ wie "24", sondern analytisch: Das perfekte Verbrechen ist am besten unter der Obhut des Staates möglich.

An Referenzen ist die Serie nicht ganz so reich wie die Simpsons, enthält aber immer noch ausreichend Anspielungen, um auch dem Rätselfreund genug Unterhaltung zu bieten: So stammt etwa der Name von Dexters Stiefvater aus Ernest Hemingways "The Old Man and the Sea" – und es lohnt sich, die Gedanken, die Hemingways Figur über das Soziale hegt, mit dem Reden und Handeln von Dexters Stiefvater in Beziehung zu setzen. Dexter selbst bestellt Tierbetäubungsmittel unter dem Decknamen "Dr. Patrick Bateman" aus Bret Easton Ellis' Serienmörderroman "American Psycho". Für Sitzungen bei einem schurkischen Psychologen bedient er sich dagegen des Pseudonyms "Sean Ellis" - offenbar zusammengesetzt aus dem Vornamen von Patricks Bruder Sean Bateman aus Ellis' Werk "The Rules of Attraction" und dem Namen des Autors.

Auch handwerklich ist an der Serie, die auf den Dexter-Romanen von Jeff Lindsay basiert, nichts auszusetzen: weder an der liebevoll ausgewählten Musik, noch an den zahlreichen David-Lynch-artigen Nahaufnahmen. Die Aufbereitung für das Fernsehen erfolgte unter anderem durch den "Sopranos"-Autor James Manos. Die Hauptrolle ist mit Michael C. Hall, den deutsche Fernsehzuschauer als konservativ-homosexuellen Sohn der Totengräberfamilie in "Six Feet Under" kennen, fast mehr als überzeugend besetzt.

Die erste Staffel der Serie erschien in den USA bereits auf DVD – in ungekürzter Fassung. Für die RTL-2-Fassung ist das weniger wahrscheinlich: Der Sender hatte mit John Milius' "Rom" zwar schon 2007 die beste US-Serie des Jahres eingekauft, zeigte sie aber in einer derart verstümmelten Fassung, dass insgesamt eine ganze Folge weniger lief.

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