Kontrollen ohne Kontrolle

Peter Mühlbauer 02.01.2008

Sicherungsmaßnahmen in Flughäfen werden nicht ausreichend auf ihre Wirksamkeit überprüft

Wer am Flughafen schon einmal gefragt wurde, ob er sein Gepäck auch selbst gepackt habe, der wird sich vielleicht gewundert haben, ob irgendjemand diese Frage wirklich schon einmal mit "Nein" beantwortet hat. Möglicherweise verwarf er diese Frage jedoch im festen Glauben daran, dass solche Maßnahmen sicher regelmäßig evaluiert und damit schon ihre Berechtigung haben werden. Laut einem im British Medical Journal erschienenen Aufsatz von Eleni Linos, Elizabeth Linos und Graham Colditz ist genau dies jedoch nicht der Fall.

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Die Drei wollten das "Screening" an Flughäfen nach den Kriterien untersuchen, mit denen vorgeschriebene Präventionsmaßnahmen im Gesundheitsbereich – etwa zur Seuchenbekämpfung – evaluiert werden. Dazu werteten sie die wissenschaftliche Literatur über Flughafensicherheit aus und fanden heraus, dass die Pro-Kopf-Kosten der Flughafensicherheit mit 9 $ etwa tausend mal so hoch sind wie im Bahnbereich - obwohl dort in der Vergangenheit ähnlich viele Attentate stattfanden. Die Mediziner vergleichen dieses Vorgehen damit, bei einer Mammographie nur die Untersuchung der linken Brust zu fordern, obwohl das Brustkrebsrisiko für die rechte genauso hoch ist.

Ein anderes, überraschendes Ergebnis der drei Wissenschaftler war, dass es weder vergleichende Untersuchungen zur Effektivität der Kontrollen der Passagiere, noch zum Durchleuchten des Handgepäcks, zum Einsatz von Metaldetektoren oder Sprengstoffdetektoren gibt. Zwar führte die Transportation Security Administration (TSA) des amerikanischen Department of Homeland Security Stichproben mit Undercover-Agenten durch, in denen sich der Anteil der gefundenen Bombenattrappen von etwa 60% 2002 auf 75% 2007 erhöht haben soll. Über die genaue Methode schweigt sich die TSA allerdings aus. Auch gibt es keine Studien, in denen verschiedene Methoden miteinander verglichen würden.

Zum Röntgen des Gepäcks gab es eine Untersuchung die besagte, dass sehr viel mehr von der Erfahrung des Personals als von der Qualität der Geräte abhängt. Wie bei anderen Röntgenbildern auch, lernen sie die zuverlässige Interpretation erst nach und nach. Ein Ergebnis, dass nicht unbedingt für die derzeitige Praxis spricht, durch Niedriglöhne eine extrem hohe Personalfluktuation zu dulden.

Allgemein versuchte die TSA das Fehlen aussagekräftiger Evaluationsstudien damit zu rechtfertigten, dass den Passagieren mit den Maßnahmen jährlich 13 Millionen verbotene Gegenstände abgenommen werden könnten. Allerdings sagt diese Zahl nichts darüber aus, ob das Außerverkehrziehen von Feuerzeugen (die den überwiegenden Anteil der abgenommenen Gegenstände ausmachen) und Ähnlichem wirklich die effektivste Methode ist, um die Sicherheit in Flugzeugen zu erhöhen, oder ob andere Maßnahmen möglicherweise angemessener wären.

Das Problem stellt sich unter anderem auch deshalb besonders dringlich, weil in den letzten Jahren zahlreiche neue Technologien und Methoden angepriesen, ausgeschrieben und verkauft wurden, die versprachen, die Sicherheit zu erhöhen.

Dazu gehört beispielsweise das GE-Security-Produkt Secure Registered Traveler (SRT), das bereits in mehreren amerikanischen und europäischen Flughäfen zum Einsatz kommt. Der SRT-Kiosk sieht aus wie eine halbe Telefonzelle mit Geldautomat. Dort steht der Reisende auf einem Quadrupol-Resonanzteppich, mit dem seine Schuhe untersucht werden, steckt seine Karte in den Automaten, lässt Iris und Fingerabdrücke abgleichen und prüft die Finger gleichzeitig auf Spuren von Explosivstoffen.

miSense, ein in Heathrow, Dubai und Hong Kong getestetes Programm, das die biometrischen Daten in einer zentralen Datenbank speichert und zusätzlich mit Gesichtserkennung arbeitet, führte angeblich zu einer Zeitersparnis von 72 %. Ob sich diese auch unter Normalbedingungen aufrechterhalten lässt, in denen nicht nur eine handverlesene Zahl von erfahrenen Vielfliegern das Verfahren nutzen, könnte Gegenstand einer Evaluation sein, wie sie die Autoren des Aufsatzes fordern.

Gleiches gilt für Backscatter – eine Technologie, die in ungefähr das macht, was die "Röntgenbrillen" aus den Mail-Order-Angeboten von 50er-Jahre-Comics versprachen, aber nicht einhielten: Sie zieht Leute virtuell aus. Im sex- und nacktheitsbesessenen Amerika hat Backscatter bisher die höchsten Wellen geschlagen, obwohl andere Technologien die Privatsphäre potentiell durchaus stärker gefährden. Das Electronic Privacy Information Center (EPIC) nannte es einen "virtuellen Striptease".

Eine Alternative zum Erstellen von Ganzkörperbildern ist die von L-3 Communications entwickelte und beispielsweise am Phoenix Sky Harbor International Airport eingesetzte Millimeterwellen-Technologie, die ebenfalls zeigen soll, was der Fluggast unter der Kleidung hat. Im Gegensatz zu Backscatter arbeitet die L-3-Technology mit Algorithmen, die "Anomalien" am Körper automatisch feststellen sollen.

Befürworter argumentieren damit, das Backscatter-Scans zwar potentiell auch nicht mehr erkennen als herkömmliche Methoden, aber weitaus schneller arbeiten würden. Allerdings erzählte man das auch einmal vom Zahlen mit Kredit- und EC-Karten. Auch hier wären Vergleichsstudien ein gangbarer Weg, um diese Behauptungen zu überprüfen. Und es spricht nicht unbedingt für die Argumente der Befürworter, dass sie solche Studien bisher nicht durchführten.

Mehr Evaluierungsbedarf, als ihn die TSA sieht, gibt es möglicherweise auch für Maßnahmen wie die geplante neue Fingerabdruckdatenbank des FBI, die durch Eintragsinflation zunehmend unbrauchbare "Terrorist Watch List" oder die No-Fly-Liste, auf der sich auch Irakkriegsgegner, Nonnen und zahlreiche Allerweltsnamen befinden. Allerdings scheint auch in diesem Fall, wie es Karl Kraus für die Donaumonarchie diagnostizierte, der Despotismus durch Schlamperei abgemildert zu sein: Die TSA musste einräumen, dass es eine "Reihe von Personen" aus dieser Liste durch die Kontrollen schafften.

Manche Programme wurden von der TSA sogar jahrelang geheim gehalten: Die Existenz von "SPOT" (Screening Passengers by Observation Techniques), in dessen Rahmen speziell geschultes Sicherheitspersonal seit 2002 verdächtiges Verhalten in einigen amerikanischen Flughäfen beobachtet, wurde erst 2006 offiziell zugegeben. Basis von SPOT waren ein israelisches Programm und die Theorie des Psychologen Paul Ekman, der 1978 zusammen mit Wallace Friesan das Facial Action Coding System (FACS) entwickelte - ein Mimik-Klassifikationssystem, das 3000 angeblich bedeutsamen Gesichtsausdrücken Emotionen zuordnet.

Die TSA will den Einsatz von Verhaltensinterpretation ausbauen und bis Ende 2008 500 Behavior Detection Officers (BDOs) ausbilden lassen. Außerdem wurden im Rahmen der Homeland Innovative Prototypical Solutions (HIPS) Vorschläge zur Entwicklung von FAST (Future Attribute Screening Technologies) ausgeschrieben – einem mobilen Laboratorium, das physiologische oder aus dem Verhalten ablesbare Hinweise auf "feindliche Absichten" automatisch erkennen soll. Man wünscht sich ein System mit möglichst vielen Sensoren, die unter anderem Herzschlag, Atmung und Augenbewegungen erfassen könnten.

Die Wissenschaftler fordern aufgrund der in ihrem Aufsatz geschilderten Situation nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine öffentliche Debatte über die Evaluation solcher Maßnahmen, um Kontrollen kundenfreundlicher, kostengünstiger und sicherer zu machen.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26968/1.html
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