Europäische Weltraumträume

Braucht Europa angesichts der Probleme mit der amerikanischen Raumfähre Atlantis ein eigenes Transportsystem für bemannte Weltraumflüge?

Die Dramaturgie hat Hollywood-Niveau. Mit perfektem Timing verstolperte die US-amerikanische Weltraumbehörde Nasa mitten in der Adventszeit den Start der Raumfähre Atlantis, verlegte den Transport des europäischen Weltraumlabors Columbus zur Internationalen Raumstation ISS zunächst auf Anfang Januar, musste ihn aber dann noch einmal auf unbestimmte Zeit vertagen und ließ die Europäer damit ausgerechnet in der vorweihnachtlichen Zeit des Wünschens das Fehlen eines eigenen bemannten Transportsystems spüren.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Start der Ariane 5 am 21.12.2007. Bild: Arianespace

Auf einem mächtigen Feuerschweif stieg dann aber über dem tropischen Dschungel Südamerikas wie ein rettender Engel eine Ariane 5 auf. Der sechste erfolgreiche Ariane-Start im letzten Jahr erinnert daran, dass hier auf dem europäischen Weltraumhafen bei Kourou in Französisch-Guiana in diesen Tagen gerade die letzten Vorbereitungen für den Jungfernflug des "Automated Transfer Vehicle" (ATV) getroffen werden, dem neuen Frachtschiff zur Versorgung der ISS. Neben Columbus ist der nach dem französischen Science-Fiction-Pionier "Jules Verne" ("Jules Verne": Ein außergewöhnliches Raumfahrzeug) benannte Raumtransporter der zweite große Beitrag Europas zum internationalen Großprojekt im Erdorbit.

Die Atlantis-Startverschiebung rückt die beiden Flugtermine nun enger zusammen als ursprünglich geplant und schafft damit die Gelegenheit, auch eine inhaltliche Verbindung herzustellen. So weist die europäische Weltraumorganisation Esa darauf hin, dass mit Jules Verne das erste für den bemannten Betrieb ausgelegte Raumfahrzeug vom europäischen Weltraumhafen aus startet. Der stellvertretende Projektmanager Patrice Amadieu wird mit den Worten zitiert: "Obwohl Jules Verne unbemannt fliegt, erfüllt es alle Sicherheitsanforderungen für den bemannten Betrieb."

Darstellung des Automated Transfer Vehicle. Bild: ESA

Gleichwohl ist Jules Verne in der gegenwärtigen Konfiguration natürlich nicht für den bemannten Betrieb geeignet, denn es kann nicht zur Erde zurückkehren. Nachdem der Raumtransporter seine Aufgaben erfüllt hat, der ISS Nachschub zu liefern und gelegentlich durch das Feuern seiner Triebwerke den Orbit der Raumstation anzuheben, wird es mit Müll bepackt und in der Erdatmosphäre zum Verglühen gebracht. Doch die Botschaft der Esa ist klar: Wir können ein eigenes bemanntes System entwickeln und wir wollen es auch. Was fehlt, ist eine entsprechende Entscheidung der Politik. Die könnte Ende 2008 fallen, wenn sich die europäischen Raumfahrtminister zu ihrer alle drei Jahre stattfindenden Esa-Ministerratstagung treffen. Die Pressemitteilung der Esa muss daher als geschickte platzierte Lobbymaßnahme gewertet werden.

Der Zeitpunkt könnte günstiger nicht sein. Die gegenwärtig so deutlich wie selten zuvor spürbare Abhängigkeit von Nasa-Ingenieuren muss auch am Selbstbewusstsein europäischer Politiker nagen, selbst wenn sie sich nicht übermäßig für die Raumfahrt begeistern können. Angesichts der sich verdichtenden Aufbruchsstimmung und der vielerorts geplanten bemannten Missionen zu Mond und Mars muss Europa eine klare Position beziehen. Eine Vertagung um weitere drei Jahre könnte die europäische Raumfahrt entscheidend zurückwerfen.

Doch es geht nicht allein um Europa. Die Entscheidung für oder gegen die Entwicklung eines eigenen bemannten Systems könnte in einem weit umfassenderen Sinn wegweisend werden für die Gestaltung der Zukunft im All.

Bislang beherrschen mit Russland, den USA und China drei Nationen die bemannte Raumfahrt und verfügen über eigene Transportsysteme. Alle haben mehr oder weniger konkret ihr Interesse bekundet, Missionen über den erdnahen Orbit hinaus zu Mond, Mars und anderen Zielen durchführen zu wollen. Dabei zeigen sich die Raumfahrtnationen grundsätzlich an internationaler Zusammenarbeit interessiert, bereiten sich aber zugleich auch auf einen neuen Wettlauf ins All vor. Eine Entscheidung Europas, nun ebenfalls die Technologie der bemannten Raumfahrt zu entwickeln, würde die Gewichte deutlich in Richtung eines solchen Wettlaufs verschieben.

Space Shuttle Atlantis kommt derzeit nicht hoch. Bild: Nasa

Aber soll die menschliche Zivilisation im All durch den Wettkampf der wenigen Nationen gestaltet werden, die technologisch dazu in der Lage sind? Ist es nicht wünschenswerter, den Übergang der Menschheit zur kosmischen Entwicklungsstufe als kooperativ gestaltetes Menschheitsprojekt unter Einbeziehung aller, auch der technologisch weniger entwickelten Kulturen vorzunehmen?

Technologische Fähigkeiten, so wird häufig argumentiert, seien erforderlich, um Anspruch auf Führungspositionen anmelden zu können. Um nicht für alle Ewigkeit auf die Rolle des Juniorpartners festgeschrieben zu sein, müsse Europa die Schlüsseltechnologien der Raumfahrt selbst beherrschen. Da ist gewiss etwas dran. Doch wer als Führungsmacht akzeptiert werden möchte, muss auch moralische Qualitäten aufweisen. Hier könnte sich Europa hervortun, indem es, statt nach Unabhängigkeit auf allen Feldern zu streben, bewusste Abhängigkeiten eingeht. Natürlich käme es dabei darauf an, einseitige Abhängigkeiten zu vermeiden und im gleichen Maße Kooperationen mit Russland, China und den USA bei der Entwicklung neuer Raumfahrttechnologien anzustreben. Wir könnten uns auch die Option auf die Entwicklung eigener Systeme erhalten, wie ein As im Ärmel, das aber nur ausgespielt wird, wenn sich zeigt, dass auch die anderen nicht fair spielen.

Drei Transportsysteme für die bemannte Raumfahrt sollten eigentlich ausreichen. Die Menschheit braucht kein viertes. Mit dem bewussten Verzicht auf die Entwicklung eines eigenen Raumschiffs könnte Europa ein Zeichen setzen, dass es ihm ernst ist mit der Erkundung und Besiedelung des Weltraums als Menschheitsprojekt. Allerdings müsste eine solche Entscheidung von der deutlichen Entschlossenheit getragen sein, Menschen zu Mond, Mars und anderen Himmelskörpern zu schicken und die menschliche Zivilisation ins All auszudehnen - wenn auch nicht notwendigerweise mit europäischen Raumschiffen. Von den vielen Zweifeln, die an der Realisierbarkeit dieser Idee geäußert werden können, ist der, ob die europäischen Politiker sich auf so eine klare Position verständigen können, einer der gravierendsten. Aber den Versuch ist es wert.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26971/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin

Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS