"Jugendvollzug ist um Längen nicht das, was er sein sollte"

04.01.2008

Interview mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer zu Computerspielen, Deutschrap, Wohngruppenvollzug, Boxcamps und Jugendgewalt

Christian Pfeiffer ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Bekannt wurde unter anderem durch die Äußerung: "Je mehr man Ego-Shooter spielt, desto höher ist die eigene Gewaltbereitschaft" und durch die so genannte "Töpfchen-These", in der er den gemeinschaftlichen Klogang in DDR-Kinderkrippen mit dem Schlägerproblem in Ostdeutschland in Verbindung brachte. In der aktuellen Debatte um Jugendgewalt sprach er sich gegen eine Heraufsetzung der Höchstdauer von Jugendstrafen aus.

Herr Professor Pfeiffer, Sie haben von 1965 bis 1971 Rechtswissenschaften und Sozialpsychologie studiert. Sehen Sie sich als '68er?

Christian Pfeiffer: Eigentlich gar nicht. Damals war ich ein Jurastudent in München, der das eher beobachtend wahrgenommen hat als aktiv teilnehmend. Mir war das, was da in der Münchener Studentenschaft lief, zu links, zu marxistisch - und ich war eher bodenständig-normal.

Welche Computerspiele hatten die beiden Gewalttäter zuhause, die in der Münchner U-Bahn mit dem Kopf eines Rentners Fußball spielten?

Christian Pfeiffer: Keine Ahnung. Ich kann nur vermuten, dass es auch bei ihnen ähnlich ist wie bei den meisten jungen Gewalttätern, die wir zur Zeit anvisieren, wenn es darum geht, Dinge zu erklären. Bei denen, die wir erreichen, mit denen wir reden können, stellen wir fest, dass Computerspiele niemals monokausal aus braven Menschen schlimme Täter machen, dass sie aber ein Stück Risikoerhöhung in Richtung Gewalt bedeuten - und dass es von daher bei Leuten, die heute durch Gewalttaten auffallen, einfach routinemäßig dazugehört nachzufragen, ob dieser Risikofaktor eine Rolle spielt. Der andere gewichtige Faktor - innerfamiliäre Gewalt - hatte bei dem Türken sichtlich sehr hohe Bedeutung. Also - man muss bei jedem Gewalttäter die verschiedenen Faktoren prüfen, die nach unseren generellen Befunden ein Risikofaktor sind - und das gilt eben auch in Bezug auf die beiden.

Werden Sie bei der Münchner Polizei nachfragen, welche Computerspiele bei den beiden gefunden wurden?

Christian Pfeiffer: Das wird im Zuge der ganz normalen polizeilichen Ermittlungen rauskommen. Die werden sich die Festplatten der betreffenden jungen Leute anschauen und dann klären, ob das ein Faktor ist. Genauso wie sie routinemäßig abfragen, ob die Täter innerfamiliär Gewalt erlebt haben (das ist ja schon bestätigt), ob sie bildungsmäßig einigermaßen gut oder schlecht integriert waren, ob sie arbeitslos waren oder voll im Leben standen. All das sind die Faktoren, die jeder Richter auch heutzutage zur Kenntnis nimmt. Und da ist das einer unter mehreren Aspekten.

Passen nicht Deutschrap-Stücke wie "Opferfest" von Massiv viel besser als Vorbild für solche Taten als Plots und Settings von Computerspielen?

Christian Pfeiffer: Da ich das betreffende Stück nicht kenne, kann ich dazu gar nichts sagen.

Rückfallquote von 80 Prozent

Sie haben schon öfter die hohe Rückfallquote bei Jugendlichen kritisiert, die in Haft genommen wurden. Nun ist es aber so, dass die Jugendlichen in der Haft andere Gewalttäter treffen und dort auch Hierarchien herrschen, in denen Gewalt ausgeübt wird. Wäre nicht eine Haft mit 100 % Einzelzellen eine Möglichkeit zu vermeiden, dass das Gefängnis eine Schule des Verbrechens ist?

Christian Pfeiffer: Sehr gute Analyse von Ihrer Seite. Das mit den Einzelzellen wird meistens umgesetzt - sofern die Länder das finanziell haben ermöglichen können. Das Problem tritt eher dann auf, dass ja diese Einzelzellen in einer Wohngruppe mit einem Gemeinschaftsraum verbunden sind. Und solange dann Zellenaufschluss herrscht, ergibt sich das, was Sie richtig beschrieben haben - diese Hierarchie der Subkultur, die oft von Gewalt geprägt ist, von Unterdrückung der Schwächeren. Also müsste man einen total isolierten "Knast" einführen. Und das machen die wenigsten, weil die Wohngruppen nicht nur negative Aspekte haben, sondern auch positive. Das Entscheidende ist, ob eine Wohngruppe pädagogisch gut betreut ist - ob da Anstaltspersonal mit dabei ist, wenn Zellenaufschluss herrscht. Und da mangelt es oft. Gegen den Wohngruppenvollzug habe ich nichts - aber ich bin sehr wohl dagegen, dass die Jugendlichen bei Zellenaufschluss sich selbst überlassen bleiben und die Dinge dann genau so laufen, wie Sie sie richtig beschrieben haben.

Was sind denn die positiven Aspekte solch eines Wohngruppenvollzuges, wenn sie die Gefahren von Gewalt überwiegen?

Christian Pfeiffer: Ein positiver Aspekt kann sein, dass man kommunikativ gefordert bleibt. Nur isoliert sein und einmal in der Woche Hofgang haben, das bringt die Leute in die innere Verzweiflung, weil sie keine Ansprache mehr haben. Das einzige Kommunikationsmittel ist dann die Einbahnstraße des Fernsehers in der Zelle, dem man passiv zuhört. Zwischendurch auch mal Skat oder Schach spielen zu können oder über Sorgen und Probleme zu reden, ist wichtig. Und nicht alle Mitgefangenen sind ja gleich potentielle Gewalttäter.

Von daher ist der Wohngruppenvollzug im Prinzip etwas Vernünftiges, weil er ein Gegenmittel gegen die Gefahren der isolierten Einsamkeit darstellt, weil er auch Lernchancen beinhaltet, wenn die Wohngruppe pädagogisch gut geführt wird. Und wenn dann Konflikte - die es in einer Gruppe immer geben wird - vernünftig als Lernprozess erfahrbar werden und nicht als Unterdrückungsprozess. Aber das setzt pädagogische Investition voraus, die leider in vielen Anstalten aus finanziellen Gründen zu gering sind.

Der Jugendvollzug ist um Längen nicht das, was er sein sollte. Wir führen eine Untersuchung durch, in der wir seit acht Jahren 2500 junge Männer begleiten, die erstmals in Haft gekommen sind. Und da zeigt sich leider deutlich, dass die erzieherischen Maßnahmen, die pädagogischen Inhalte, die wenigsten so erreichen, dass sie durch den Strafvollzug gebessert werden. Nicht überraschend ist die Rückfallquote dann auch bei jungen Inhaftierten mit etwa 81 % viel zu hoch.

Erfolg von "Boxcamp" ist nicht belegt

Das 2004 vom hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch eingeführte so genannte "Boxcamp", das in den letzten Tagen viel Medienpräsenz hatte, machte auf viele Menschen den Eindruck, dass es hier um eine Schlägerfortbildung auf Kosten der Steuerzahler geht.

Christian Pfeiffer: Ich sehe das nicht ganz so schlimm. Herr Kannenberg passt schon auf, dass die Dinge im Fairnessbereich anständig bleiben. Aber - und das werde ich ihm heute Abend in einer Diskussionssendung entgegenhalten - ich störe mich daran, dass es noch nie eine vernünftige Evaluation gegeben hat, ob das, was er tut, wirklich von Erfolg gekrönt ist. Er rühmt sich die ganze Zeit, seine Leute würden nicht rückfällig. Aber das glaube ich erst, wenn ich es schwarz auf weiß überprüft habe. Bisher gibt es keine Kontrolle der Erfolge, die er angeblich erzielt hat. Vielleicht ist er nur jemand, der sehr erfolgreich Reklame zu machen versteht.

Stichwort Evaluation: 2004 wurde ja der Jugendschutz für Computerspiele erheblich verschärft. Gibt es eine Evaluation, welchen Einfluss das auf die Jugendgewaltkriminalität hatte?

Christian Pfeiffer: Wir haben diesen Jugendschutz ja überprüft und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es nur auf dem Papier steht, dass er angeblich besser geworden wäre. In Wirklichkeit ist es nach wie vor so, dass Kinder und Jugendliche an alles rankommen, was sie haben wollen. Weil es keine Testkäufe in den Kaufhäusern gibt und wo immer die Spiele gekauft werden, und weil die USK mit ihren Alterslabels teilweise viel zu großzügig umgeht. Nur bei einem Drittel können wir nachvollziehen, was die machen. Von daher finde ich, ist der Jungendmedienschutz in Deutschland nur auf dem Papier stark. In der Wirklichkeit der Umsetzung ist er dagegen überaus schwach. 82 % der 14- und 15-Jährigen spielen zumindest gelegentlich Spiele ab 18. Die Hälfte der Jungen im Alter von 10 spielt gelegentlich Spiele ab 16 und ab 18. Also - da kann man nicht von einem wirksamen Jugendmedienschutz sprechen.

Telepolis hat dazu eine Umfrage gestartet: Wie umgehen mit gewalttätigen Jugendlichen? Wir bitten um lebhafte Beteiligung.

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