Mediale Gewalt verhindert reale Gewalt

09.01.2008

Mimesis oder Katharsis ist nach einer Studie über die befriedende Wirkung von Kinofilmen mit Gewaltdarstellung die falsche Alternative

Was mediale oder fiktive Darstellungen bewirken, ist seit der griechischen Antike umstritten. Löst das Betrachten von Gewaltszenen im Film, auf der Bühne, in der Literatur oder im Computerspiel ein Nachahmungsverhalten aus, also steckt es an und macht die Konsumenten bzw. Spieler aggressiver? Oder senkt die vorgeführte und erlebte fiktive Aggressivität gerade die Wut und macht die Menschen letztlich friedfertiger? US-Wissenschaftler von der University of Calfornia, San Diego, eine Studie vorgelegt, nach der es so aussieht, als könnte das Betrachten von Kinofilmen mit hoher Gewalt die Gewaltkriminalität senken. Katharsis scheint aber dabei nicht der Grund zu sein.

Ziehen womöglich Kinofilme mit ihren grausamen und brutalen Killereien und Schlächtereien mögliche Gewalttäter an, was die Straßen sicherer macht, weil die riskanten Personen vor der Leinwand sitzen und dazu auch noch weniger als sonst Alkohol konsumieren. Genauso scheint es nach der Studie zu sein, für die Gordon Dahl und Stefano DellaVigna, die auch Mitglieder des National Bureau of Economic Research sind, erfolgreiche Filme (blockbuster) zwischen 1995 und 2004 auf ihre Gewaltdarstellungen untersucht haben. Korreliert wurde dies damit, welche Gewalttaten an den Wochenenden geschehen sind, an denen die Filme gelaufen sind. Dazu wurden die Daten des National Incident Based Reporting System (NIBRS) ausgewertet. An den Tagen, an denen mehr Menschen Filme mit heftigen Gewaltdarstellungen gesehen haben, gingen die wirklichen Gewalttaten zurück. Ähnlich, wenn auch nicht so stark, sei der Rückgang an Gewalt, wenn die Filme als Videos oder DVDs in die Läden kommen.

Statistik erklärt bekanntlich nicht, sondern stellt nur Zusammenhänge zwischen Ereignissen her, die gar nicht wirklich verbunden sein müssen. Wenn zwischen 18 und 24 Uhr, so die Wissenschaftler, eine Million Menschen mehr als üblich Gewaltfilme anschauen, sinkt die Gewaltkriminalität für jede Million Zuschauer um 1,1 bis 1,3 Prozent. Bei Filmen, die keine Gewalt darstellen, ist der Effekt dagegen wesentlich geringer. Einflüsse von Wetter und Fernsehprogramm haben die Wissenschaftler versucht auszuschließen. Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die Zeit, in der potenzielle Gewalttäter durch den Kinobesuch von Gewalt abgehalten werden, nicht nur die Dauer der Vorführung selbst einschließt, sondern auch An- und Abfahrten zum Kino, Anstellen oder Unterhaltung vor und nach dem Film.

Allerdings variiert die Zuschauerzahl erheblich. An manchen Wochenenden zieht es viele Millionen Menschen in die Kinos, um sich Filme mit starker oder leichter Gewalt anzusehen, an anderen geht die Zahl gegen Null. Nach der Kinozeit, also zwischen Mitternacht und 6 Uhr Morgen, sei der befriedigende Effekt sogar noch größer (womöglich gehen die Kinogänger auch einfach früher ins Bett). Nach Ansicht der Wissenschaftler zieht es potenzielle Gewalttäter vor allem in die entsprechenden Filme, so dass sie von ihren ansonsten gepflegten Aktivitäten abgehalten werden. An einem durchschnittlichen Wochenende würden Gewaltfilme in den USA etwa 1000 Gewalttaten verhindern.

Je mehr und brutaler Gewalt in den Filmen gezeigt wird, desto sicherer wird es. Umgekehrt wäre es dann so, dass die Gewalt anschwelle würde, wenn der kathartische Effekt der Gewaltfilme ausbleiben und man weniger von diesen zeigen würde. Dann würden die Kinogänger sich mit Alkohol in den Bars und Kneipen oder mit Drogen volladen und Streit suchen. Hätte man so also ein Mittel, die meist jugendlichen Gewalttäter aus dem Verkehr zu ziehen, sie in den Kinos einzuschließen und so die Gewalt in den U-Bahnen und anderswo zu reduzieren? Müssten man dann auch mehr Filme mit Gewaltorgien nicht nur auf deutsch, sondern auch in den Sprachen der Einwanderer zeigen? Mediale Sozialarbeit und Gewaltprävention?

Immerhin hätten die entsprechenden Filme in den USA jährlich 52.000 Gewalttaten verhindert, wie die Wissenschaftler sagen. Auf jeden Fall würde es keinen Hinweis darauf geben, dass mediale Gewalt kurzfristig zu höherer Gewaltausübung führe. So habe es weder an den Tagen unmittelbar nach den Wochenenden, als viele Zuschauer Filme mit starken oder schwachen Gewaltdarstellungen gesehen haben, noch in den drei darauffolgenden Wochen eine höhere Zahl an Gewalttaten gegeben.

Es sei keineswegs trivial, dass das Treffen von potenziellen Gewalttätern im Kino tatsächlich die Gewaltausübung reduziere, sagen die Autoren. Entscheidend dafür sei nicht nur der Inhalt der Filme und die "Einsperrung" ins Kino, sondern der damit verbundene geringere Alkohol- und Drogenkonsum und die mit dem Kinobesuch womöglich verbundene Unterbrechung des üblichen Tages- bzw. Abendverlaufes. Da Alkohol und Drogen mit Gewalt eng verbunden sind, könnten auch andere Aktivitäten, die den Konsum von diesen verhindern oder reduzieren, die Ausübung von Gewalt senken. Dann freilich geht es nicht um den Zusammenhang von Gewalt in Medien und wirklicher Gewalt, sondern darum, potenzielle Gewalttäter, in aller Regel Jugendliche und Heranwachsende, in alkohol- und drogenfreien Umgebungen zu locken und dort zu beschäftigen.

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