Lausejungs
Das Comeback eines Parasiten
Man spricht nicht gerne darüber, aber die Kopflaus ist zurück. Obwohl längst klar ist, dass Kopfläuse schmutzige wie saubere Köpfe gleicherweise mögen, umgibt einen Kopflausbefall immer noch das Stigma von Armut und Verwahrlosung.
Zuerst trifft es die Kinder, wie eh und je. Ob in Kindergärten, Kitas oder Schulen: Immer häufiger muss Lausalarm gegeben werden. Was in den Augen von Kinderlosen wie ein Relikt aus den Zeiten des Etagenklos und der Kohlsuppe wirkt, hat sich zu einer ständigen Begleiterscheinung der öffentlichen Erziehung entwickelt.
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Wer jetzt denkt, dass diese Situation bei einem lange bekannten und gut erforschten Parasiten in Deutschland ein leicht zu lösendes Problem darstellen würde, der täuscht sich. Bereits die Informationsbeschaffung im Internet erweist sich als ungeahnt schwierig.
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Ob man die Kleider der Betroffenen oder am besten die ganze Wohnung wäscht bzw. desinfiziert oder nicht, ob man nur den Betroffenen behandelt oder prophylaktisch die ganze Familie, und vor allem mit was, ob eventuell doch an Textilien festgeklammerte Läuse ohnehin schnell verhungern oder eine Gefahr der Wieder-Infestation darstellen, ob sie in der Gefriertruhe oder im Wäschetrockner zuverlässig sterben oder nicht - über all das gibt es unzählige und durchaus auch bei Experten divergierende Meinungen.
Selbst über die Frage, ob denn tatsächlich ein immer häufigeres Auftreten der Kopflaus zu beobachten ist oder nicht, herrscht keine vollständige Einigkeit.
Ausbildung von Resistenzen gegen Standardwirkstoffe
Immerhin könnte der stetig ansteigende Verkauf von Lausbekämpfungsmitteln auch auf eine gesteigerte Sensibilität im Umgang mit dem Problem hinweisen, bzw. auf die eilige Reaktion von verschreckten Eltern, die ihre Kinder prophylaktisch mit den gängigen Mitteln behandeln, wenn in der Kita mal wieder von Läusen die Rede ist.
Die FAQ der Deutschen Pediculosis Gesellschaft weist auch darauf hin, dass Fehldiagnosen leicht möglich sind, weil es zum Beispiel bestimmte Haarschuppen gibt, die den Eiern von Läusen (Nissen) im menschlichen Haar sehr ähnlich sind.
Im Umfeld einer typischen Kita-Läuseplage sorgen solche Fehlalarme sicher für einen gesteigerten Absatz bei der Pharmaindustrie. Dennoch - Titel von Fachaufsätzen wie "Kopfläuse - Umgang mit einer wieder auflebenden Parasitose", die Auskünfte von Apothekern, von Erziehern und Eltern weisen in eine andere Richtung: Die Kopflaus ist auf dem Vormarsch. Das mag auch damit zusammenhängen, dass die anerkannten Mittel nicht nur in etwa 25% der Fälle erfolglos angewendet werden, sondern auch bei richtiger Anwendung immer weniger Wirkung zeigen.
Die Hinweise verdichten sich, dass es zur Ausbildung von Resistenzen gegen die anerkannten Standardwirkstoffe (z. B. Permethrin) gekommen ist - ein analoges Phänomen zur Antibiotikaresistenz im Reich der Parasiten.
Neue Mittel, die nicht auf die Vergiftung der Läuse setzten, sondern auf ihre Erstickung, sind zwar schon auf dem Markt, gelten aber noch nicht als ausreichend "wissenschaftlich" getestet - was fragen lässt, warum sie dann in Apotheken für teures Geld zu kaufen sind - und werden von den Krankenkassen auch nicht erstattet. Selbst für die anerkannten Mittel gilt das nur für Befallene bis zum zwölften Lebensjahr - ein erheblicher Kostenfaktor für Familien, wenn man den Anweisungen der Hersteller vertraut und gleich alle Familienmitglieder mitbehandelt.
Lausbefall als Armutsstigma
Ganz zu schweigen von den immensen Wäschebergen, die sich im Handumdrehen ergeben, wenn man auf Nummer sicher gehen will und alles wäscht und anschließend trocknet, was mit den Haaren der sicher oder auch nur vielleicht Befallenen in Kontakt gekommen ist. Vor allem Familien mit geringem Einkommen können sich da schnell schon aus finanziellen Gründen genötigt sehen, nur die primär Betroffenen zu behandeln und alle anderen Vorsichtsmaßnahmen sein zu lassen. Oder eben auf Kurzhaarschnitte zurückzugreifen, die aus lausigen, längst vergangen geglaubten Zeiten in Deutschland so gut bekannt sind. Lausbefall als Armutsstigma, mit allen sozialen Konsequenzen - wer hätte gedacht, dass das noch einmal Thema werden würde.
Und was wäre dagegen zu tun?
Das Übliche. Aufklärung über die Mythen im Zusammenhang mit der Kopflaus, vor allem über die Legende, sie gedeihe nur auf schmutzigen Köpfen. Aufklärung zu den wirklich funktionierenden Behandlungsmethoden. Forschung zu den Resistenzen gegenüber den bisher benutzten Mitteln, Forschung zu den aktuell relevanten Übertragungswegen bei den Hauptbetroffenen - Kindern in Kita und Schule. Die Gesundheitsämter, die Schulen und Kitas selbst müssten mit dem Problem viel offensiver umgehen, um dem schambelasteten Thema seinen Stachel zu nehmen - Eltern, die den Befall ihrer Kinder verschweigen, gelten als ein Hauptproblem bei der Bekämpfung von Kopflausepidemien.
Warum muss die Deutsche Pediculosis-Gesellschaft - bezeichnenderweise eine Privatinitiative - auf Studien aus Australien zu den Hauptübertragungswegen von Kopfläusen zurückgreifen? Warum übernehmen die Krankenkassen nicht bedingungslos die Kosten für die Behandlung von betroffenen Kindern und ihren Bezugspersonen? So etwas müsste im reichen Deutschland doch im Handumdrehen regelbar sein - oder etwa nicht?
http://www.heise.de/tp/artikel/27/27019/1.html- 1 Seite muss reichen (18.1.2008 10:28)
- Istanalyse (3 von 3) (16.1.2008 12:14)
- Istanalyse (2 von 3) (16.1.2008 12:12)
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