Die Qual der Wahl als Farce

Rudolf Stumberger 27.01.2008

Sozialpsychologische Anmerkungen zu grundsätzlichen Verbraucherfragen

Neulich bei der Krankenkasse: "Ziel des PlusProgramms ist es, Ihre Lebensqualität zu erhalten. Sie haben mit Ihrer Teilnahme den ersten Schritt getan. Hierfür bedanken wir uns ganz herzlich bei Ihnen!" Und zwar mit einem Treuebonus in Höhe von 50 Euro. Dumm nur, dass damit die "Befreiung von der Praxisgebühr entfällt. Sie wurde durch den Treuebonus abgelöst." Was man in die linke Tasche gesteckt bekommt, wird aus der rechten Tasche wieder entnommen. Wozu also das Ganze? Anruf bei der Hotline ("24 Stunden am Tag für Sie erreichbar", 6 Cent): "Das wissen wir auch nicht. Öfter mal was Neues halt."

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Öfter mal was Neues. Die "Deutsche BKK" bietet jetzt für das Leben "noch mehr Gestaltungsfreiheit" an. Nämlich die "FlexiPlus-Tarife", als da sind: BonusPlus, PrivatPlus, PlanPlus, PrämienPlus und ProfiPlus. Als Versicherter kann ich jetzt zwischen diesen fünf Tarifmodellen wählen und so Geld sparen, sagt die Krankenkasse. Auch die Krankenkasse selbst kann ich wählen.

Dabei ist mein Leben schon durch mannigfaltige Gestaltungsfreiheit bereichert. Wenn ich telefonieren will, bekomme ich geradezu ein Füllhorn an Lebensgestaltungsmöglichkeiten kredenzt. Bei der Telekom bietet mir zum Beispiel der Tarif "XXL Fulltime" die Zusatzoptionen: Country Select, Country Flat und Country Flat II. Freilich nur die Spitze eines Eisbergs. Sollte ich mich mit dem Gedanken einer Flatrate-Lösung "Festnetz zu T-Mobile" beschäftigen, müsste ich mich mit den Zusatzoptionen: Calltime, XXL Local, XXL Fulltime, sowie Call & Surf Basic, Call & Surf Comfort, Call & Surf Comfort Plus, Entertain Basic, Entertain Comfort, Entertain Comfort Plus beschäftigen.

Beim Mobilfunk sieht das so aus: Ich kann wählen zwischen den Tarifen "Max" (mit den Zusatzoptionen "Max Friends" und "Max S"); "Relax" (mit den Zusatzoptionen Relax 50, 100, 200, 400, 1000, Relax 50 Student, Relax 100 Student); "Relax XL" (mit den Zusatzoptionen 50 XL, 100 XL, 200 XL, 400 XL, 1000 XL) und schließlich den Tarif "Basix" mit dem geradezu existenzialistisch anmutenden Inhalt: "Nur bezahlen was anfällt". Bei den Prepaid-Tarifen gibt es "Xtra friends", "Xtra smart" und "Xtra classic". Will ich übers Handy im Internet surfen, muss ich mich zwischen "web’n walk Basic", "web’n walk Medium" und "web’n walk Large" entscheiden. Das war jetzt nur ein Telefon-Anbieter und sein Verbreitungsgebiet ist übrigens im deutschsprachigen Raum und nicht in den USA oder Großbritannien.

Wenn ich mein Auto versichern will, kann ich wählen zwischen einer Versicherung mit oder ohne Garage, mit Beifahrer oder ohne Beifahrer, mit Familienangehörigen am Steuer und ohne Familienangehörige am Steuer, Teil- oder Vollkasko. Wenn ich das Licht einschalten will, kann ich zwischen bis zu 1000 Stromanbietern wählen, zum Beispiel zwischen der "Blomberger Versorgungsbetriebe GmbH" oder der "KBG Kraftstrombezugsgenossenschaft Homberg" und dort wieder zwischen den Tarifen "1. Grundversorgung", "2. MeinStrom" und "3. ÖkoStrom".

Sollte ich angesichts dieser Wahlvielfalt schließlich kapitulieren und das tun, was man früher den "Gashahn aufdrehen" nannte, hätte ich auch hier die Wahl zwischen mehreren hundert Anbietern und könnte zum Beispiel bei der "KEW Karwendel Energie und Wasser GmbH" zwischen den Tarifen "Grundpreistarif I", "Karwendel Wärme Variabel", Karwendel Wärme Variabel Vertrauensbonus 2 Jahre", "Kleinverbrauchstarif", "Vollversorgungstarif I" und "Vollversorgunsgtarif II" wählen. Das mit dem Suizid hätte übrigens nicht geklappt, weil es das dazu nötige "Stadtgas" aus der Kohleverbrennung nicht mehr gibt.

Statt eines großen Systemwechsels zahlreiche kleine Optionen

Es ist unzweifelhaft: Die Liberalisierungen und Deregulierungen bringen uns eine bislang ungeahnte Zahl an Wahlmöglichkeiten, mit deren Durchsicht und Vergleich wir unsere Lebenszeit ausfüllen können. Dumm nur, dass der ganz große Systemvergleich mittlerweile fehlt. Was die wenigsten wissen: Als es noch die DDR gab, wechselten jedes Jahr an die 50.000 Menschen von der bunten Bundesrepublik in die graue Deutsche Demokratische Republik. Das Ganze ging in einem sogenannten Übersiedlerheim in Ost-Berlin über die Bühne und wer von Westdeutschland die Nase voll hatte, machte dort auf Systemwechsel und begann ein neues Leben.

Die Gründe für den West-Ost-Wechsel waren vielfältig: Von beruflichen über persönlichen bis hin zu politischen Motiven. Mit dazu gehörten auch etliche ehemalige DDR-Bürger, die nach der Ausreise vom Westen enttäuscht waren und wieder zurück wollten. Auf der anderen Seite gab es natürlich die DDR-Bürger, die dem "real existierenden Sozialismus" entfliehen wollten, manche taten dies auch auf oft lebensgefährliche und abenteuerliche Weise. Auch hier die Möglichkeit eines potenziellen Systemwechsels. Das "Drüben" war sowohl für Menschen im Westen wie im Osten eine Projektionsfläche, auf die sie die eigenen Wünsche und Sehnsüchte projizieren konnten, was auch das Leben der potenziellen Systemwechsler sowohl im Westen wie im Osten erträglicher machte - eine bis heute nicht untersuchte sozialpsychologische Dimension des 20. Jahrhunderts. Dass nach dem Systemwechsel und der Konfrontation mit den dortigen realen Gegebenheiten oft eine Ernüchterung eintrat, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Wo also der große Systemwechsel nicht mehr möglich ist, entschädigen uns heute eben die vielen kleinen Systemwechsel bei Krankenkassen, Telefon, Strom, Gas, Versicherungen und Lebenspartnern für den Verlust jener verführerische Fiktion, das Leben mit einem Schritt grundsätzlich zu verändern. Und das permanente Vergleichen von ständig wechselnden Tarifen und Preisen auf der Jagd nach dem besten Schnäppchen hält uns auf Trapp und verhindert so, dass wir traurig werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27026/1.html
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