17fach erhöhtes Risiko durch Gewalt zu sterben

Thomas Pany 10.01.2008

Neue Studie ermittelt 151.000 Iraker, die seit der amerikanischen Invasion eines gewaltsamen Todes gestorben sind

151.000 Iraker sind nach Schätzungen einer methodoligisch sehr sorgfältig dokumentierten Studie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation im Zeitraum von März 2003 bis Juni 2006 gewaltsam ums Leben gekommen.

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Die aktuelle Studie, Iraq Family Health Survey (IFHS), die heute im New England Journal of Medicine veröffentlicht wird, basiert auf Interviews, durchgeführt in 9345 Haushalten in etwa 1000 Wohnvierteln und Dörfen in ganz Irak.

Auf dem Fragebogen, der darüberhinaus eine ganze Menge anderer gesundheitlicher Themenkomplexe erfasst[1], sind 23 potenzielle Todesarten aufgeführt und codifiziert – meist Krankheiten, aber eben auch durch "armed conflict". Laut Fragebogen wollte man Todesfälle und Todesursache seit Juni 2001 wissen.

Wie der oft bissige informierte Kommentator zum Irak-Einsatz der USA, Juan Cole, aus der Studie liest, hat sich die Zahl der gewaltsam ums Leben gekommenen Iraker durch den Einmarsch der Amerikaner, den die Regierung Bush zu verantworten hat, um das 17fache gesteigert.

Genaue Aussagen über die Opferzahlen seit dem Einmarsch der westlichen Verbündeten unter Führung des amerikanischen Militärs lassen sich allerdings nicht machen – zu diesem (gut bekannten) Schluß kommt auch die WHO-Untersuchung. Solche Zahlen seien in Krisengebieten, wo auf eine präzise Registrierung der Toten sowie auf Berichte der Krankenhäuser kein Verlass ist, nicht zu haben. Haushaltsbefragungen seien hier das bestmögliche Verfahren, so die Auskunft der WHO-Statistiker.,

Doch war es aus Sicherheitsgründen gar nicht möglich alle jene Haushalte aufzusuchen, die auf der Liste standen:

Of the 1086 originally selected clusters, 115 (10.6%) were not visited because of problems with security. These clusters were located in Anbar (61.7% of the unvisited clusters), Baghdad (26.9%), Nineveh (10.4%), and Wasit (0.8%).

Da das Risiko, durch Gewalt umzukommen, in solchen Gebieten größer war als in jenen, die im Rahmen der IFHS-Studie aufgesucht wurden, nahm man Zahlen vom Iraq Body Count für Gebiete in Anbar und Bagdad als Grundlage, um daraus Schätzungen zu ermitteln, aus deren Unschärfe kein Hehl gemacht wird:

For instance, we compared the ratio of the rate of death in Baghdad relative to the rate in three high-mortality provinces reported by the Iraq Body Count (3.08) with the rate ratio reported by the IFHS for the same provinces (1.56). To obtain the same ratio, overall mortality in Baghdad would need to have been 1.97 times as high as that in the three other provinces on the basis of the visited clusters only. This corresponds to a rate of death in the missing clusters that is 4.0 times as high as that in the visited clusters; the corresponding numbers for Anbar were 1.43 and 1.70, respectively . This adjustment involves some uncertainty, since it assumes that completeness of reporting for the Iraq Body Count is similar for Baghdad and other high-mortality provinces.

Im März 2003 wird Tod durch Gewalt die hauptsächliche Todesursache für irakische Männer im Alter zwischen 15 und 59 Jahren. Die aus den erfragten Angaben kalkulierte Anzahl der Toten im Zeitraum bis Juni 2006 liegt zwischen 104.000 und 223.000 Toten. Demnach sind im ersten Kriegsjahr durchschnittlich 128 Iraker pro Tag gewaltsam umgekommen; im zweiten Jahr nach der Invasion starben durchschnittlich 115 Iraker täglich durch Gewalt und im dritten 126. Mehr als die Hälfte der Opfer starben in Bagdad.

Das Ergebnis der Studie liegt um einiges höher als die Zahlen, welche die Iraq Body Count-Daten für diesen Zeitraum ermitteln (47,668) und niedriger als die mehr als 600.000 Toten, welche die Lancet-Studie 2006 schätzte (vgl. Krieg kostete 650.000 Menschen im Irak das Leben).

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27034/1.html
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