Die heilige Einfalt der Holzmedien

13.01.2008

Eine Diskussion zwischen Journalisten und Bloggern offenbart die noch immer existierenden Gräben

In Berlin diskutierten Am letzten Donnerstag Journalisten mit Bloggern. Man redete mit vereinten Kräften aneinander und am Thema vorbei. Die vom Deutschen Journalisten-Verband organisierte Veranstaltung bewies, dass das Internet in den Köpfen der Holzmedien-Vertreter noch nicht angekommen ist. Und viele Blogger wissen nur begrenzt, was Journalismus bedeuten könnte, wie die "Nachbereitung" der Diskussion zeigt.

Der Ärger begann schon beim Titel. Ursprünglich ging es um Journalismus für Weblogs. Auf dem Podium saßen Thomas Knüwer vom Handelsblatt-Weblog Indiskretion Ehrensache, Hans-Ulrich Jörges, stellvertretender Chefredakteur des stern, Rainer Meyer, bekannter als Don Alphonso ("Rebellen ohne Markt"), Prof. Dr. Wolfgang Donsbach, Universität Dresden, Björn Sievers von Focus Online und Michaela May, Chefkorrespondentin Politik bei N24. Moderiert wurde die Diskussion von Alexander Fritsch.

Anlass war eine Rede des DJV-Vorsitzenden Michael Konken in Saarbrücken, in der er sagte:

Uns steht es gut zu Gesicht, wenn wir Richtlinien finden, um Müll von Qualität zu trennen und dies den Internetkonsumenten deutlich machen. Das Internet ist eine Plattform auch für Schmierfinken ganz besonderer Art. Schmierfinken, die sich als Journalisten bezeichnen, die aber Persönlichkeitsrechte verletzen, sich nicht an unsere Postulate wie Wahrhaftigkeit, Objektivität, Vollständigkeit halten. Sie treiben ihr mieses Geschäft mit Veröffentlichungen, gegen die wir oft rechtlich nicht vorgehen können, die aber nicht selten ihre Voyeure finden. Blogs sind meines Erachtens nur in ganz wenigen Ausnahmefällen journalistische Erzeugnisse. Sie sind eher der Tummelplatz für Menschen, die zu feige sind, ihre Meinung frei und unter ihrem Namen zu veröffentlichen..:Michael Konken

Diese Passagen wurden von der Blogosphäre dankbar aufgegriffen. Das Echo für Konken war ausnahmslos vernichtend. Die Formulierung "gegen die wir oft rechtlich nicht vorgehen können" zeigt jedoch, dass es sich um eine innerverbandliche Schlammschlacht handelt. Die suggestiven Sätze wurden vom Publikum Konkens - ausnahmslos Delegierte des DJV - auch so verstanden. Das haben nur wenige Blogger recherchiert und registriert. Der DJV griff die Aufregung aber dankbar auf.

Über Weblogs wollte aber kaum noch jemand reden. Plötzlich sollte es um Online-Journalismus gehen oder - noch vager: um Journalismus im World Wide Web, ein "Reich der Freiheit" nach Jörges. Mindestens die Hälfte der Diskutanten auf dem Podium wusste jedoch nicht, was ein Blog ist und warf Foren, Postings, Websites, Web 2.0 bunt durcheinander und kokettierte - wie etwa der Moderator - mit seinem Unwissen. Karl-Heinz Wenzlaff kommentiert süffisant:

Michaela May von N24, die auch schon seit einem Jahr blogt (wow), klärte uns darüber auf, dass bei ihr die Kommentatoren Autoren genannt werden. Ständig nannte sie es "DER" Blog, sprach von "wir löschen auch schon mal einen Blog" und "schreiben an jedem Werktag mindestens einen Blog". Sie meinte vermutlich aber nicht Blogs, sondern Postings.

Karl-Heinz Wenzlaff

Für Thomas Knüwer war May hingegen "die positive Überraschung des Abends".

Hätte eine Blogosphäre die Veröffentlichung der vermeintlichen Hitler-Tagebücher 1983 verhindern können? Eine Frage, die leider niemand stellte. Ja, natürlich: Schon nach dem ersten Titel des stern zum Thema hätten Blogger herausgefunden und weltweit diskutiert, dass der Buchstabe A auf der ersten Seite des Einbands (für "Adolf") in Wahrheit ein F war. Wissenschaftler aus aller Welt hätten die "Fakten", die der stern damals präsentierte, viel eher überprüfen können. Wenn es vor einem Vierteljahrhundert schon Blogger gegeben hätte, wäre der "Glaube" an die Wahrhaftigkeit und die Objektivität eines Leitmediums wie dem stern ohnehin schon stark untergraben gewesen - aber deshalb auch der Skandal weniger überraschend und groß.

Angst vor den Kommentatorenhorden

Manche Journalisten argumentieren immer noch so, als sei seitdem nichts geschehen. Thomas Knüwer nennt sie "eine Generation von graumelierten Journalisten, die der Mühlstein um den Hals unseres Berufes sind". Einer dieser Vertreter ist Hans-Ulrich Jörges, der - vielleicht unfreiwillig - den Mut hatte, den bad guy zu spielen und alle Klischees zum Besten zu geben, die Blogger von Vertretern der Journaille haben, die auf ein unmoderiertes Internetforum reagieren wie ein Exorzist auf einen vom Teufel Besessenen. Jörges ist jedoch deutscher Medien-Mainstream und vertrat keine Minderheiten-Meinung: Niemand solle anonym posten dürfen, in Foren sollten Beiträge begutachtet werden, bevor diese freigeschaltet würden - den Begriff "Vorzensur" wies er trotzdem von sich. Björn Sievers bestätigte, dass auch bei Focus Online die Hälfte der Kommentare gelöscht werden.

Ralf Graf kommentiert:

Herr Jörges von stern.de, der sich süffisant von Don Alphonso Qualitätscontent wie eine "Anni-fastnackt"- und eine "kleine-Eisbären"-Fotostrecke unter die Nase reiben lassen durfte, sorgte sich nur um die Kontrolle der wüsten unflätigen Kommentatorenhorden, die seinen (Zitat) 'organisierten Internetauftritt des Verlages' überrennen möchten. Gerade bei Jörges konnte man förmlich die Verachtung für die Pleb-Horden, die sich gefälligst durch ellenlange werbeverseuchte Klickstrecken klicken und Einnahmen generieren, ansonsten aber ihr Maul halten sollen, mit den Händen greifen.

Ralf Graf

Die Idee, dass außer eindeutig strafrechtlich relevanten Äußerungen alles erlaubt sein und unter die Meinungsfreiheit fallen könnte, ist für Journalisten in deutscher Tradition so ungeheuerlich, dass sie niemand auch nur ansatzweise erwägt. Wer das Usenet zu seiner Blütezeit in den neunziger Jahren kennengelernt hat, weiß , dass insbesondere "flame wars" die Diskussionen in Foren interessant machen können, dass die Community meistens eigene Regeln findet und entwickelt, um Querulanten zu ignorieren.

Auch die durch nichts zu rechtfertigende Trennung in klassische Medien und Blogs hat sich mit religiöser Konsistenz in den Köpfen der klassischen Medienvertreter eingegraben. Gut gemeinte Sätze wie die Tobias Rüthers, "das Internet" brauche Regeln, um "Persönlichkeitsrechte zu schützen", sind rührend naiv und zeigen, dass der Betreffende immer noch in medialen Kategorien denkt, die mit der Realität nicht mehr kompatibel sind. Konken, Jörges und Dornbach sprachen immer wieder von "Standards", die einzuhalten seien und die den Journalismus angeblich von Blogs unterschiede. Doch wer soll die bestimmen, wer mit welchen Mitteln die Einhaltung erzwingen? Standards im Journalismus sind, sobald sie die Redaktion verlassen, Schall und Rauch und, wie im Falle des Presserates, ein zahnloser, also lächerlicher Tiger.

Die Blogger wie etwa Don Dahlmann ("irgendwas ist ja immer") sprechen Blogs, nicht aber dem Journalismus, eine Wächterfunktion zu:

Die Blogautoren haben keine Angst, solchen Themen anzugehen und eine Entscheidung für oder gegen etwas zu treffen. Blogs besetzen keine Themen, sie nehmen nur den Platz ein, die der deutsche Journalismus vor längerer Zeit aufgegeben hat.

Don Dahlmann

"Im Netz bist du nur noch ein kleiner Fliegenschiss"

Blogs als Korrektiv des Journalismus, einer würde vom anderen profitieren. Eine nette Idee - die sich aber bei diesem Anlass nicht verwirklicht hat. Eine Podiumsdiskussion zu einem Medienthema ist für die so genannten Leitmedien offenbar nicht interessant genug, obwohl Spiegel Online sich zum Beispiel gerade weitschweifig darüber auslässt, dass Christina Aguilera Mutter wird. Rund zwei Dutzend Blogs haben aber etwas über die Veranstaltung des DJV publiziert. Einen aus journalistisch Sicht ausreichenden Überblick über alle relevanten Facetten erhielte man jedoch nur, wenn man alle läse und sich aus den subjektiven Puzzleteilen eine Gesamtschau zusammensetzte. Das wäre eine Aufgabe für Journalisten und ein Service für die Leser. Wirres.net etwa formuliert:

habe nicht das gefühl eben auf dem klo was verpasst zu haben und höre jetzt mal ein bisschen zu. der professor aus dresden verstehe ich, vergesse aber sofort wieder was er gesagt hat.

EmBlog "rankt" die Diskutanten wie die Spieler nach einem Fußballspiel und resumiert:

beim journalismus geht es um kommunikation, und die beherrschen die vertreter dieser mitteilungsform scheinbar überhaupt nicht.

Was sagt uns das? Müssen wir das unbedingt erfahren?

Klaus Jarchow hat Recht, wenn er in seinen "Sieben Thesen zum Journalismus" schreibt:

Im Netz bist du nur noch ein kleiner Fliegenschiss unter vielen, da kannst du noch so laut bimmeln oder Coca Cola heißen.

Nur durch das "Herzblut" könne sich jemand abheben und die Leser an sich binden. Gemeint ist eine spürbare Haltung, die vielleicht nicht objektiv ist, sondern parteiisch, die sich aber von der scheinbaren Objektivität der traditionellen Medien abhebt. Blogs wie das von Don Alphonso (Ingolstadt) leben nicht unbedingt von Recherche, von überprüfbaren Fakten und ausgewogener Berichterstattung, sondern von der Attitude des Verfassers.

In türkischen Printmedien ist das ohnehin so. Jede Zeitung bietet Kolumnen, (Kös,e yazar?, übersetzt: "Ecken-Autor"), die weniger einen journalistischen Anspruch haben, sondern sich mehr durch Originalität auszeichnen und die Leserschaft polarisieren. Die Kolumnisten sind das Alleinstellungsmerkmal des Mediums. Ömer Erzeren, ein Korrespondent der taz, schreibt:

Je herber, je vulgärer die Sprache, desto mehr geht man sicher, von Freund und Feind gelesen zu werden.

Die Angst deutscher "Holzmedien" vor dem "flame war" in einem ihrem Internetforen ist offenbar weniger eine journalistische als eine kulturelle Frage.

Stefan Niggemeier gelingt es, das zentrale Problem sowohl des klassischen Journalismus als auch der Blogs im Zeitalter des Internet zusammenzufassen:

Die klassischen Medien haben in den vergangenen Jahren nicht nur das Monopol darauf verloren, die Bevölkerung zu informieren. Sie haben auch das Monopol darauf verloren, vor einem breiten Publikum Lügen zu verbreiten, Menschen zu verunglimpfen und Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Manchmal kommt es mir so vor, als kämpften sie gerade verzweifelt darum, beide Monopole zu verteidigen.

Stefan Niggemeier

Wenn die Blogger nicht nur über die Veranstaltung wie in einem Schulaufsatz berichtet, sondern recherchiert hätten, wäre ihnen aufgefallen, was und wen Konken mit den "feigen Schmierfinken" meinte: Den anonymen Der Stadl, in dem über ihn zum Beispiel steht:

Michael Konken, glückloser DJV-Vorsitzender mit Pechsträhne, hat schon wieder gegen seinen Erzfeind Conen verloren. (...) Konken, der sich nicht entblödet hatte, anderen die Verantwortung für den von ihm gestellten Insolvenzantrag in die Schuhe zu schieben, konnte (..) damit bei den Richtern nicht landen. (...) Neben den schon auferlegten Kosten des böswillig initiierten Verfahrens "rund zehntausend Euro" kostet Konkens Beschwerde noch einmal 2000 Euro extra.

Der Stadl

Verständlich, dass der Mann sauer ist und emotionale Zuneigung von Delegierten holt, die ihn zu mehr als 80 Prozent wiederwählten.

Nachtrag: Dieser Artikel vermischt Berichterstattung und Meinung, würde daher in deutschen Leitmedien nicht gedruckt werden. Für eine türkische Zeitung wäre er als Kommentar viel zu sachlich, also langweilig. Als Blog jedoch wäre er zu lang.

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