Syphilis doch der Fluch des Indio-Goldes?

Matthias Gräbner 15.01.2008

Die Theorie, dass die Syphilis von Kolumbus’ Entdeckerflotte nach Europa eingeschleppt wurde, galt beinahe schon als widerlegt. US-Biologen haben nun die Vertreter der Erregerfamilie genauer untersucht - demnach könnte die Krankheit doch aus Amerika stammen

Dass einige von Kolumbus’ Seeleuten ein paar Wochen nach ihrer Abreise aus Westindien ein kleines Geschwür an ihrem besten Stück bekommen haben müssen, fiel den Männern vermutlich nicht mal auf - die Lebensbedingungen an Bord eines der damaligen spanischen Schiffe hielten anstrengendere Gefahren bereit. Zumal dieses Primärstadium der heute als Syphilis bekannten Infektionskrankheit in der Regel schmerzarm verläuft.

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Schon zwei Jahre später kam es in Europa zur ersten geschichtlich bekannten Syphilis-Epidemie - sie begann 1495 mit der Belagerung Neapels durch die Franzosen unter Karl dem Achten und breitete sich über ganz Europa aus, als das multinationale Söldnerheer später wieder in seine Heimat zurückkehrte. Woher die Krankheit wirklich kam, ist unter Medizinhistorikern umstritten. Lange Zeit galt die Syphilis als späte Rache der Indios an deren bedingungsloser Unterwerfung durch die europäischen Eroberer. Später gelangen allerdings Knochenfunde, die die typischen Anzeichen einer fortgeschrittenen Syphilis-Erkrankung aufweisen - und zwar in Europa deutlich vor Kolumbus’ Rückkehr aus dem Land, das später als Amerika bekannt wurde.

Der Krankheitserreger aus der Gruppe der Spirochäten erzeugen im Spätstadium nämlich auch an den Knochen der daran Erkrankten spezifische Veränderungen, die sich an Skelettfunden heute noch nachweisen ließen. Dass sie überhaupt dazu fähig sind, liegt an dem bemerkenswerten Aufbau der Bakterien. Sie besitzen nämlich nicht wie andere Arten äußere Geißeln, mit denen sie durch Körperflüssigkeiten manövrieren könnten. Stattdessen verfügen sie über so genannte Endoflagellen, spezielle Geißeln, um die ihr Körper herumgewunden ist. Drehen sich diese Geißeln um ihre eigene Achse, rotiert der ganze Körper des Bakteriums um sich selbst und kann sich wie ein Spiralbohrer auch in festere Strukturen bohren. So bilden Schleimhäute für den Syphilis-Erreger Treponema pallidum kein Hindernis.

Doch wo kommt die Krankheit nun wirklich her? Eine neue Antwort darauf liefern US-Biologen im Fachmagazin PLoS Neglected Tropical Diseases. Sie haben 26 Bakterienstämme der Treponema-Familie (die auch andere Krankheiten verursacht) aus aller Welt genetisch untersucht und dabei jeweils 21 Genregionen verglichen. Ihr erstes Ergebnis: familiengeschichtlich ist das Bakterium, das die schwere infektiöse Form der Syphilis hervorruft, zugleich das jüngste Familienmitglied.

Und zugleich ist es mit dem Stamm am engsten verwandt, der aus Südamerika stammt und dort für die Frambösie verantwortlich ist. Die Wissenschaftler folgern daraus, dass tatsächlich Kolumbus die Form von Treponema pallidum in Europa eingeschleppt hat, die in der Folge die bekannten schweren Epidemien verursachte. Es habe aber auch in der Alten Welt zuvor schon Treponema-Stämme gegeben, die andere Syphilis-Formen hervorriefen. Die US-Studie ist durch die Zahl der untersuchten Bakterienstämme sehr überzeugend. Als Schwachpunkt sehen die Forscher selbst, dass die DNS der einzelnen Treponema-Unterarten sehr wenig variabel ist (einzelne Unterschiede wiegen dafür umso schwerer), was die genaue familiengeschichtliche Zuordnung erschwert.

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27055/1.html
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