Der Carlos-Hoax

21.01.2008

Geisterjäger James Randi "begeistert" Australien

1988 hielt der 3500 Jahre alte Geist "Carlos" die australische Öffentlichkeit in Atem. Der 19-jährige José Luis Alvarez aus Puerto Rico war in der Lage, Carlos in seinem Körper inkarnieren zu lassen und ihm so eine Stimme zu verleihen. Immer, wenn der Geist von Alvarez Besitz ergriffen hatte, hörte dessen Puls zu schlagen auf und Carlos sprach mit seltsamer Stimme über das Jenseits und über die Zukunft. Innerhalb von nur einer Woche wurde Alvarez/Carlos zum Medienstar, der schließlich in Sydney einen spektakulären Auftritt vor 500 Zuschauern bot. Dort bot er seine Tränen zum Verkauf an sowie aus Atlantis stammende Kristalle, welche Migräne vertreiben. Selbst der amerikanische Begründer der Skeptikerbewegung, der Uri Geller-Schreck James Randi, hielt sich mit Kritik zurück, obwohl er sich sicher war, dass Betrug im Spiel sei – denn der Geist "Carlos" war niemand anders als Randi selbst ...

Der Zauberkünstler James Randi, einem breiteren Publikum als Hausmagier von Alice Cooper bekannt, hatte sich seit den 70er Jahren an Esoterik-Superstar Uri Geller abgearbeitet, an dessen Kräfte er nicht glauben mochte. Zerknirscht hatte der Begründer Skeptikerbewegung einräumen müssen, dass er der Karriere des Wundermannes nicht wirklich geschadet hatte. Im Gegenteil hatte er durch die unfreiwillige PR massiv zu dessen Bekanntheitsgrad beigetragen. Berühmte Wissenschaftler, darunter Nobelpreisträger, hielten an ihrem Glauben an Gellers Fähigkeiten fest. Um zu beweisen, dass gewiefte Zauberkünstler auch Wissenschaftler täuschen können, hatte Randi seinerzeit mit seinem Projekt Alpha in einer Undercover-Operation ein parapsychologisches Labor unterwandert – mit erschreckendem Erfolg. Nun aber hatte Randi ein neues Terrain gefunden, mit dem es zu experimentieren galt: Die Medien.

James Randi

Besonders verärgert war Randi über das australische Fernsehen. Also beschloss er, Downunder eine "geistreiche" Sensation zu bieten, nach allen Regeln der Kunst, dick aufgetragen und mit beachtlicher Fallhöhe: Beim "Projekt Carlos" sollte ein x-beliebiger Mensch, der keinerlei schauspielerische Ausbildung hatte, zum Wundermann inszeniert werden. Der Darsteller sollte möglichst skurril wirken, um die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu lenken. Die Wahl fiel auf den jungen Künstler José Oliver, den Randi deshalb favorisierte, weil dieser keine Ahnung von esoterischen Themen hatte.

Um José Oliver in den obskuren Geisterbeschwörer José Luis Alvarez zu verwandeln, musste dieser sich Videos über medial begabte Menschen ansehen, welche Geister Verstorbener zu channeln pflegen. Randi inszenierte ein Radio-Interview sowie eine vorgetäuschte TV-Show jeweils eines fiktiven US-Senders, in welcher sich Alvarez gegen gefakete Skeptiker behauptete. Hierbei arbeitete er mit einem echten US-TV-Sender zusammen. Als weiteres Promotion-Material stellte er eine Pseudo-Pressemappe mit Artikeln aus ebenfalls frei erfundenen amerikanischen Zeitungen zusammen und schickte das ganze an die australischen Medien. Bei den gefälschten Zeitungsartikeln arbeitete Randi bewußt schlampig und wies dem jeweiligen Erscheinungsdatum extra einen falschen Wochentag zu, was jeder hätte überprüfen können. Ein Foto zeigte den Geisterbeschwörer vor einem großen Publikum, dass ihm eine Standing Ovation zollte – in Wirklichkeit war er für fünf Minuten in der Las Vegas-Show von Randis Freunden Penn&Teller zu Gast gewesen, wo eine Scharade gestellt wurde. Auch ein Booklet "The Wisdom of Carlos" mit sinnfreien Worthülsen durfte nicht fehlen. Jeder Journalist hätte den Schwindel durch einen einfachen Anruf in die USA entlarven können. Nicht ein einziger tat es.

Wie bei Geistersehern üblich, benötigte Alvarez einen Impressario. Um eine aufmerksamkeitsfördernde Kontroverse zu stimulieren, stellte ihm Randi einen bewußt schmierig inszenierten Manager zur Seite, der in eitlen Klamotten wie ein "mexikanischer Bandit" wirken sollte, um den Hass der Presse auf sich zu ziehen. Alvarez wurde in Testinterviews für kritische Fragen fitgemacht.

Trickreiche PR-Kampagne

Der australischen Presse wurde Alvarez zutreffend als Künstler vorgestellt. Dieser habe bei einem Motorradunfall die Bekanntschaft mit dem 3500 Jahre alten Geist Carlos gemacht und auf diese Weise die Fähigkeit erworben, Carlos jederzeit zu channeln. Um die Prozedur noch obskurer zu gestalten, sorgte Randi mit einem alten Fakir-Trick dafür, dass der Puls des Geisterbeschwörers stehenblieb, wenn "Carlos" von Alvarez Körper Besitz ergriff. Bei einer Pressekonferenz vor den australischen Medien brauchte Alvarez noch nicht einmal selbst zu denken: Randi, der verkleidet unter falschem Namen parallel reiste, soufflierte Alvarez/Carlos seine Texte über einen kleinen Funkempfänger, der von der Frisur verdeckt wurde.

1988 trafen Alvarez und aein Manager in Australien ein, parallel undercover ein gewisser "Philip Adams". 60 Stunden nach Ankunft hatte Carlos bereits acht Termine im australischen TV absolviert. Auch die Zeitungen hatten Randis PR-Texte über den angeblich in den USA so berühmten Alvarez ohne Recherche als eigene Nachrichten gebracht. Nachdem ein Arzt für den simplen Trick mit dem Pulsanhalten eine Erklärung angeboten hatte, lud die Today-Show den Geisterbeschwörer ein zweites mal ein. Um sich nicht vorführen zu lassen – und um die erforderliche Aufmerksamkeit zu stimulieren - ließ Randi Alvarez Manager vor laufender Kamera dem skeptischen TV-Moderator George Negus ein Glas Wasser ins Gesicht kippen, der daraufhin von allen guten Geistern verlassen war - die Schlagzeilen ließen nicht auf sich warten. Über Nacht hatte die Kontroverse dem Geisterbeschwörer in Australien hierdurch einen bemerkenswerten Bekanntheitsgrad verschafft.

Für weitere Publicity sorgte die australische Sektion der von Randi seinerzeit begründeten Skeptiker-Bewegung, die gegen Alvarez eine Kampagne startete und ihn anfeindete. Randi, der sich seit langem als psychic investigator positioniert hatte, erhielt genau eine Anfrage von einer autralischen Skeptikerin, was denn von Carlos zu halten sei. Das wiederum brachte den aufklärerischen Zauberkünstler in einen Gewissenskonflikt, aber solange nicht die Presse selbst anfragte, hielt er durch und ignorierte seine Mitstreiterin. Die Presse fragte nicht.

Showdown

Optimistisch hatte Randi für den einzigen öffentlichen Auftritt die Dramabühne des Opernhauses in Sydney gebucht, wo Carlos bereits eine Woche nach seiner Ankunft auf dem Kontinent unter großem Medienrummel bei freiem Eintritt das Haus füllte.

Die Presse trat der Carlos-Story durchaus skeptisch gegenüber, dennoch räumte sie dem kuriosen Gespann genug Sendezeit und Zeilen ein – nach Schätzung von Randi hätte er von gläubigen Journalisten kaum mehr bekommen. Die durch das geschickte PR-Kalkül erschlichene Medienaufmerksamkeit wäre für ein echtes Medium ausreichend gewesen, um die gewünschten Ziele zu erreichen, und sei es auch nur ein Bruchteil einer Masse, der überzeugt wird. Zweifellos hätte Randi mit seinem Streich eine Menge Geld verdienen können.

Eine Woche, nachdem Carlos in Australien aufgetaucht war, gab er seinen Geist auf: im australischen Fernsehen ließ der streitfreudige Zauberkünstler die Bombe platzen. Über den Hoax gibt es einen witzigen Dokumentarfilm.

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