Blaue Nächte, grünes Licht

20.01.2008

Déjà-vu im Reich der Zeichen: Wong Kar-wai reist durch Amerika und trifft Wim Wenders

Was findet man, wenn man die Seele Amerikas sucht? Seine Wirklichkeit kaum, eher schon seinen Mythos, das etwas arg idealisierte Selbstbild der USA. Mythische Räume: New York, Memphis, Las Vegas. "My Blueberry Nights" ist eine sentimental journey durch Amerika, das hier merkwürdig zeitlos und ins Unkonkrete enthoben wirkt. Es ist die Kulisse für die Suche eines Menschen nach sich selbst. aber was findet man, wenn man sich selbst sucht?

Die Kamera gleitet von rechts nach links, gelb-grüne Neonlichter und eine blaubeerfarbene Nacht beherrschen die Leinwand, eine Erzählerin spricht aus dem Off und unter ihren Worten erklingt Musik: "Try a little tenderness"… oder später auch mal kurz das Titelthema aus dem Welterfolg "In the Mood of Love". Wir sind, das steht schnell außer Zweifel, in einem Film von Wong Kar-wai, und in mancher Hinsicht ist Wongs neuer Film tatsächlich fast ein déjà-vu. Und doch ist diesmal alles anders: Der Starregisseur hat seine Heimat Hongkong verlassen, und bewegt sich erstmals durch die USA, genauer durch die Mythen des US-Kinos: Den Highway und den Diner, New York und LA, Road Movie und Film Noir, und nicht zuletzt die Bilder Edward Hoppers - Wong meets Wim könnte man sagen, denn ein Hauch von Wim Wenders schwebt durch diese Bilder, und noch nie war ein Wong Kar-wai-Film so uncool wie dieser.

Im Wong-territory

Mit "My Blueberry Nights", mit dem im vorigen Mai die Filmfestspiele von Cannes eröffnet wurden, erfindet sich Wong Kar-wai gewissermaßen neu, und bleibt doch ganz der Alte: Ein Regisseur, der musikalische Bilder bietet, der dem poetischen Verweilen den Vorzug vor dem glatten Plot gibt, und natürlich ein Filmemacher und Mann, der die Frauen liebt: Denn ein Film, in dem Natalie Portman und Rachel Weisz Hauptrollen spielen, kann schon mal gar nicht so schlecht sein. Die Überraschung ist aber Jazzsängerin Norah Jones, die in ihrer ersten Kino-Hauptrolle weitgehend mit den Weltstars mithalten kann. Nur manchmal sieht man ihr an, dass sie am Limit spielt, nichts mehr zuzusetzen hat.

Die Gefühle des Wong-territory sind mittlerweile vertraut, und dieser Film ist nicht, was "Happy Together" vor zehn Jahren gewesen ist - der bisher einzige Wong-Kar-wai-Film, der außerhalb Hongkongs gedreht wurde, wenn auch das Buenos Aires dieses Films dem Stadtstaat streckenweise zum Verwechseln ähnlich sah: Eine Neuerfindung radikaler Art, mit der der Regisseur seinerzeit nach "Fallen Angels" seinen Satz "Ich möchte keine Wong-Kar-wai-Filme mehr machen" in die Tat umsetzte. Melancholie, Nacht, Neon, das kennen wir auch schon von ihm, und so wie der Film daran erinnert, dass das Neon ursprünglich aus Amerika kam, wir überhaupt etwas erfahren über die US-Wurzeln des Hongkong-Kinos, eigentlich seine italoamerikanischen Wurzeln, so belegt er auch umgekehrt, was wir schon immer wussten: die Gefühle des Hongkong-Kinos sind letztendlich universal.

Ein Bild für Vereinigung, für Sex

Eigentlich handelt "My Blueberry Nights" wie alle Wong-Filme von der Unfähigkeit zur Liebe, die zugleich wiederum ein allgemeines Problem ist. Zumindest die zu der Liebe moderner Art, die Liebe als Passion. Ein Barkeeper und eine junge Verlassene werden zu entfernten Liebenden in einem Film über Distanzen und ihre Überbrückung. Und wenn Jude Law Norah Jones den Blaubeerkuchen von den Lippen küsst, dann filmt Wong Kar-wai das in der gleichen Einstellung wie das unglückliche Liebespaar in "Days of Beeing Wild", der ihn berühmt machte. Es gibt auch sonst wunderbare Bilder: Wenn das weichgeschmolzene helle Vanilleeis in die dunkle Blaubeersoße fließt, ist das ein Bild für Vereinigung, für Sex.

Jeremy, der von Jude Law gespielte Cafe-Betreiber ist ein doorkeeper in vielerlei Hinsicht. Einer der zu vielen Kunden eine Geschichte erzählen kann, ein Schlüsselwächter, der zu vielen Türen und manchen Herzen den Zugang weiß. Jeremy hat im Film eine Sicherheits-Kamera im Laden, die permanent alles aufzeichnet. Und es ist vielleicht ein bisschen zu sehr vorhersehbar, dass er dann irgendwann sagt, dass sie wie sein Tagebuch ist. Ab und an hat man das Gefühl, dass der Regisseur hier ein wenig seiner eigenen Masche aufgesessen ist. Und Amerika erweist sich da nicht als hilfreich. Wie vor ihm schon andere Regisseure - Wim Wenders, Louis Malle - arbeitet sich Wong derart angestrengt an den US-Mythen ab, dass beim Rest die Disziplin fehlt.

Stadtlandschaften, klaustrophobische Innenräume, Roadmovie

"I need someone to talk to. Will you listen to me?" - "Of course. Come in." Damit beginnt eine recht verlaberte erste halbe Stunde, bevor der Film dann aufbricht, und zu sich selbst findet. Zuwenig von Wongs ureigener Poesie aber hat das, es fehlt gerade, was man an diesem Regisseur so besonders schätzte. Und mehr als einmal ertappt man sich beim Gedanken: Wenn sie doch wenigstens chinesisch reden würden...

Kein schlechter Film, aber gemessen an dem, was man von Wong Kar-wai erwarten darf, doch eine gelinde Enttäuschung - wenn auch eine äußert angenehme. "My Blueberry Nights" ist einfach ein bisschen konventioneller, als seine bisherigen Filme. Man muss da natürlich manches auf den Einfluss des Hollywood-Studio schieben, und leider lässt sich außerdem nicht übersehen, dass Wong zum allerersten Mal überhaupt nicht mit seinem bisherigen Stammkameramann Christopher Doyle gedreht hat. Wong arbeitet im Kern immer mit dem gleichen Team. In "My Blueberry Nights" führte der geborene Iraner Darius Kondji die Kamera. Er wurde in den USA ausgebildet, machte seine ersten Erfahrungen als Kameramann aber im französischen Kino. Ersten Ruhm erntete er mit Jean-Pierre Jeunet/Marc Caros "Delicatessen". Seinen Durchbruch in den USA erlebte er 1995 mit David Finchers "Seven", seitdem arbeitete der Routinier unter anderem mit Bernardo Bertolucci, Alan Parker, Roman Polanski, Woody Allen und Sidney Polack. Dass Wong auf seinen Stammkameramann Doyle verzichtete, hat sowohl damit zu tun, dass Wong in Amerika mit Studiogeldern arbeitete, und Doyle den Arbeitsstil Hollywoods - der ihn unter anderem dazu zwingt, die Kamera nicht selbst zu führen - ablehnt. Es liegt aber auch an einer gewissen Entfremdung bei der langjährigen Traumpaarung des Hongkong-Kinos. Doyle hat zuletzt aus einem gewissen Überdruss an Wongs zeit- und energieraubender Arbeitsweise kein Hehl gemacht.

Auch anderes ist neu: Wong Kar-wai war bisher zumeist ein Regisseur der engen Straßen und Stadtlandschaften, der klaustrophobischen Innenräume. Einen Roadmovie hätte man von ihm als letztes erwartet. Um so bewundernswerter, dass dies alles in allem doch ein richtiger Wong Kar-wai-Film geworden ist. Eine lange Passage in der Bar am Anfang ist ein einziges Selbstzitat, sogar Musik aus den eigenen Filmen kommt aus dem Off.

Identitätsbrüche und cross-border

Immer noch ist Wongs Stil zutiefst subjektiv, impressionistisch. Zum Teil wird aus schrägen Perspektiven, oder von der Seite aus gefilmt, oder ganz niedrig, unter Kopfhöhe der Personen, von denen manchmal nur Gesichtshälften zu sehen sind, manchmal nur Beine, Hände, andere Körperteile. Die Seiten sind unüblich gerahmt - es kann alles auch anders sein, als gewohnt sagen diese Bilder. Visueller Möglichkeitssinn, neben das Erzählen des Erzählens tritt das Beobachten des Beobachtens. Doch bei wenigen anderen Filmemachern der Gegenwart erscheinen die Darsteller so schön wie bei Wong, ihre Darstellung so sehr im Geist des klassischen Starkinos gehalten. In "My Blueberry Nights" sieht man zum Beispiel einmal Norah Jones sich selbst im Spiegel betrachten, ein andermal eine Zigarette rauchen - in Zeitlupe, die einem alle Zeit der Welt gibt, sie zu betrachten. So inszenierte man die Femmes Fatales des Film Noir. So haben später Antonioni (in "La Notte" und "L'Eclisse") und Fassbinder ihre Frauenfiguren in Szene gesetzt. Virtuosität und Anmut, Coolness und Romantik verschmelzen in Wongs Bildern.

Neben die Menschbilder treten in diesen Filmen die Räume und die Gegenstände. Spiegel, Züge, Zigaretten - dem gilt der Fetischismus dieser Filme. Räume, ihre Geschlossenheit und das Interieur sind das eigentliche Subjekt dieser Filme. Dabei geht es aber immer auch um den inneren, den psychologischen Raum, den der Empfindung und des Bewusstseins. Es sind mythische Räume, die in diesen Filmen besucht werden: New York, Memphis, Las Vegas.

Dies mischt sich wie Blaubeerkuchen des Titels mit dem Vanilleeis mit den bekannten Elementen aus Wongs Universum, mit den Schleifen und Synkopen der Liebesunfälle. Und die Identitätsbrüche: Elizabeth nennt sich auf ihrem Trip einmal Lizzie und einmal Beth, und ein wenig ist sie hier immer auch eine andere Persönlichkeit. Im Zweifelsfall wird das alles noch viel besser werden, wenn Wong jetzt als nächstes "Lady of Shanghai" dreht, ein Remake von Orson Welles' gleichnamigem Film, mit Niocole Kidman in der Hauptrolle, oder dich Naomi Watts und mit Tony Leung. Darin geht es um eine chinesisch-amerikanische Liebe, alles ist noir, und spielt in Innenräumen. Dies hier ist eher ein etwas zu typischer Cross-Border-Film: Ein chinesischer Regisseur, der mit europäischem Geld und US-Darstellern einen Film in Amerika dreht.

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